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Mit brennender Sorge – Papst Pius XI. gegen NS-Ideologie (1937) (14. März)

Wenn Kirchenmänner eine offizielle Verlautbarung abgeben, hat die meist einen etwas steif klingenden Titel. Wenn man Pech hat, ist der auch noch kompliziert. Was Papst Pius XI. heute vor 84 Jahren unterschrieb, was eine Woche später, am 21. März 1937 in den Katholischen Gottesdiensten verlesen wurde, macht da eine Ausnahme. „Mit brennender Sorge“ betitelte der damalige Papst seine Enzyklika. Also sein Rundschreiben mit ganz hohem Stellenwert. Benannt werden die so genannten Enzykliken üblicherweise

nach dem ersten Wort des Textes. Weil sie in Latein verfasst werden, klingt das meistens ein bisschen ungewohnt. Doch diese Enzyklika ist auf Deutsch verfasst.
Mit brennender Sorge – so beginnt der Papst damals sein Rundschreiben. Und ich sehe ihn fast vor mir: Wie es in ihm nagt, wie er zweifelt, wie er misstrauisch wird. Jahrelang hatte die katholische Kirche mit den neuen Machthabern in Nazi-Deutschland Verträge geschlossen. Das Ziel: der katholischen Kirche ihre Freiräume zu erhalten. Doch schrittweise wurde deutlich: Die Nationalsozialisten hielten sich nicht an die Abmachungen. Kirche und kirchliche Lehre gerieten immer mehr unter Druck. Allein zwischen 1933 und 1936 erhielt die deutsche Reichsregierung 34 Protestschreiben aus Rom. Und jetzt spielte der Papst so etwas wie eine letzte, seine höchste Trumpfkarte, nämlich seine Enzyklika. Für Pragmatismus blieb dem Papst kein Platz mehr. Jetzt musste klar gesagt werden, was gegen die Lehren des Christentums verstieß. Jedem Katholiken – und damals waren die Kirche weitaus voller als heute – sollte die Haltung des Papstes, des katholischen Kirchenoberhauptes und damit die Lehrmeinung der katholischen Kirche bekannt werden. Niemand sollte später sagen können, er habe es ja nicht besser gewusst. Wenn der Papst klar Haltung bezieht, dann sind auch die Katholiken gefordert, Haltung zu beziehen. Haltung gegen die Kirchenpolitik der neuen Herrscher in Deutschland, vor allem aber auch eine Position gegen ihre menschenverachtende Rassenpolitik.

Einen Tag, bevor die Katholiken zu hören bekamen, was der Papst ihnen zu sagen hatte, hatte irgendjemand die Enzyklika an die Nazis durchgeschossen. Wenn man das in heutiges Deutsch übersetzen will, riet ihr Haupt-PR-Berater, Joseph Goebbels, zum Aussitzen. Totstellen und Ignorieren, so der Rat des Propagandaministers. Nur nicht sofort auf die Provokation und Kampfansage aus Rom reagieren – das hätte die Wirkung des Papstscheibens bei den Gläubigen allenfalls verstärkt, möglicherweise eine Solidarisierung, möglicherweise mehr Widerstand bedeutet. Deshalb beschränkte sich die Gestapo damit, das Verlesen in den Gottesdiensten zu beobachten, vor allem aber jegliche schriftliche Fassung der Enzyklika, soweit man ihrer außerhalb der Kirchen habhaft wurde, zu beschlagnahmen. Der Rest


sollte später kommen.

Und er kam später: Die Nazis schlugen zurück, so wenig öffentlichkeitswirksam wie möglich. Sie verstärkten den Druck auf kirchliche Amts- und Würdenträger, schlossen kurzerhand die Druckereien, die die Enzyklika gedruckt hatten, und enteigneten ihre Besitzer.

„Mit brennender Sorge“ hat der Papst seine Enzyklika begonnen und sich dann hauptsächlich gegen den Druck ausgesprochen, der von den neuen Machthabern in Deutschland gegen die Kirche ausging. Deutlich hatte er erkannt, dass die Nazis mit dem Führerkult und ihrer Verwendung der Begriffe „Volk“, „Rasse“ und „Staat“ eine Art Gegenkultur zur Kirche und ihrer Lehre aufbauten. Das alles war für den Kirchenmann in Rom antichristlich.
Löst man sich von allen Zusammenhängen und Wirkmächten der damaligen Zeit, dann wäre es wünschenswert gewesen, wenn der Papst nicht nur die katholische Kirche, ihre Lehre und das ungehinderte, repressionsfreie Praktizieren des Glaubens in seiner Enzyklika angesprochen hätte. Dass sich der Papst explizit gegen die Verfolgung von Juden und Minderheiten sowie gegen Konzentrationslager wendet, fehlt aus heutiger Sicht in der Enzyklika genauso wie der Blick auf die Evangelischen Kirchen, die sich ja in Deutschland in einer ähnlichen Situation befand wie die Katholische Kirche.

Was bei diesem Vorwurf meistens vergessen wird: Wie viele Politiker und Mächtige seiner Zeit unterlag auch Papst Pius XI. wohl der Fehleinschätzung, dass Programme zwar die eine, Realpolitik aber die andere Seite der Medaille sei. Deshalb versuchte der Papst lange Zeit, mit den üblichen Mitteln von Politik und Diplomatie Einfluss auf Deutschlands Regierung zu nehmen. Bis er und die ihn beratenden Bischöfe und Kardinäle erkannten, dass die Diplomaten im Vatikan einer Fehleinschätzung erlegen waren.

Auch wenn die Enzyklika „Mit brennender Sorge“ am Kurs der nationalsozialistischen Regierung nichts änderte – die höchste Trumpfkarte, die der Papst überhaupt ausspielen konnte, sollte vor allem noch Schlimmeres verhindern. Ob das gelungen ist oder nicht – wer weiß das schon. Was letztlich zählt, ist, Unrecht nicht in Kauf zu nehmen und dagegen aufzustehen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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