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„Simson und Delila“ oder „Die Friseure haben geöffnet“ (3. März)

Dem Herrn sei es gedankt: Die Friseure haben seit heute wieder geöffnet. Mir geht‘s wie vielen, vermutlich auch Ihnen: Es wird höchste Zeit! Im November war ich das letzte Mal. Seitdem habe ich selbst ein wenig nachgeholfen. Besonders gut gelungen ist das nicht. Der typische Corona-Chic, eben. Auch wenn bei meinem Friseur seit gestern in drei Schichten rund um die Uhr gewaschen, geschnitten und gefönt wird – mein Termin liegt erst in der nächsten Woche. „Ich hätte das machen sollen

wie dieser Typ im Internet“, sagte mir meine Friseurin, als sie vor dem Laden eine Zigarettenpause machte. „Einfach Termine meistbietend versteigern!“ Dass ihr das die Stammkundschaft übelgenommen hätte, wenn das Geld entscheidet, wer als erster an die Reihe kommt, hat sie davon abgehalten. Geld ist nicht alles. Aber ohne Geld ist nun mal alles nichts.
„Willst du wirklich zum Friseur? Ich habe mich an deine Mähne gewöhnt. Erinnert mich ein bisschen an Simson“, sagt eine Freundin beim regelmäßigen Zoom-Termin. „Pass bloß auf, dass sie dir nicht die Ohren abschneiden!“ Ohren abschneiden? Ich bin ratlos. „Na ja, dem Simson haben sie die Augen ausgestochen. Aber ich dachte, das ist jetzt zu weit weg von deiner Idee mit dem Friseur…“

Ich lasse mir nichts anmerken, lese aber nach unserer Zoomsitzung sofort nach. Vom Namen her hätte ich Simson ja für einen brasilianischen Fußballer gehalten. Einer, der – zufällig vereinslos, und damit sofort einsetzbar – in letzter Sekunde durch Traumtore ohne Ende Schalke 04 vor dem Abstieg rettet. Dann wäre eine andere Freundin aus dem Häuschen. Simson, der Mann mit der Löwenmähne, rettet Schalke vor dem Abstieg. Das wäre eine Schlagzeile in der Bildungszeitung. Wobei die natürlich viel knapper formulieren würde: „Wir sind Simson!“ Was gerade in Corona-Zeiten ja prächtig passt: Simson ließ sich nämlich – ähnlich wie wir in den letzten Monaten – seine Haare wachsen. Simson gehörte nämlich der israelitischen Gruppe der Nasiräer an. Für die galt: Haareschneiden verboten. Weil zu lange Haare aber störend sein können, wurden die Nasiräer zu den Erfindern der Dreadlocks. Geflochtene Haare sind nun mal automatisch kürzer, als wenn man sie ungeflochten herunterhängen lässt. Was ja noch eine Idee für mich gewesen wäre, wenn dieser elendige Lockdown mir den Friseurbesuch noch länger verwehrt hätte.

Simson also kein Fußballer, stattdessen aber eine Art Rambo. Ein Vergleich mit Rambo ist tatsächlich viel treffender. Simson, der Rambo der Bibel – das hat was. Und wäre gar nicht so falsch. Simson erschlug 30 Philister – das waren für die biblischen Autoren die Bösen –, um mit ihren Hemden eine Wettschuld zu begleichen. Und er band 200 Füchse je zu zweien an den Schwänzen zusammen, befestigte dort einen alten Lappen, setzte den in Brand und jagte die verängstigten Viecher in die Getreidefelder seiner Gegner. Klar das alles blitzschnell lichterloh brannte. Gleich dreitausend Philister brachte er um, indem er über sie ein Haus zusammenbrechen ließ.
Obwohl man diese Erzählungen erst einmal entschlüsseln müsste, ist trotzdem sofort klar: Die Philister hat er nicht gemocht, der Simson.
Die Frauen umso mehr. Ausgerechnet

in eine Philisterin musste er sich verlieben. Als das trotz Romanze und Zärtlichkeit dann aber doch nicht so klappte, landete Simson bei einer stadtbekannten Dirne. Ja, selbst so etwas steht in der Bibel.
Mord und Totschlag und Hurerei – eigentlich klar, wie‘s in der Bibel weitergeht: „Weil aber der Herr sein ganzes Tun missbilligte, schickte er Pest und Schwefel, Feuer und Asche und ließ den ganzen Ort zu einer Salzsäule erstarren.“ So könnte es in der Bibel steht. Steht aber nicht. Mit keinem einzigen Wort kritisiert der biblische Schriftsteller die Lebensweise des Herrn Simson. Erst als Simson seine Freundschaft zu Gott bricht, kommt‘s dicke: Gefangennahme, ausgestochene Augen, Zwangsarbeit als Sklave.
Fast hätte ich es vergessen: Das Geheimnis von Simsons unglaublicher Stärke liegt in seinen Haaren. Blöd, wie Männern nun mal gelegentlich sind, verrät Simson selbst seiner Frau Delila das Geheimnis: Sind die Haare ab, sind auch seine übermenschlichen Kräfte dahin. Delila lässt sich von den Philistern bestechen, sorgt dafür, dass Simson auf ihren Knien einschläft – was auch immer die Bibel damit sagen will – und sofort fallen die Dreadlocks des Schlafenden der Schere zum Opfer. Mit der Konsequenz, dass Simson schwach ist und gefangengenommen werden kann.
Insofern sind die Haare natürlich nur die Oberfläche. Wer genauer hinschaut, merkt: Simson verlor die Bodenhaftung, sah sich selbst als „großen Macher“ und kündigte damit seine Beziehung zu Gott. Die Geschichte mit dem Haus, die ich oben schon angetippt habe, ergab sich übrigens, als sich die Philister über den gefangenen Simson lustig machten. Dabei übersahen sie, dass dem die Haare wieder gewachsen waren und er seine Kraft zurückbekommen hatte. Oder, wie Theologen jetzt interpretieren würden, sich wieder an den Geboten Gottes orientieren würde.

Es geht bei Simson und Delila – gerne auch Samson und Delilah – um Treue, wandelbare Moralvorstellungen und äußeres Handeln, ohne den Kern eines Menschen zu beurteilen. Darüber wollte der biblische Schriftsteller wohl zum Nachdenken bringen.

Simson hin oder her – ich freue mich jetzt erst einmal auf meinen Friseurtermin. Vorher werde ich aber noch googlen, ob ich außer bei „van Gogh“ irgendetwas über „abgeschnittene Ohren“ im Internet finde. Vielleicht wollte mir meine Freundin ja auch etwas sagen, was ich bloß bislang noch nicht ergründet habe.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten. „Simson und Delila“ oder „Die Friseure haben geöffnet“ (3. März)

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