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Palmsonntag (28. März)

Sonntag, Gott sei Dank. Allerdings kein Sonntag wie jeder andere. Wer noch ein bisschen in der christlichen Tradition zu Hause ist, weiß: Heute ist Palmsonntag. Mit diesem Tag beginnt der Höhepunkt im christlichen Jahreslauf, nämlich die Woche vor Ostern und ihre vielfältigen Ereignisse. Jetzt kommen die wenigen Tagen, in denen sich alles, was rund um die

Person dieses Jesus von Nazareth geschieht, auf eine unglaubliche Weise zuspitzt. Ab heute reiht sich ein Ereignis an das nächste. Deshalb die berechtigte Frage: Was also passiert da eigentlich vor rund 2000 Jahren?

Jesus am Palmsonntag

30 oder 33 Jahre ist Jesus zu diesem Zeitpunkt. Ein gelernter Zimmermann, wie es so schön beschrieben wird, wahrscheinlich eher vergleichbar mit einem unserer heutigen Bauhandwerker, ist er, ganz wie der Vater. Das war damals traditionell so üblich. Und doch ist dieser Jesus anders: Er legt schon als Zwölfjähriger im Tempel die Thora, das heilige Buch der Juden aus. Hier zeigt sich bereits im Ansatz, was später aus ihm wird: der größte und erfolgreichste Prediger aller Zeiten. Und noch mehr.

Kleiner Exkurs: Vielleicht ist es wichtig, es an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich in Erinnerung zu rufen: Dieser Jesus, den seine Anhänger nach den Erfahrungen seines Todes und seiner Auferstehung auch Christus, der Gesalbte, nennen werden, dessen Beiname also der zahlenmäßig größten Religion der Erde später ihren Namen, nämlich Christentum, gibt, dieser Jesus ist Jude. Er ist der, den das Judentum nach alter Tradition als Messias, den Befreier, Erretter, Erlöser, Heilsbringer und mehr erwartet. Für Christen ist er noch mehr, nämlich Gottes Sohn. Nach muslimischer Vorstellung ist er immerhin ein Prophet, ein Vorläufer Mohammeds. Im Judentum hingegen ist Jesus ein falscher Prophet, einer, der Zauberei betreibt, einer, der vor allem eines nicht tut: die endgültige Verwandlung der Welt zum Guten vollzieht. Das aber genau ist nach jüdischer Vorstellung das Kennzeichen des wahrhaftigen Messias. Und weil die Welt bis heute nun einmal so unvollkommen ist, wie sie ist, warten Juden immer noch auf den Messias.

Jesus und das Judentum seiner Zeit

Zurück zum Palmsonntag: Jesus war die letzten drei Jahre als Wanderprediger unterwegs, hat sich einen guten Ruf verschafft und eine Reihe von Anhängern um sich geschart. Er hat Kranke geheilt, Dinge getan, die sich viele nur mit der Aussetzung von Naturgesetzen erklären können und deshalb als „Wunder“ bezeichnen. Er hat es geschafft, ein paar alte Zöpfe abzuschneiden, ohne gegen den engen Spielraum der jüdischen Gesetze zu verstoßen. Eine Frau, die Ehebruch begeht, wird nach jüdischem Recht zu Tode gesteinigt. Würde Jesus dieses Recht antasten, würde er sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes ins „Un-Recht“ setzen. Nein, Jesus sagt nichts, was dem geltenden Recht widerspricht. Aber er ergänzt es, indem er sagt: Das moralische Recht, sich an einer öffentlichen Steinigung zu beteiligen, hat nur der, der selbst vollständig auf dem Boden des Rechts steht. Und wer tut das schon? Ein scharfsinniger Schachzug, der das traditionelle Recht nicht anrührt, seine Umsetzung aber aushebelt. Zum Schutz von Frauen. Die dankbar sind, die ihm zujubeln. Viel zu leicht konnte ein Mann in früherer Zeit seine Frau des Ehebruchs bezichtigen und auf diese Weise loswerden.

