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Kalter Krieg und Point Alpha an der deutsch-deutschen Grenze: Weg der Hoffnung (3. April)

1400 Kilometer lang war die innerdeutsche Grenze. Im sogenannten Fulda Gap („Fuldaer Lücke“), an der Grenze von Hessen und Thüringen, sahen viele den Punkt, an dem ein Dritter Weltkrieg beginnen könnte. Hier erwartete die NATO im Ernstfall die Invasion der Truppen des Warschauer Pakts. Deshalb galt Point Alpha in der Nähe des hessischen Rasdorf viele Jahre lang als „heißester Punkt des Kalten Krieges“

, selbst wenn es sich „lediglich“ um den Beobachtungsposten der NATO handelte, von dem aus man die Aufmarschbewegungen feindlicher Truppen am ehesten erkennen konnte.

Dort, wo nach dem Zweiten Weltkrieg wie vielerorts anfangs die „Zonengrenze“, später die hermetisch abgesicherte Grenze zwischen Ost und West errichtet wurde, ereignete sich Unmenschliches. Hier wurden Flüchtige festgenommen oder auf der Flucht schwer verletzt, lange liegen gelassen oder erschossen. Hier wurden Menschen in Angst und Schrecken versetzt und ihres Hab und Gutes beraubt. Hautnah erlebt haben das die Bewohner der Buchenmühle in der Nähe von Rasdorf. Ihr Hof wurde quasi über Nacht geteilt. Vorratsspeicher und mehr lagen plötzlich unerreichbar im östlichen Teil Europas. Mehr noch: Nicht einmal einen Steinwurf weit entfernt lagerten Soldaten, mit denen ganz sicher nicht zu spaßen war. Einen kurzen Ausflug über den Mühlbach, der die Grenze bildete, hätte niemand verhindern können. Kein Wunder, dass der Müller Angst um Leib und Leben, um Frau und Kinder hatte – und doch nicht weggehen konnte, ohne seine Existenz zu verlieren.

Auch heute noch Grenzanlagen
Wer heute nach Point Alpha kommt…, findet diese Grenzanlagen immer noch. Allerdings nur einen 1.400 Meter (!) langen Streifen, eine bewusste Analogie zur tatsächlichen Länge der Trennungslinie zwischen Ost und West. Hier sind die Grenzbefestigungen hautnah zu erleben. Wer offenen Auges hindurchgeht, erkennt, wie perfide das System war: in unterschiedlichen, gut nachvollziehbaren Entwicklungsstufen wurde die Grenze immer ausgeklügelter und unüberwindbarer, immer perfider die Möglichkeiten, Menschen auf ihrer Flucht zu stellen und zu töten. Und klar wird, was aber eh damals fast jeder wusste: Was als „anti-imperialistischer Schutzwall“ ausgegeben wurde, war ausschließlich darauf ausgerichtet, die Flucht von Menschen aus dem Osten Richtung Westen zu verhindern. Auch wenn gerne verschwiegen wird, dass es ein Mittel der Politik ist, den Gegner durch gezielte Fluchthilfe von Führungskräften zu schwächen, was der Westen tat, so sind und bleiben die Befestigungsanlagen an der innerdeutschen Grenze unmenschlich, bleiben ein 1.400 Kilometer langer Streifen, an dem viele Menschen den Tod fanden. Ein Streifen mitten durch Europa, an dem das Leid vieler Menschen nur allzu deutlich sichtbar wurde.

Bei Point Alpha kann dieses Leid bis heute nachvollzogen werden. Denn genau darum bemüht sich die Point Alpha Stiftung, die hier seit langem ein beeindruckendes Museum unterhält. Eines, dass die Schrecken der deutsch-deutschen Teilung in Erinnerung ruft. Seit 1990 ist der Spuk vorbei. Vergessen werden darf es nie. Zu schrecklich ist das Unheil, das von deutschem Boden ausging, zu furchtbar das Leid, das die Menschen im Krieg ertragen müssen. Und genau das ist Aufgabe der hier ansässigen Stiftung und der von ihr betreuten Anlagen.

Weg der Hoffnung
In unmittelbarer Nähe zu Grenzstreifen und Point Alpha Museum recken sich bizarre Metallkonstruktionen meterhoch in den Himmel, wirken düster und machen manchem Betrachter sogar ein bisschen Angst.

Was aussieht wie eine Ansammlung von Schrott, ist in Wirklichkeit Kunst. Denn Schritt für Schritt entstanden hier Skulpturen, die einen Kreuzweg darstellen. Kreuzwege – die kennt man vor allem aus katholischen Kirchen: Da werden die Stationen Jesu von seiner Festnahme bis zu seinem Sterben am Kreuz dargestellt. Hier, draußen in der Rhön, ist das ähnlich – und doch ganz anders: Der christliche Kreuzweg stehe Pate für seine Skulpturenreihe, sagt der Künstler Ulrich Barnickel. Aber gleichzeitig verweist dieser Kreuzweg darauf, dass eben genau hier die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten verlief – ein Kreuzweg für alle, die durch Selbstschussanlagen und Wachsoldaten voneinander getrennt wurden. Wie sehr ihr Lebensraum vermint war, wie sehr sie bespitzelt und ausgehorcht wurden, erfuhren die meisten Menschen erst Jahrzehnte später erfahren. Jahrzehnte, nachdem die eigentliche Gefahr vorbei war.

Barnickels Kreuzweg ist symbolträchtiger Kreuzweg. Er macht die Sinnlosigkeit von Gewalt und Willkür bewusst. Da der Kreuzweg schrittweise aufgestellt wurde, entstand die letzte Skulptur erst 20 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Auch das ein symbolträchtiges Vorgehen: Denn es zeigt, wie lange Leid und Unheil andauern – und wie langes es dauert, bis die Narben, die sie schlagen, wieder verheilen. Deshalb ist dieser Kreuzweg zwar wie jeder Kreuzweg ein Symbol für unendliches Leid, von Menschen verursacht, von Menschen anderen Menschen auferlegt. Aber er ist auch ein Zeichen der Hoffnung, dass alles Leid einmal zu Ende ist. „Weg der Hoffnung“ – ein guter Titel für Barnickels Kreuzweg. Und insgesamt eine Aussage, die auch Papst Franziskus gefiel, als der Künstler ihm seinen Kreuzweg per Broschüre persönlich vorstellte.

Die Gräuel von Unrecht, nachzuvollziehen im Point Alpha Museum und den Grenzbefestigungen, und die Hoffnung auf ein Ende allen Leidens finden im monumentalen „Weg der Hoffnung“ Ulrich Barnickels auf eindrucksvolle Weise zusammen. Hingehen und ansehen lohnt. Auch wenn es ein wahrhaft unvergessliches Erlebnis wird – im erhellenden, wie auch im beängstigenden Sinn.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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