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Weißer Sonntag: Tag der Erstkommunion (11. April)

In diesem Jahr ist alles anders. Ein Satz, den man fast täglich schreiben kann. Denn nahezu jeden Tag gibt es etwas, was wegen Corona anders ist als sonst. Auch der heutige Tag: Am sogenannten Weißen Sonntag feiern ungezählte katholische Kinder im ganzen Land ihre erste heilige Kommunion. Anders als geplant, anders als sonst üblich.

War die Feier der ersten heiligen Kommunion in früheren Zeiten ein großes Familienfest, fällt dieses in diesem Jahr eher bescheiden aus. Nun gut, auch das Begräbnis von Prinz Philip

wird nicht die Massenveranstaltung, die in Nicht-Corona-Zeiten zu erwarten gewesen wäre. Aber eine Kommunionfeier nach den derzeit geltenden Pandemiebeschränkungen? Eine Person aus einem zweiten Haushalt? Mit großer Feier ist das nun wirklich nichts.

Große Familienfeier?
Wer dazu neigt, in negativen Dingen auch immer das Gute zu sehen, wird vielleicht sogar aufatmen: Früher musste man in gutgeführten Gaststätten mindestens acht, neun Monate vor dem großen Ereignis einen Raum buchen, um mit der gesamten, von nah und fern angereisten Familie zu Mittag essen zu können. Heute stellt sich nicht einmal mehr die Frage nach der Tischordnung. Abgesehen von den protokollarischen Formalitäten, die es zu beachten galt – Mama und Papa, Omas und Opas in der Nähe des Kommunionkindes, dann die Verwandten, umso weiter weg vom Kind, je weniger eng verwandt. Oder desto weniger beliebt. Und natürlich die Überlegung, wen man auf keinen Fall mit wem zusammensetzen darf, damit es keinen Streit gibt. Nein, all diese Fragen stellen sich in diesem Jahr nicht.

Auch die Frage, wer die Fotos von der Familienfeier macht, erübrigt sich: Bei der Feier im kleinen Kreis klappt das dieses Jahr mit einem Selfie ganz gut: Da passen alle aufs Bild. Und in vielen Fällen organisiert ja die Kirchengemeinde mittlerweile das Fotografieren während des Gottesdienstes. So hampeln wenigsten nicht alle Eltern, Opas und Onkels nacheinander blitzlichternd durch die Kirche.
Selbst der Friseurtermin konnte entfallen. Schließlich tragen alle irgendwie diesen Do-it-yourself-Corona-Look. Zumindest mehr oder weniger.

Kommunionvorbereitung
Ich erinnere mich noch, wie ein Bekannter vor ein paar Jahren seinen Bericht über die Kommunionvorbereitungen seiner Tochter wutentbrannt mit einem „Dann eben nicht“ schloss. Vorausgegangen war eine zornige Rede über den Pfarrer seiner Gemeinde, der ein Jahr lang eine wöchentliche Teilnahme am Kommunionunterricht verlangte. Jeden Mittwochnachmittag, zeitgleich mit dem Fußballtraining. Und jeden Sonntag Gottesdienstbesuch mit anschließendem Zutritt zur Sakristei, wo der Pfarrer eigenhändig einen Stempel ins Kommunionheft drückte. 47 Termine! Fünf Stempel durfte im Lauf des Jahres fehlen. Wegen Krankheit und wegen Urlaubs in den Ferien. Fehlten sechs Stempel, schloss der Pfarrer das Kind von der Feier der ersten heiligen Kommunion aus. „Dann eben nicht“, polterte der Bekannte. Da hatte er aber bereits mit dem Pfarrer im Nachbarort gesprochen: Seine Tochter würde im nächsten Jahr mit dem ein Jahr jüngeren Sohn in der Nachbarpfarrei zur ersten heiligen Kommunion gehen. Die acht „Pflichtstunden“, ein paar Gottesdienstbesuche und die Kommunionfreizeit – das würde man hinbekommen.

