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24. Januar (1941), Rückkehr Haile Selassies nach Äthiopien – was der ehemalige Kaiser mit Bob Marley und Reggae zu tun hat

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

24. Januar (1941), Rückkehr Haile Selassies nach Äthiopien – was der ehemalige Kaiser mit Bob Marley und Reggae zu tun hat

Lange verfilzte Haare, gelb-grün-rote Mützen und dazu eine Musik, die lange als „Musik für Kiffer“ verschrien war – diese Merkmale sieht man heutzutage bei jungen Leuten, vor allem im Sommer, im südlichen Europa mehr als bei uns. Und noch mehr in der Karibik. Die „Träger dieser Merkmale“ verwenden natürlich eine Fachsprache: So wird die Haartracht in Anlehnung zu Dreadlocks, die Mütze heißt Tam Crown und die Musik nennt sich Reggae. Die Musik kennen wir. Spätestens seit einer Werbung für weißen Rum oder für kleine Leckereien aus Kokosflocken gehört dieser Musikstil auch für Otto-Normalverbraucher zum Karibik-Feeling einfach dazu.

Jetzt allerdings wird es komplizierter. Die Dreadlocks zum Beispiel haben ihre Wurzeln in der Bibel. Dort enthält das Buch Levitikus (3. Buch Mose) – in der damaligen Tradition ausschließlich an Männer adressiert – das Verbot, sich die Haare und den Bart zu schneiden. Gerichtet ist dieses Verbot an Asketen, die Gott auf eine besondere Weise nah sein wollten. Diese sogenannten Nasiräer leisteten einen Eid (Nasiräergelübde), auf Alkohol zu verzichten, sich von Leichen und Gräbern weit entfernt zu halten, um nach damaliger Vorstellung nicht unrein zu werden. Und eben sich Haupthaar und Bart nicht zu scheren.
Die Tam Crown, also jene gelb-grün-rote Pudelmütze, kennzeichnet den Kampf der Nachfahren ehemaliger schwarzer Sklaven gegen ihre Unterdrücker – wenn Sie so wollen ein Symbol der Freiheit. Grün steht dabei für die Fruchtbarkeit des Bodens, Gelb für die Liebe zum Vaterland. Die rote Farbe symbolisiert das Blut, das für das Vaterland vergossen wurde. Viele afrikanische und karibische Staaten, in den meisten Fällen ehemalige Kolonien, tragen heute mit genau dieser Symbolik diese Farben in ihren Nationalflaggen. Und um auch dies anzumerken: In manchen Fällen kommt in Anlehnung an den jamaikanischen Politiker und politisch-religiösen Vordenker Marcus Garvey Schwarz hinzu oder aber ersetzt die Farbe Rot. Ein Symbol für die Heimkehr in die alte Heimat, ein Symbol für die Zurück-nach-Afrika-Bewegung also, da eben die eigenen Vorfahren gewaltsam aus Afrika als Sklaven verschleppt wurden.
Der Reggae wird spätestens seit Bob Marley, Peter Tosh und vielen anderen hauptsächlich karibischen Musikern zu einem Vehikel, das die verbindende Botschaft von Rastalocken und Tamcrown in die Welt trägt: eine Botschaft von Freiheit, Politik und Religiosität. Und natürlich soll die Reggaemusik, ähnlich wie der US-amerikanische Gospel, diese Botschaft bei denen lebendig halten, die sich ihr und ihren politisch-religiösen Zielen verbunden fühlen.

Und nun endlich kommt auch Haile Selassie ins Spiel, der ehemalige Kaiser von Äthiopien: 1935 greift das Königreich Italien mit seinem Ministerpräsidenten Benito Mussolini das Kaiserreich Abessinien, also das spätere Äthiopien, an, um entsprechend seiner faschistischen Ideologie neuen Lebensraum im Osten (Afrika) zu erobern. In diesem Krieg setzen die Italiener massiv chemische Massenvernichtungswaffen ein, hauptsächlich Senfgas, und beginnen in der Folgezeit, systematisch die Eliten des Landes zu ermorden. Der äthiopische Kaiser Haile Selassie flieht bereits am 2. Mai 1936 ins Exil nach London. Mit Unterstützung britischen Militärs kann Selassie, der am 23. Januar 1941, also heute vor 80 Jahren, in die äthiopische Hauptstadt Adis Abeba zurückkehrt, die Italiener besiegen und aus dem Land jagen. Äthiopien ist damit zu diesem Zeitpunkt das einzige schwarzafrikanische Land, dem es gelungen ist, die weißen Herrscher aus dem Land zu vertreiben.

