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Friedliche Koexistenz der Weltreligionen – Nathan der Weise (Lessing) (14. April)

Mein Gott, war das langweilig. Stundenlang lasen wir einzelne Textpassagen, sollten diese Formulierung untersuchen, jene analysieren, eine weitere interpretieren und kommentieren. Wochenlang, immer derselbe alte Mist. Warum gab es eigentlich nicht mal Texte im Deutschunterricht, die etwas mit uns zu tun hatten? So dachte ich, so dachten viele meiner Mitschülerinnen und Mitschüler.

Aber längst weiß ich: Das Alter von Texten ist gar nicht so wesentlich. Wichtig ist das, was man damit anstellt. Was unser Deutschlehrer damit, mit den Texten und mit uns als Schülerinnen und Schüler anstellte, war leider nicht so viel. Aber leider nachhaltig. So nachhaltig, dass ich später im Germanistikstudium vielen Texten aus der Schulzeit, ihren Autoren und ihrem sozio-kulturellem Kontext, wie es damals hieß, konsequent aus dem Weg ging. Und viele erst danach entdeckte.

Nathan der Weise: der Ring

Bei Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ war das ähnlich, wenn auch nicht ganz so schlimm wie mit anderen Autoren und ihren Werken. Wahrscheinlich, weil mich die sogenannte „Ringparabel“ im Nathan so beeindruckte. Die steht nicht nur im Mittelpunkt dieses Lessing-Dramas – sondern auch wortwörtlich in der Mitte aller Verse. Eine typische Lehrerzählung, bei der die Form, also die Platzierung der Ringparabel im Stück, ihren Stellenwert im Mittelpunkt der Aussagen unterstreichen soll. Die Form unterstreicht also den Inhalt. Clever gemacht vom alten Lessing. Noch cleverer der Inhalt: Eine Art magischer Familienring wird seit Generationen immer an den ältesten Sohn vererbt, bis eines Tages ein Vater drei Söhne hat, die er alle gleichermaßen liebt. Also lässt er drei Ringe anfertigen, die man nicht unterscheiden kann, und gibt jedem Sohn einen der Ringe. Als der Vater stirbt, entbrennt Streit: Wer hat denn nun den echten Ring? Weil dies am äußeren Erscheinungsbild nicht abzulesen ist, stellt ein Richter weise fest: Zuerst einmal muss man daran glauben, dass es sich um den richtigen Ring handelt und

sich entsprechend vorurteilsfrei verhalten. Dann würde sich von selbst herausstellen, welches der echte Ring sei. Dass dieser aber in Wirklichkeit wohl verlorengegangen ist und alle drei Söhne lediglich ein Duplikat in den Händen halten, steht eher zwischen den Zeilen.
Bedeutung der Ringparabel

Clever von Lessing! Dass Judentum, Christentum und Islam gemeint sind, erkennt jeder Leser sofort. Dass der Text auf eindrucksvolle Weise an die Toleranz aller appelliert, auch. Wenn sich alle Menschen vorurteilsfrei verhalten, wird jeder der drei Dinge zum Segen. Oder anders formuliert: Wenn sich die drei Religionen, die zudem allesamt in Abraham ihren Stammvater sehen, gegenseitig mit Vertrauen und Achtung begegnen, gibt es Ruhe und Frieden in der Welt.
Offen lässt Lessing, woher der ursprüngliche Ring stammt. Aber hier hatten wir als Schülerinnen und Schüler ja reichlich Gelegenheit zur Interpretation. Am Ende waren wir uns einig: Der Ring stammt von Gott persönlich. Nur der ist in sich „vollkommen rund“, ja, er wird gelegentlich sogar selbst als Ring umschrieben, ohne Anfang und ohne Ende. Alles kompliziert, wie immer, wenn Menschen das, was eigentlich unbeschreibbar sein soll, versuchen mit menschlichen Gedanken und Worten auszudrücken. Da war die Nummer mit dem Ring genau so genial wie das Bild von St. Patrick, der mit einem dreiblättrigen Kleeblatt der Legende zufolge den alten Iren die Dreifaltigkeit Gottes nahegebracht haben soll.