Kleiderfrage
Rund um meine eigene Kommunion muss es wohl auch eine Menge Ärger gegeben haben. Weil viele Menschen in unserer Gemeinde nur wenig Geld zur Verfügung hatten, war unser Pfarrer auf eine Idee gekommen: Die kleinen Mädchen sollten auf ihre Brautkleider, die kleinen Jungen auf ihre festlichen Anzüge verzichten. Viel Geld für Kleidung, aus der die Neun-, manchmal Zehnjährigen in den meisten Fällen nach wenigen Wochen eh herausgewachsen waren – das könnten sich die Eltern sparen. Stattdessen würde die Gemeinde einheitliche, festliche Kutten stellen. Für die Eltern kostenlos. Einen ziemlichen Aufstand muss das seinerzeit gegeben haben. „Ich stecke doch meine Tochter nicht in so einen Sack“, soll unser Nachbar sich empört haben. Der Versuch, das gegenseitige Überbieten in der Pracht der Gewänder, vor allem der Mädchen, zu durchbrechen, habe damals fast die Gemeinde gespalten, so meine Eltern später rückblickend.

Feier
Ich selbst hatte von alledem nur am Rande etwas mitbekommen. Irgendwie war ich viel stärker darauf fixiert, was wir im Kommunionunterricht gelernt hatten: dass wir nun Jesus Christus vollständig begegnen würden; dass wir von nun an vollwertige Mitglieder der Kirche, der Gemeinschaft, der Gemeinde wären. Als dann ein paar Jahre später allerdings die Firmung anstand, wurde uns genau dasselbe erzählt. So ganz vollwertig waren wir mit unserer ersten heiligen Kommunion also dann wohl doch nicht. Aber immerhin: Von da ab durften wir uns im Gottesdienst genauso in die Reihe stellen und zum Kommunionempfang Richtung Altar begeben wie die Erwachsenen. Und der Gottesdienst zu unserer ersten heiligen Kommunion – der war irre feierlich. Ganz toll war, als ich mit meiner Mama am Altar stand, der Pfarrer auf mich einredete und Mama mir beruhigend die Hand auf die Schulter legte. Das machten zwar alle Mütter so. Das war auch genauso vorher verabredet worden. Aber irgendwie tat mir das unglaublich gut. Und daran erinnere ich mich wirklich ganz genau.

Geschenke
Wenn ich ganz ehrlich bin: Statt der Frage, was ich anziehe, fieberte ich viel mehr dem langersehnte DVD-Player entgegen. Und dem Skateboard, das ich mir von den Kommuniongeschenken kaufen wollte. Wenn ich Glück hatte, so dachte ich damals, würde noch genug Geld übrigbleiben, um mir zwei ebenso heiß ersehnte Computerspiele zu kaufen. Vorausgesetzt, die Verwandtschaft war nicht zu knauserig mit ihren Geldgeschenken. Schließlich war es doch meine erste heilige Kommunion. Die buckelige Verwandtschaft sollte bloß nicht auf die abstruse Idee kommen, mir etwa Klamotten oder Bücher zu schenken. Bitte Bares! Und weil meine Eltern – der Kutte sei Dank – ja bei der Kleidung schon sparten, könnten sie ja mein Kommuniongeschenk auch bequem ein wenig aufstocken. Sie merken: Ich bin in einer Zeit großgeworden, als das Wort „Raubkopien“ noch gar nicht erfunden war.

Sonstige Erinnerungen: Hetze, Andacht und schulfrei
Woran ich mich noch erinnere: Es war ziemlich nervig, dass wir nach der Kommunionfeier zum Mittagessen hetzen mussten. Kaum hatten wir es heruntergeschlungen, mussten wir schon wieder zur Kirche. Wieder hetzen. Dankandacht! Und am nächsten Morgen gleich noch mal: Dankgottesdienst. Von zu Hause den ganzen Weg zur Kirche

in der Kutte, die Kommunionkerze in der Hand. Und das bei strömendem Regen am Montagmorgen. War das nun die Kür, von der unser Pfarrer gesprochen hatte? Oder eher lästige Pflicht? Egal. Zum Ausgleich gab es immerhin schulfrei. Leider nur am Montag.

Um meine Erinnerung aufzufrischen, habe ich ein Fotoalbum durchgeblättert: Meine erste heilige Kommunion! Ein Teil der Leute auf den Fotos lebt schon lange nicht mehr. Bei manchen weiß ich nicht einmal, wer das gewesen ist. Witzig, dass meine Eltern auch ein Merkblatt unserer Pfarrgemeinde ins Fotoalbum geklebt haben. Dass wir Kinder keine perfekte Feier erwarteten, steht da. Wichtiger wäre, dass sich viele Menschen mit uns freuen, vor allem natürlich im Gottesdienst, wenn wir denn das erste Mal zur heiligen Kommunion zugelassen würden.

