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Geburtstag: Oh wie schön ist Panama (15. März)

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii. Und ich war noch nie in Panama. Aber schon seit meine Kinder noch klein waren, trage ich in mir die Vorstellung: In Panama muss es wunderschön sein. Dabei bin ich mir durchaus der Ursache für diese Einschätzung bewusst: Damals also, als meine Kinder klein waren, waren bei uns zu Hause zwei Figuren allgegenwärtig, die ich untrennbar mit Panama in Verbindung bringe: der kleine Bär und der kleine Tiger. Und natürlich

das Buch ihres Schöpfers, des Zeichners und Texters Horst Eckert, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Janosch. 90 ist der Mann vor wenigen Tagen geworden. So wie ich ihn einschätze, hat er nicht allzu viel Aufhebens darum gemacht. Denn er ist auf eine besondere Weise locker, lebt schon lange in seiner eigenen Welt. Als Aussteiger hat er sich schon bezeichnet, als Anarchist und aufgrund seines gebrochenen Verhältnisses zur katholischen Kirche auch als Ketzer. Insofern verwundert es wenig, dass er mit „seiner Schöpfung“ nichts mehr zu tun hat: Zur Jahrtausendwende hat er alle Rechte an seinen Arbeiten verkauft.

Deshalb wird er vermutlich auch den heutigen Tag nicht feiern – ganz im Gegensatz zu mir, manch anderem Erwachsenen, vielen Kindern und Kind Gebliebenen. Denn heute feiern der kleine Bär und der kleine Tiger Geburtstag. Heute erblickte „Oh wie schön ist Panama“ sozusagen das Licht der Welt. Und wir jungen und jungen Alten feiern in frohem Angedenken mit. Dass der Geburtstag auf das Jahr 1978 datiert und es sich somit um einen „krummen Geburtstag“ handelt, ist nachrangig. Wichtiger

ist der Inhalt dieses Meisterwerkes. Den konnten meine Kinder herunterbeten: Dass der kleine Bär eine im Fluss schwimmende Kiste entdeckt, die nach Bananen riecht und auf der „Panama“ steht; dass der kleine Bär und der kleine Tiger Panama zum Land ihrer Träume erklären und unbedingt hinreisen wollen; dass sie andere Tiere nach dem Weg fragen und immer weitergeschickt werden – bis sie nach einem scheinbar nie endenden Weg endlich ankommen. Und zwar an ihrem eigenen Zuhause. Und plötzlich erkennen sie: Ihre alte Behausung, ihre Heimat ist das Panama ihrer Träume. Oh, wie schön ist Panama!

Natürlich ein Kinderbuch. Aber irgendwie auch eines für Erwachsene, finde ich: Da kann ich mein Leben lang auf der Suche sein – und finde doch nichts, was mich für immer hält. Und dann schaue ich auf das Altbekannte, nur endlich einmal aus einer anderen Perspektive – und schon entdecke ich Vorzüge, die ich nie zuvor gesehen habe. Manchmal muss man eben weit weggehen und wiederkommen, um die Schönheit des Ursprungsortes zu entdecken. Manchmal muss man sich verirren, um irgendwann an sein tatsächliches Ziel zu kommen.
Vielleicht wird das sogar eines Tages das Fazit der Corona-Pandemie sein: Manchmal muss man sich ganz weit wegträumen, um zu entdecken, wie gut man es doch in Wirklichkeit zu Hause hat. Wenn es nicht Richard Wagner in Anlehnung an den alten Goethe gesagt hätte, zwei Schwergewichte, die zu zitieren von Janoschs Meisterwerk ablenken würde, dann könnte man auch kurz und knapp sagen: „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute ist so nahe.“ Weil ich aber nicht ablenken will, unterbleibt das Zitat. Die Aussage von „Oh so schön ist Panama“ ist auch so klar.

Muss ich eigentlich immer dem hinterherjagen, was ich gerade nicht habe? Muss ich meine Sehnsüchte in die Ferne lenken und dadurch den Blick für die Schönheiten vor der Haustür opfern? Irgendwie erinnert das noch an eine andere Weisheit, die im 18. Jahrhundert der Dichter Christoph Martin Wieland formulierte: den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.

Ob Wagner, Goethe, Wieland oder wer weiß ich noch: Janosch bringt es für mich in diesem einen Satz, in diesem Stoßseufzer der Zufriedenheit am deutlichsten auf den Punkt: Oh wie schön ist Panama. Kleiner Bär und kleiner Tiger: gut, dass es euch gibt. Danke. Und: danke Janosch.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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