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Hägar der Schreckliche als Lebenshilfe (18. März)

Zugegebenermaßen: Ich bin Fan von Hägar dem Schrecklichen. Es gab Jahre, da habe ich als erstes morgens in der Zeitung den kurzen, oft tiefsinnigen Comic über Hägar geradezu gesucht. Ein gelungener Einstieg in den Tag, ein kleiner Denkanstoß, ein Schmunzeln, das zu einem Tagesbegleiter wurde.

Erfunden hat Hägar den Schrecklichen bereits

1973 der Comic-Zeichner und -Autor Dik Browne – übrigens derselbe Mann, der das Logo für die Chiquita-Bananen entwarf. Von Anfang an war Diks Sohn Chris Browne an den Arbeiten zum Hägar-Comic beteiligt. Und als der Papa sich 1988, ein Jahr vor seinem Tod, zur Ruhe setzte, machte Chris einfach weiter. Hägar der Schreckliche, Hägars Frau Helga, die gemeinsame Tochter Honi, Sohn Hamlet, Freund Sven Glückspilz, der entgegen seinem Namen ein tollpatschiger Pechvogel ist, Snert, Kwack, Dr. Zook, Hägars Schwiegermutter und wie sie alle heißen – sie alle sind in rund 60 Ländern bekannt, wurden bereits von 2000 Zeitungen gedruckt, auch wenn sie natürlich in anderen Ländern andere Namen haben als bei uns. In geballter Form gibt es sogar Hägar-Comics in Heftform und ganze Bücher.

Keine Frage, Hägar der Schreckliche hat die Welt erobert, und das gleich im doppelten Sinne: Natürlich gehört es zum Sujet, dass Hägar als schrecklicher Wikinger mit seiner Mannschaft immer wieder zu Beutezügen aufbricht und oft genug schwer beladen zurückkehrt. Aber die andere Seite ist wichtiger: Zwar spielt der Comic im Mittelalter; tatsächlich aber hält er uns Menschen der Gegenwart den Spiegel vor. Und das nie moralin-sauer, sondern immer mit einem verschmitzten Lächeln. Auf eine Art und Weise, dass man sich den liebevollen Hinweisen auf eigenes Fehlverhalten gar nicht entziehen kann… und auch nicht will.

Ein Beispiel: Wieder einmal sitzt dieser ewig junge Wikinger mit seinem Freund und Steuermann Sven Glückspilz in der Kneipe, schaut tief ins Glas und philosophiert: “Als ich jung war, dachte ich, ich könnte in allen ein Feuer entfachen!“ Sven Glückspilz staunt und fragt zurück, wie immer nichts verstehend: „Was ist passiert?“ Hägars vielsagende Antwort: „Irgendwie hat mir das Leben die Streichhölzer genommen!“
Da muss man erst einmal drüber nachdenken! Für mich

stellt sich die Frage: Was muss ein Mensch erleben, dass er seine Energie, seinen Optimismus verliert? Dass er quasi zum „gebrochenen Mann“ wird? Ist es unsere Leistungsgesellschaft, an der viele Menschen leiden? Sind es Stress und die tägliche Tretmühle, aus der es kein Entkommen zu geben scheint? Immer wieder sind es angeblich die Knüppel, die einem andere zwischen die Beine werfen. Sie kosten Kraft, bremsen einen aus auf ganzer Linie.
Oft genügt ein Blick in Gesichter, um eine Leere, die Enttäuschung vom Leben zu entdecken. Gespräche tun ihr Übriges. Und manchmal wird ganz schnell klar, dass es die selbst gesteckten Ziele sind, die überfordern. Ansprüche an sich selbst, aber auch an Andere. Die Ansprüche, die jeder mit sich herumschleppt und zum Maßstab seines Verhaltens macht. Verliert manch einer deshalb seinen Lebensmut, verliert er sich selbst oder wie Hägar sagt, die Streichhölzer, um Feuer im Leben zu entfachen? Eine ganze Menge Fragen, auf die man durch so einem kleinen Comic kommen kann.

Oder nehmen Sie diesen hier, einen meiner „Lieblings-Hägars“: „Die Erde ist eine Scheibe – und ihr Mittelpunkt ist genau hier. Hier, wo ich stehe!“ Das sagt Hägar der Schreckliche zu seinem Freund Sven Glückspilz.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Erde ist eine Scheibe! Und ihr Mittelpunkt ist genau dort, wo ich stehe! Ein Satz, der zum Widerspruch herausfordert! Schließlich ist die antike Vorstellung von der Erde als Scheibe seit dem ausgehenden Mittelalter überholt. Wir modernen, aufgeklärten Menschen der Gegenwart wissen natürlich, dass die Erde bestenfalls eine Art Kugel ist, die sich nicht nur um sich selbst, sondern zudem noch um die Sonne dreht. Und so könnte man den Comic zur Seite legen.

Doch nicht so schnell. Denn Hägars Satz zielt tiefer. Tatsächlich karikiert er ein typisches menschliches Verhalten: Unbewusst verhalten wir uns oft so, als ob wir in unserem Leben auf einem Teller stehen. Gucken können wir bis zum Rand, manchmal ein bisschen darüber hinaus. Dabei geht der Blick in alle Richtungen gleich weit. Und fast zwangsläufig entsteht das Gefühl, im Mittelpunkt dieses Tellers zu stehen. Aber stimmt diese subjektive Wahrnehmung mit dem wirklichen Leben überein?
Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass Weltkarten bei uns immer Europa in der Mitte zeigen? Weil es einfach menschlich ist, sich selbst in den Mittelpunkt seines Denkens zu setzen. Genau deshalb denken wir bei weltpolitischen Ereignissen meistens aus unserer Perspektive. Und verstehen oft genug die Welt nicht mehr.

Oder achten Sie einmal auf das Größenverhältnis von Afrika und Europa: Wird Afrika in Ihren Karten dreimal so groß dargestellt wie Europa? Manchmal schon, meistens jedoch nicht. Auch das hat etwas mit unserem Weltbild, mit unserem Denken zu tun. Lieber falsch darstellen, als Europa auf dem Globus suchen müssen. Mit der Wirklichkeit hat das nur wenig zu tun.

Genau deshalb ist dieser Satz Hägars so wertvoll: weil er indirekt dazu auffordert, sich selbst aus dem Mittelpunkt seines Denkens einmal herauszunehmen. Wenn nicht jeder glauben würde, er allein wäre der Nabel der Welt, wäre vielen geholfen. Vor allem ihm selbst. Vielleicht gäbe es dann weniger Enttäuschte vom Leben. Dafür aber mehr Menschen, die die Streichhölzer zum Entfachen des Lebensfeuers wiederfinden.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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