Viele Menschen? Wenn ich mir die Jungen und Mädchen vorstelle, die heute zu ihrer ersten heiligen Kommunion gehen… Im letzten Jahr fielen in vielen Gemeinden die Erstkommunionfeiern aus, wurden verschoben oder nacheinander in kleinen Gruppen Woche für Woche „abgearbeitet“. In manchen Gemeinden wurden sie auf dieses Jahr verschoben. Wer hätte denn gedacht, dass uns Corona so lange erhalten bleibt?
Ein Vorteil: Im virtuellen Kommunionunterricht ist man jetzt sicherlich geübter als vor einem Jahr. Immerhin gibt es richtige Konzepte dafür. Gute Konzepte! Religiöses Homeschooling? Eher nicht. Bei vielen Kindern könnte man auf die Eltern nicht zählen. Viele sind bei dem, was die Schule verlangt, schon genervt genug. Aber es gibt sie wirklich, diese höchstinteressanten Konzepte, die den herkömmlichen Kommunionunterricht kompensieren, wenn nicht ersetzen. Mischformen mit Web-Gottesdiensten, Selbststudium und Outdoor Aktivitäten.

Aber ersetzt so etwas auch die Begegnung in der Gruppe der anderen Kommunionkinder, ersetzt ein noch so ausgeklügeltes Konzept das Gemeinschaftsgefühl? Wenn sich die angehenden Kommunionkinder doch mal in Gruppen getroffen haben, dann waren es zumeist kleine Gruppen. Sehr kleine Gruppen. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie das in Pfarreien aussieht, in denen in diesem Jahr zwei Jahrgänge gleichzeitig zur ersten heiligen Kommunion gehen, weil man die Feier im letzten Jahr auf dieses Jahr verschoben hat. Wahrscheinlich gibt es da von heute an einen Kommunionmarathon bis in den Herbst hinein: jede Woche fünf Kinder…? Je größer die Gruppe, desto schwieriger wird es mit dem Abstandhalten. Sich berühren lassen, so erinnere ich mich, war ein Schlagwort von meinem Pfarrer. Damals. Bewegungsspiele haben wir dazu gemacht, uns an die Hand genommen und umarmt. Damit wir von der körperlichen Berührung auf eine geistige, vielleicht besser: geistliche Berührung schließen konnten. Heute darf man sich nicht berühren, darf sich nicht zu nahe kommen.

Erstkommunion mit FFP-2 Masken? Ein wenig graust mir schon vor diesem Gedanken. Ein völlig neues Erlebnis. Eins, das sicher unvergessen bleiben wird. Auf seine Art und Weise… “Weißt du noch, damals, als wir wegen dieser Pandemie immer mit diesen dämlichen Masken durch die Gegend laufen mussten?…”

Not macht erfinderisch
Doch der Gedanke ist falsch. Er kann nur von jemandem kommen, der die erste heilige Kommunion anders erlebt hat als die Kinder heute. Die, die heute zur ersten heiligen Kommunion gehen, haben diese Erfahrung nicht, können folglich gar nicht vergleichen. Sie kennen es nicht anders. Warum also sollten sie anderen Dingen hinterhertrauern? Das tun sie allenfalls, wenn ihnen ihre Eltern und Verwandten bedauernd erzählen, wie schön doch ihre eigene erste heilige Kommunion gewesen sei, während die, die dieses Jahr gefeiert wird… Nein, das wäre nicht gut.

Und, ja, ich oute mich an dieser Stelle auch als jemand, der dazu neigt, in auf den ersten Blick negativen Dingen das Gute zu sehen: Was die Kommunionvorbereitungen und Kommunionfeiern anbelangt, ist ein „das war schon immer so“ ein Argument, das nun endlich völlig ins Leere zielt. Großartig, auch wenn es nur durch Corona erzwungen ist, dass auch hier neue Formen ausprobiert werden, Kinder auf – wie sagte mein Pfarrer noch? – die Begegnung mit Christus vorzubereiten, neue Formen, um ihnen den Glauben nahezubringen. Eine gewaltige Chance, wie ich meine, vieles besser zu machen. Anders als früher. Not macht eben tatsächlich erfinderisch. Gut so!

All denen also, die heute und in den nächsten Wochen und Monaten zur ersten heiligen Kommunion gehen: herzlichen Glückwunsch! Hoffentlich bleibt bei euch viel mehr hängen als bei vielen der Kinder, die mit mir gemeinsam zu ihrer ersten heiligen Kommunion gegangen sind.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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