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23 Januar, Jerusalem, die problematische Hauptstadt Israels

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

23 Januar, Jerusalem, die problematische Hauptstadt Israels

Was für eine Stadt, was für eine wechselvolle Geschichte! Wer nach Israel reist, kommt um einen Besuch Jerusalems nicht herum. Schon vor über 3000 Jahren machte sie der sagenumwobene König David (um 1000 v. Chr.) nicht nur zur Hauptstadt seines Königreiches, sondern zum Zentrum des jüdischen Volkes. Hier baute König Salomon den Tempel (um 950 v. Chr.), hier wurde das Volk Israel in nationaler und religiöser Hinsicht wohl ein geeintes Volk. Von hier aus regierten die israelitischen Könige ein Reich, das vom heutigen Irak bis nach Ägypten reichte.
Schluss damit war, als der babylonische König Nebukadnezar Jerusalem eroberte (587 v.Chr.), den Tempel zerstörte und die Führungsschicht ins so genannte Babylonische Exil verschleppte. Keine Führung, kein Tempel, keine Gottesbeziehung. Denn der Tempel war, so die damalige Vorstellung, der Wohnort Gottes. Nun wurden die Babylonier ihrerseits von den Persern besiegt (539 v. Chr.), und deren König Kyros II. erlaubte den Nachfahren der Verschleppten die Rückkehr nach Israel. Und natürlich errichteten die einen Zweiten Tempel (etwa ab 515, Umbauten bis etwa 20 v. Chr.), genau an der Stelle des ersten.

Blütezeit und Eroberungen – das alles hat Spuren hinterlassen. Auch die Besetzung durch Alexander den Großen, durch Ägypter, natürlich durch die Römer und viele andere Völker. Im Verlauf weiterer Jahrhunderte wurde Jerusalem zu einem christlichen Zentrum. Danach geriet die Stadt unter muslimischen Einfluss, den die Kreuzritter mit Gewalt, aber letztlich erfolglos zu brechen versuchten.

Die Wirren der Geschichte führen dazu, dass in und um Jerusalem herum für die drei großen monotheistischen Religion, also Christentum, Judentum und Islam, Stätten höchster historischer und kultureller Bedeutung liegen:

  • Der in der Altstadt gelegene Tempelberg ist Juden und Muslimen auf besondere Weise heilig: Hier standen der erste und der zweite jüdische Tempel. Die am Fuß des Tempelbergs befindliche Klagemauer, ein Überrest der ehemaligen Stützmauern des zweiten, von den Römern zerstörten Tempels, gilt Juden als Ort des besonderen Gebets.
  • Für Muslime ist der Tempelberg der Ort, von dem aus der Prophet Mohammed in den Himmel ritt. Mit dem Felsendom befindet sich an dieser Stelle der älteste monumentale Sakralbau des Islam und damit eines der Hauptheiligtümer. Daneben befindet sich die Al-Aqsa-Moschee, neben den Heiligtümern in Mekka und Medina das drittwichtigste Heiligtum des Islam.
  • Für Christen ist Jerusalem der Ort des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi, des Gottessohnes.

Die bereits nach dem Ersten Weltkrieg vom Völkerbund entwickelte Vorstellung, für die jüdische Bevölkerung einen Nationalstaat in Palästina zu schaffen, war also aufgrund der historischen und religiösen Bedeutung Jerusalems nicht ohne Brisanz. Daran änderte auch der Zweite Weltkrieg nichts. Deshalb sahen die Beschlüsse der Vereinten Nationen im November 1947 ausdrücklich vor, dass alle drei Religionen ungehinderten Zugang zu die für sie wichtigen Stätten erhalten sollten. Garantieren

sollte das ein britisches Mandat. Als dieses jedoch am 14. Mai 1948 auslief, rief David Ben Gurion den Staat Israel aus. Hauptstadt des neu gegründeten Staates war Tel Aviv. Noch am Tag der Staatsgründung erklärten die umliegenden Länder Israel den Krieg, also das damalige Transjordanien, Ägypten, Irak, Libanon und Syrien. Israel gewann den Krieg und annektierte größere Gebiete. Jerusalem allerdings wurde geteilt: Der Westteil der Stadt kam unter israelische Kontrolle.
Neben dem Westbanks genannten Westjordanland kontrollierte als Kriegsfolge nun Jordanien den Ostteil der Stadt. Dort liegen die Altstadt, der Tempelberg mit Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer. Jüdischen Menschen wurde der Zugang zu ihren Heiligtümern verwehrt.
Vor allem der damalige ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser propagierte einen Krieg gegen Israel. Dem kam Israel 1967 im sogenannten Sechstagekrieg zuvor, eroberte größere Landgebiete von Ägypten, brachte vor allem aber auch den Ostteil Jerusalems unter seine Kontrolle. Erstmals seit 1948 konnten nun Menschen jüdischen Glaubens wieder an der Klagemauer beten.

Bereits am 23. Januar 1950 hatte die Knesset, das israelische Parlament, West-Jerusalem zur Hauptstadt Israels erklärt, was allerdings international keine Anerkennung fand, so dass bis 1967 kein Land seine Botschaft in Jerusalem eröffnete. Die Knesset erklärte erneut 1980 und 2018 das vollständige und vereinte Jerusalem gegen den Widerstand der UN zur Hauptstadt. Auch die palästinensische Autonomiebehörde beansprucht seit 2017 Jerusalem als Hauptstadt.
Jerusalem hat wohl auch zukünftig das Potenzial, als Auslöser von Streitigkeiten und Gewalt zu dienen – wohl einer der Gründe, warum selbst die Staaten, die zwischenzeitlich in Jerusalem ihre Botschaften errichtet hatten, diese in andere Städte verlegten. Ganz im Gegensatz dazu die USA: Unter Präsident Donald Trump weihten die USA am 14. Mai 2018, dem 70. Jahrestag der israelischen Unabhängigkeitserklärung, ihre Botschaft in Jerusalem ein.

Nachvollziehbar, dass Juden, Christen und Muslime in Jerusalem ihre Heiligtümer sehen und deren Würde sowie freien Zugang dorthin gewahrt wissen wollen. Schlimm, dass es bis zum heutigen Tag immer wieder Provokationen gibt, um die jeweiligen, möglichst alleinigen Ansprüche auf diese Stadt auf Dauer zu sichern. Dabei könnte Frieden in und rund um Jerusalem bewirken, dass die Menschen zueinander finden und die wechselvolle Geschichte dieser Stadt als Mahnung für friedlichere Zeiten erleben.

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