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30. Januar, John Lennon, Jakobus und die alten Kaufleute – sub conditione Jacobi

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

30. Januar, John Lennon, Jakobus und die alten Kaufleute – sub conditione Jacobi

In den meisten Versicherungsverträgen für uns Normalverbraucher findet sich diese oder eine ähnliche Formulierung, zumeist unter dem Oberbegriff „Haftungsausschlüsse“: „In Fällen höherer Gewalt“, heißt es da, gelte der Versicherungsschutz leider nicht! Wer trotzdem die sogenannten Elementarschäden vom Sturm über Hagel, Überschwemmung und Schneedruck bis hin zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen versichern will, kann mittlerweile tun, was früher zumeist nicht möglich war: eben auch solche Schäden versichern. Gegen deutlichen Aufpreis, versteht sich. Was ja auch irgendwie verständlich ist: Denn die Versicherungsgesellschaft, die nicht in die Zukunft schauen kann und daher das eine oder andere Risiko am liebsten erst gar nicht übernehmen möchte, muss für sich selbst Vorsorge treffen. Und das tut sie in der Regel über entsprechende zusätzliche Beitragszahlungen.

Vor allem wenn man nicht darauf achtet, sind derartige Haftungsausschlüsse ärgerlich, aber eben durchaus üblich. Und historisch gewachsen. Denn schon die mittelalterlichen Kaufleute haben solche Haftungsausschlüsse vorgenommen. Allerdings findet sich in ihren Verträgen kein Wort von höherer Gewalt. Stattdessen stehen schon damals ganz weit unten im Vertrag drei unscheinbare Buchstaben: s, c und J. „sub conditione Jacobi“ heißt das, auf Deutsch so viel wie „unter der Bedingung des Jakobus“. Oder etwas leichter verständlich: unter dem Vorbehalt des Jakobus. Vorbehalt? Haftungsausschluss, würde man heute sagen.

Wer genau dieser Jakobus war – darüber streiten sich die Gelehrten. Die einen halten ihn für einen Bruder Jesu, die anderen für jemanden, der erst am Ende des ersten nachchristlichen Jahrhunderts gelebt hat. Klar ist nur, es handelt sich um jemanden, der auf dem Boden der Lehre Jesu stand und in diesem Sinn selbst den christlichen Glauben zu verbreiten suchte. Da es damals weder Fernsehen noch Internet gab, tat auch Jakobus das in der Form, die damals eben möglich war: durch Briefe. Briefe, die sich im Verlauf der Jahrhunderte nicht unbedingt erhalten haben Immerhin: Ein Brief dieses Jakobus ist im Neuen Testament, also in der Bibel, zu finden. Und genau in der Schlussformel dieses Briefes formuliert Jakobus: „So Gott will und wir leben!“ Die mittelalterlichen Kaufleute machten daraus „unter der Bedingung des Jakobus“. Oder eben „unter dem Vorbehalt des Jakobus“, wie Sie wollen. Auf Latein: sub conditione Jacobi (oder auch Jacobaea).
Als frommer Mensch könnte man zum Beispiel sagen: „So Gott will und wir leben, werden wir im nächsten Jahr unseren Urlaub in Italien verbringen.“ Und wenn Corona es zulässt, würde man heute vielleicht hinzufügen, um dieses Gefühl der Ohnmacht irgendwie in Worte zu fassen. Damit würde man zum Ausdruck bringen: „Wir können nicht in die Zukunft blicken. Wir können zwar planen, aber ob etwas daraus wird? Unsere Zukunft liegt in Gottes Hand.“

Die weniger Frommen könnten den Satz mit „Gottes Hand“ weglassen und durch ein Zitat von Mark Twain ersetzen. Der soll nämlich gesagt haben: „Prognosen sind ungewiss, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen!“ Eine weitere Alternative gefällig? John Lennon formulierte in seinem Song „Beautiful Boy (Darling Boy)“ sinngemäß: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bis, andere Pläne zu machen.“ Auch wenn Lennon dabei lediglich den US-amerikanischen Schriftsteller Allen Saunders zitierte, der diesen Satz bereits 1957 geschrieben hatte, bewahrheitet er sich gerade bei John Lennon mit unglaublicher Härte: Denn kaum hatte der Ex-Beatle 1980 „Beautiful Boy (Darling Boy)“

auf seinem Comeback-Album „Double Fantasy“ veröffentlicht und große Pläne für die Zukunft, wurde er erschossen. So ist das Leben manchmal! Herbert Grönemeyer macht aus solchen Erfahrungen den Satz: „Das Leben ist nicht fair!“ Stimmt leider. Ist aber eine andere Geschichte.

Deshalb zurück zu Jakobus. Der war fromm, kannte vor rund 2000 Jahren natürlich weder Mark Twain noch Allen Saunders oder John Lennon und wollte lediglich ausdrücken: „Meine Zukunft ist in Gottes Hand. Und das heißt: Ich weiß zwar nicht, was kommt, aber ich vertraue darauf, dass Gott mich führt. Ich vertraue darauf, dass am Ende alles gut wird. Würde ich anders denken, wäre das Schmieden von Plänen überflüssig, ja sogar völlig unsinnig.“
Das haben auch die alten Kaufleute so gesehen. „Natürlich liefere ich die Ware zum vereinbarten Zeitpunkt“, wird der mittelalterliche Kaufmann zugesagt haben. Dafür stand er ein, mit seiner Unterschrift, mit seinem Namen, mit seinem Vermögen. Und auch mit dem Vermögen seiner gesamten Familie. Aber immer s. c. J., immer ohne absolute Garantie: So Gott will und wir leben. Wenn wir beim Transport keinen Schiffbruch erleiden. Wenn wir nicht überfallen werden. Und und und – dann halten wir unsere Zusage ein! Sonst nicht. Leider.

Was für die alten Kaufleute galt, ist, so meine ich, auch in heutiger Zeit recht und billig. Ein bisschen mehr Demut und Hoffnung im Leben statt übertriebener Selbstsicherheit wäre manchmal ganz angebracht. Corona führt deutlich vor Augen, dass wir das Leben manchmal weitaus weniger in der Hand haben, als wir meistens glauben.

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