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Babyklappe wird „volljährig“ (8. April)

Eigentlich meint man, in einem Land wie unserem ist so etwas völlig unnötig. Und trotzdem passiert es. Immer wieder.

– Da setzt eine 30jährige mitten in der Nacht ihr Neugeborenes aus. Splitternackt, noch mit getrocknetem Blut behaftet, irgendwo im Harz vor einem Einfamilienhaus. Als das Kind zufällig gefunden wird, ist es stark unterkühlt, hat gerade noch

eine Körpertemperatur von 29 Grad. Das könne nur aus einem verzweifelten Reflex geschehen sein; mit normalem Verstand lasse sich das nicht begreifen, so die Bürgermeisterin des kleinen Ortes, wo viele Menschen per Du sind.

– In München wird ein Neugeborenes in einer Hecke gefunden. Körpertemperatur: lebensbedrohliche 26 Grad. Ausgesetzt von seiner Mutter kurz nach der Geburt. Nur wenig später, und es wäre genau das passiert, was die Frau im Sinn hatte: Das Neugeborene wäre gestorben.

– In Brandenburg an der Havel findet eine Frau ein Neugeborenes im Schnee und ruft die Polizei. Erst später wird klar, dass es das Kind der Frau selbst war, die aber die Geburt verheimlichen wollte. Und damit auch die Verantwortung für das Kind ablehnte.

– Neugeborene im Müll, Neugeborene im eigenen Garten vergraben, in der eigenen Kühltruhe versteckt? Googlen Sie mal. Oder lassen sie es lieber sein. Manchen Menschen belasten derartige Szenarien nur.

Ein paar Beispiele von vielen, von viel zu vielen. Beispiele, mit denen es nicht darum geht, auch nur eine der Frauen zu verurteilen. Wer so handelt, hat seine Gründe, ob man die mag oder nicht, ob man sie für richtig hält oder nicht, ob der Gesetzgeber das Verhalten der Frauen unter Strafe stellt oder eben nicht, vielleicht, weil er mildernde Umstände anerkennt. Nein, hier geht es nicht darum, ein Verhalten zu be- oder gar zu verurteilen.

Alternative: Babyklappe
Es geht um etwas anderes. Am 8. April 2000 wurde in Deutschland offiziell die erste Babyklappe ihrer Bestimmung übergeben. Inoffiziell gab es bereits vorher Babyklappen – aber eben inoffiziell, gesellschaftlich heftig umstritten. Wenn Sie also sagen sollten: Bei uns in der Stadt gab es schon vor dem 8. April eine Babyklappe – geschenkt.
Wichtiger als das Datum sind die Fragen, die mit einer Babyklappe unauflöslich verbunden sind: Welche Frau gibt denn ihr eigenes Kind weg? Welche Frau ist so eine Rabenmutter? Fragen, die damals die Menschen bewegten. Fragen, die aber an der Realität vorbeigingen. Denn die zielten genau darauf ab, was der falsche Weg ist: Frauen, die so handeln und, noch einmal, ihre subjektiven und damit berechtigten, wenn auch nicht unbedingt richtigen, Gründe haben zu stigmatisieren. Genau darum geht es nicht! Richtig geht anders, richtig ist ein Paradigmenwechsel: Weg mit dem ausschließlichen Blick auf die frischgebackenen Mütter, stattdessen Fokussieren des Blicks auf die Kinder.

Findelkinder und Findelhäuser
Kinder, die von ihren Müttern ausgesetzt wurden, Kinder, deren Mütter sie nicht während der Schwangerschaft „wegmachen lassen“ wollten oder konnten, Kinder, deren Mütter wollten, dass sie leben, wenn auch nicht bei ihren Müttern, und Mütter, die unbewusst oder bewusst auf einen „glücklichen Zufall“ hofften, so dass das ausgesetzte Kind weiterleben konnte, gibt es zu allen Zeiten der Weltgeschichte. Weil solche Kinder gefunden wurden, hießen sie in der Sprache einer früheren Zeit eben Findelkinder. Der biblische Moses ist so ein Findelkind: ausgesetzt in einem Binsenkörbchen, im Schilf gefunden, an Kindesstatt angenommen, aufgezogen und erzogen. Und was wird aus ihm? Wenn man ihn aus jüdischer Sicht betrachtet, dann wird er zu einem glorreichen Anführer, der sein geknechtetes Volk befreit und in eine bessere Zukunft führt. Die alten Ägypter werden das anders gesehen haben. Und auch die Bibel kommt nicht umhin, Moses auch als Mörder zu beschreiben. Durchaus möglich, dass nicht historische, sondern theologische Gründe dafür eine Rolle spielen: nämlich um zu zeigen, dass Gott jeden Menschen annimmt, egal, was er getan hat, und dass dieser Mensch „mit Gott im Rücken“ Großes vollbringen kann. Das wäre typisch für die Bibel und die Art, wie sie das Miteinander von Gott und Mensch beschreibt. Hier ist die Frage, ob theologisch oder historisch, unerheblich. Wesentlich ist: Dieses berühmte Findelkind darf leben. Kaspar Hauser durfte auch leben. Allerdings hatte der letzten Endes nicht so viel Glück.