Original vs. Duplikat

Noch cleverer, dass alle drei Söhne lediglich ein Duplikat des eigentlichen Rings bekommen hatten. Wollte damit Lessing ausdrücken: Das, was die Religionen von Gott aussagen, trifft nie Gott in seiner Gänze, sondern ist immer nur ein Abbild, eine Reduktion auf das, was wir mit menschlichem Hirn und unserer menschlichen Sprache ausdrücken können? Auch darin waren wir uns damals schnell einig.

Nun war der Ring allerdings ein magischer Ring, einer, der in der Lage war, „vor Gott und den Menschen angenehm zu machen“. Ein Ring für Schleimer? Wohl kaum. Heftiger Widerspruch kam von einer Mitschülerin, die in Religion eine Abo auf die Note „sehr gut“ hatte: dass das eine typisch biblische Redeweise sei, die schon im Alten Testament zu finden sei, aber auch im Lukasevangelium, da über Jesus gesagt wurde. Klar, dass unser besserwissender, ansonsten aber wenig hilfreicher Lehrer das in einem Kommentar ebenfalls gelesen hatte und – superschlau, wirklich – mit Hinweis auf den jungen Samuel im Alten Testament ergänzen konnte. Aber was heißt das? Dass man sich so verbiegt, dass man von jedem geliebt wird? Ekelhaft! Eher, dass man sich so verhält, dass man zu einem Vorbild in Sachen Moral und Anstand wird. Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, Aufrichtigkeit – der ganze Film, der auch zum Religionsunterricht gepasst hätte. Oder in den Ethikunterricht. Wie übrigens die gesamte Ringparabel.

Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben

Die Bombenleger, Attentäter und Mörder, die die Ringparabel nicht kennen und von einem religiösen Wahn dazu getrieben werden, alle, die eine andere Glaubensauffassung haben als sie selbst, zu töten, stehen der Ringparabel entgegen. Oder besser noch: Sie sind ein lebendes Beispiel dafür, dass Lessing, der alte Aufklärer und Denker, tatsächlich Recht hatte: dass Toleranz, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft die Schlüssel für ein friedliches Zusammenleben auf diesem Planeten sind. Jemand anderen durch ein Geschäft übervorteilen -geht nicht! Ihm seine politische Ideologie aufzudrängen – geht gar nicht. Durch verantwortungsloses Verhalten – sei es durch die Spaß-Jagd auf Bisons, seinerzeit die Lebensgrundlage der Indianer, bis hin zur Zerstörung der Umwelt und damit des Lebensraums für uns alle – ihn und seine Nachkommen in ihrer Existenz zu gefährden – darüber müssen wir gar nicht mehr diskutieren.

Die Erziehung des Menschengeschlechts

Seit 1750 hatte Lessing an seinem philosophischen Hauptwerk gearbeitet. „Die Erziehung des Menschengeschlechts“ sollte dies heißen. Ein Teil seiner Philosophie ließ der große Aufklärer auch in sein Drama „Nathan der Weise“ einfließen. Die wahre Religion – damals wie heute eine Frage, die religiöse Menschen genau genommen nur mit „meine“ beantworten können. Wären sie davon überzeugt, dass eine andere Religion die einzig wahre sei, müssten sie schleunigst konvertieren! Schlimm nur, dass diese Antwort immer wieder für Leid und Unheil verantwortlich ist, immer wieder für Auseinandersetzungen und Kriege missbraucht wird. Wobei Lessings Antwort doch so einfach ist: Weil alle Religionen Gott, trotz allen Bemühens, nur in Teilen erfassen können, haben auch alle Religionen gleichermaßen recht (oder unrecht). Vor allem bleibt das Sprechen in religiösen Formeln immer hinter dem zurück, was Gott, wenn es ihn denn gibt, ist. Nicht durch Gewalt und Unheil zeigen Religionen, wer oder was ihr Gott ist, sondern dadurch, dass sie für den Menschen da sind. Und auf diese Weise eine Hilfe, „ganz nahe an Gott heranzurücken.

Am 15. Februar 1781 verstarb Gotthold Ephraim Lessing. Die Erstaufführung von „Nathan der Weise“ am 14. April 1783 in Berlin hat er nicht mehr erlebt. Nachwirken darf dieses Drama trotzdem auch heute noch, bald 250 Jahre später. Obwohl es in der Welt anders aussieht. Und obwohl Deutschunterricht über den Nathan oftmals immer noch langweilig ist.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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