So weit, so gut. Von nun an aber wird es mysteriös: Kaiser Haile Selassie führt seinen Stammbaum bis auf eine Liaison des legendären israelitischen König Salomon mit der Königin von Saba zurück, also bis ins 10. vorchristliche Jahrhundert. Eine Genealogie, die aber mehr religiös-literarisch, denn historisch zu werten ist, soll belegen, dass Selassie der 225. Nachfolger König Salomos ist. Folglich sieht man sich in Äthiopien als Nachfolger Israels, das durch Ungehorsam gegenüber Gott seinen Status als auserwähltes Volk verloren hat und fast völlig vernichtet wurde. Alten Legenden zufolge befindet sich zudem die Bundeslade, also das große Heiligtum des Volkes Israel, das in den Wirren der Jahrtausende verloren ging, an einem geheimen Ort in Äthiopien.

Ursprünglich heißt Haile Selassie in seiner Jugend Ras Tafari Makonnen, wobei „Ras“ seinen Prinzentitel meint, Tafari – der, der wohl angesehen ist – der Vorname ist und Makonnen auf Vater bzw. Großvater verweist. Im Zusammenhang mit seiner Kaiserkrönung gibt er sich 1930 den Namen Haile Selassie, was übersetzt „Macht der Dreieinigkeit“ bedeutet und Selassie damit zu einer Art Gesandten oder Statthalter des christlichen Gottes macht. Dies verstärkt Selassie, indem er sich den Herrschertitel „Neguse Negest“ („König der Könige“) gibt, außerdem die Titel „Löwe von Juda“ (vgl. Bob Marley, Iron Lion Zion), „Auserwählter Gottes“ und „Verteidiger des Glaubens“ nennt.
Dass die äthiopische Nationalflagge seit dem Kaiserreich die Farben Grün, Gelb und Rot trägt, ist da nicht weiter verwunderlich. Die Farben stehen neben der bereits benannten Symbolik auch für den Heiligen Geist, Gott Vater und den Sohn Gottes, für Hoffnung, Nächstenliebe und Glauben.

Eine alte Prophezeiung, die aber möglicherweise auf den bereits benannten Marcus Garvey (1887-1940) zurückgeht, besagt: Wenn es einem schwarzen König gelänge, die Weißen zu besiegen, dann sei der Tag der Rückkehr in die alte afrikanische Heimat gekommen. Und vor allem die Wiederkehr Gottes. Selassie gelingt also nicht nur die Vertreibung der verhassten Weißen. Er hebt die Sklaverei auf und macht Äthiopien zum Vorbild für andere Länder und Kolonien, in denen Schwarze von Weißen versklavt werden. Konsequent

wird Haile Selassie dafür für viele seiner Anhänger nicht nur zum Kaiser, sondern, obwohl selbst Mitglied der Äthiopisch Orthodoxen Kirche und damit Christ, zum Gott, zum in der Bibel verheißenen wiedergekehrten Messias. Durch Zusammenziehung seines Fürstentitels, Ras, und seines Vornamens, Tafari entsteht das Wort Rastafari, das von Jamaika aus zum Namen einer neuen Glaubensbewegung wird. Zum Rastafarianismus bekennen sich weltweit rund 1.000.000 Menschen.
Reggaemusiker wie Bob Marley, Peter Tosh, Inner Circle, Third World, Burning Spear, Lee „Scratch“ Perry u.v.a. verehren in vielen ihrer Songs Haile Selassie und benennen ihn als Vorbild im Kampf gegen Unterdrückung. Obwohl die Sklaverei längst abgeschafft ist, bestünden alte Unrechtssysteme weiter, so die generelle Aussage. Die alten Kolonialherren unterdrücken weiterhin Schwarze in der Ausübung ihrer legitimen Rechte, was nicht hinzunehmen ist.

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