Wie auch immer: dass Menschen ihre Kinder aussetzen, ist nichts Neues. Im Mittelalter scheint die Praxis so ausgeprägt zu sein, dass die Gesellschaft eine Antwort darauf finden muss. Dies sind ab dem 12. Jahrhundert bezeugten sogenannten Findelhäuser. Dort kümmert man sich um Findelkinder und erfüllt genau die Hoffnung der Mütter: dass jemand ihr Kind findet und es aufzieht. Dass es leben kann.
Findelkinder, Findelhäuser – die Begriffe muten nicht nur antiquiert an, sie sind schlichtweg alt. Die Beweggründe, sein Kind nach der Geburt nicht zu behalten, sind aber damals wohl dieselben wie heute: Die Angst, das eigene Kind nicht versorgen zu können, zu wenig „gesettlet“, zu jung zu sein, die Befürchtung, im eigenen Leben zu scheitern, seinen eigenen Lebensentwurf mit Kind nicht mehr leben zu können – das sind die hauptsächlichen Gründe, warum Mütter ihre Kinder nicht bei sich behalten wollen. Oft genug entstammt das Kind einer Beziehung, die nicht von Dauer war, oft genug als Folge eines One-Night-Stands mit einem Unbekannten. Alleinerziehende Mutter zu sein – das trauen sich viele Menschen nicht zu. Und auch wenn es gesellschaftlich geächtet ist: dass Kinder in Beziehungen zwischen nahen Verwandten gezeugt werden, gehört ebenfalls zu den schrecklichen Folgen von sexuellem Missbrauch. Die Frage nach dem Erzeuger würde zudem weitere massive Probleme mit sich bringen.

Babyklappen statt Kindstötung
Die Möglichkeit, sein Kind anonym abzugeben, könnte zumindest verhindern, dass diese Kinder getötet werden, so die Theorie hinter den Babyklappen. Die Praxis ist einfach: Eine Klappe, gerade so groß, dass man ein Neugeborenes hindurchschieben kann, dahinter ein Wärmebettchen vorgeheizt auf Körpertemperatur. Sobald die Klappe geöffnet wird, geht ein Signal an die Profis. Und die sind innerhalb von fünf bis zehn Minuten vor Ort und kümmern sich um das abgelegte Baby. In dieser Zeit kann die Mutter sich unerkannt und unbeobachtet entfernen. Denn das gehört zu den „ungeschriebenen Gesetzen“ der Babyklappen: Kameras haben hier nichts verloren. Die Anonymität der Frauen, deren Not so groß ist, dass sie ihr Kind weggeben, damit es leben kann, soll unter allen Umständen gewahrt bleiben.

Die Älteren unter uns erinnern sich: Vor 1975 wurden Jugendliche mit 21 Jahren volljährig. In diesem Sinne würden auch die „offiziellen Babyklappen“ heute volljährig. Dass sie etwas in Vergessenheit geraten sind, dass immer noch Frauen ihre Kinder aussetzen und aus ihrer Notlage heraus glauben, es aussetzen zu müssen, ist ein gesellschaftliches Versäumnis. Nicht in jeder Stadt gibt es Babyklappen. Und fragen Sie sich einmal selbst: Wann haben Sie das letzte Mal etwas über Babyklappen gelesen? Um das Ganze zu verschärfen: Wann haben Sie das letzte Mal mitbekommen, dass ein Kind ausgesetzt und gefunden wurde? Wenn die Antworten so ausfallen, dass Sie sich bei der ersten Frage gar nicht mehr erinnern können, Ihnen bei der zweiten aber aus jüngerer Vergangenheit sofort ein Beispiel einfällt, dann ahnen Sie, warum hier und an dieser Stelle an den „Volljährigkeits-Geburtstag“ der Babyklappen gedacht wird.

21 Jahre… und was immer noch fehlt
Was vor 21 Jahren schon heiß und innig diskutiert wurde, was Befürworter und Gegner auf den Plan rief, sorgt heute kaum noch für Schlagzeilen. Rein statistisch gesehen hat sich die Situation deutlich entspannt: So wurden in den ersten Jahren in einer Hamburger Babyklappe pro Jahr sieben Neugeborene abgelegt, mittlerweile geschieht dies gerade mal noch einmal pro Jahr. Ob dies an besseren sozialen Errungenschaften wie Elterngeld und mehr KiTa-Plätzen liegt, vielleicht auch daran, dass die Anzahl der Babyklappen lange Zeit Jahr für Jahr zunahm, lässt sich nur schwer aufschlüsseln. Klar ist: Wenn auch nur ein Leben durch eine Babyklappe gerettet wird, hat sie sich gelohnt. Denn was vor 21 Jahren als geniale Idee zur Vermeidung von Kindstötungen angesehen wurde, ist es immer noch.

Geblieben ist aber auch die Kritik: dass zwar Babyklappen den Betroffenen ein Problem abnehmen, ihnen selbst aber keine Unterstützung geben, um ihre meistens insgesamt schwierige Lebenssituation zu meistern. Genau hier aber müsste eine Gesellschaft, die sich den Schutz des Lebens auf die Fahnen schreibt, ansetzen: bei mehr Zuwendung für diejenigen, die in schwierigen Situationen Unterstützung brauchen. Deshalb gibt es im Umfeld von Babyklappen, aber auch weit darüber hinaus, eine Reihe von sozialen Einrichtungen, die Menschen in Not unterstützen. Dazu müssen diese aber ihre Anonymität zumindest ein stückweit aufgeben, zumindest bei den entsprechenden Stellen um Hilfe bitten. Auch 21 Jahre nach dem offiziellen Startschuss für Babyklappen bleibt noch eine Menge zu tun!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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