Zur Zeit Jesu ging es den meisten Menschen nicht besonders gut. Weil aber nach alter jüdischer Vorstellung

ein Zusammenhang besteht zwischen dem, wie es mir geht, und dem, wie ich mich vorher verhalten haben (Tun-Ergehens-Zusammenhang), war es Zeit umzukehren, sich zu ändern, ein besserer Mensch zu sein. Dann wird sich auch meine Lebenssituation zum Besseren wenden. Eine Denkbasis, die den Nährboden für viele Umkehrprediger lieferte. Genau genommen war Jesus nur einer von vielen Predigern, nur einer von denen, mit dem dessen Anhänger eine Messiaserwartung verknüpften. Veränderung der Welt: Radikalere Juden, darunter die „Dolchmänner“, die Sikarier, mit denen aufgrund seines Namens Judas Iscariot gerne in Verbindung gebracht wird, erhofften sich vor allem eine Vertreibung der Römer. Die saßen seit 64 v. Chr. in Israel wie eine Made im Speck, melkten – um ein Bild zu gebrauchen – die Kühe gerade so viel, dass sie sie nicht umbrachten. Freiwillig würden die Römer ihre Machtansprüche niemals aufgeben. War Jesus der Befreier, der zu einer Revolution, zu einem Putsch aufrufen würde?

Einzug des Wanderpredigers aufs politische Parkett

Aus Sicht der Kollaborateure Israels, zu denen oftmals die Aristokratie rund um das Tempelheiligtum gerechnet wird und damit vor allem die jüdische Gruppe der Sadduzäer, war das alles andere als gut. Ihre mehr oder weniger friedliche „Zusammenarbeit“ mit den Römern sorgte nicht nur für eine gewisse Ruhe im Land, sondern sie brachte ihnen auch Freiheiten und Vorteile ein, von denen „das einfache Volk“ nur träumen konnte.

In dieser Gesamtsituation betritt dieser Jesus, der aus Galiläa stammt und damit als Provinzler, als Hinterwäldler gilt, nun die Hauptstadt… und damit nicht zuletzt auch unbeabsichtigt politisches Parkett. Zum Entsetzen der jüdischen Oberschicht wird der Wanderprediger bei seinem öffentlichen Einzug in die Stadt bejubelt. Die Menschen winken ihm mit Palmwedeln zu – Zeichen der Anerkennung, im gesamten Mittelmeerraum Zeichen des Sieges. Angeblich werfen die Menschen ihre Gewänder vor diesem Jesus auf die Füße: Sie wollen ihm den Weg ebnen. Und er kommt nicht einmal zu Fuß: Er reitet zwar nicht hocherhoben „hoch zu Ross“ durch die jubelnde Menschenmenge, aber immerhin: Er reitet. Und zwar auf dem Reittier der Armen, auf einem Esel. Mehr Identität, mehr Solidarität mit dem einfachen Volk, mit den Underdogs der Geschichte geht nicht. Mehr Provokation auch nicht. Zumindest ist das das Bild, das sich beim Lesen der biblischen Texte und beim Betrachten von bildlichen Darstellungen seit den frühen nachchristlichen Jahrhunderten einstellt.

Dass Jesus nach biblischer Überlieferung später sagt, sein Reich sei nicht von dieser Welt, dass er auf einem Esel reitet und damit nach Joseph Ratzinger auf dem Gegenbild eines Kriegswagens daherkommt, konnten die Mächtigen der damaligen Zeit weder erkennen noch verstehen. Bei den Sadduzäern müssen alle Alarmglocken geschrillt haben. Wenn es einem Menschen gelingt, die Massen hinter sich zu vereinen, dann droht eine Revolution. Und die würden die Römer mit unglaublicher Härte im Keim ersticken. In der Rockoper „Jesus Christ Superstar“ ist die Sichtweise der Tempelaristokraten kurz und knapp, aber eindrucksvoll auf den Punkt gebracht, wenn es dort heißt: „Must die, must die, must die. This Jesus must die.“ Wie anders soll dieser Revolutionär zu stoppen sein?

Palmsonntag und die Tradition

Palmsonntag ist der letzte Sonntag vor Ostern, der letzte Sonntag der Fastenzeit also. Im Mittelalter stellt man vielerorts den Einzug Jesu nach Jerusalem nach. Dabei handelt es sich um eine Prozession von einem besonderen Ort innerhalb der Gemeinde bis hin zur Kirche. Die Tradition, dabei einen Esel nebst Reiter mitzuführen, hat sich allerdings kaum noch erhalten. Umso bekannter wird dadurch der jährlich stattfindende Palmritt im baden-württembergischen Calw, fester Bestandteil der dortigen evangelischen Kirchengemeinde. Prozessionen ohne Esel gibt es noch heute in vielen, vor allem katholischen Gemeinden. Dabei werden zu Beginn der Prozession nach alter Tradition Palmzweige oder kleine Sträußchen aus Weidenkätzchen geweiht. Je nach Region dominieren auch Sträuße von Buchsbaum, Eibe, Stechpalme und Wacholder. Sie symbolisieren die Palmzweige, die die jubelnde Menschenmenge beim Einzug Jesu in Jerusalem geschwenkt hat. Nach dem Gottesdienst sollen diese Zweige symbolisch den Jubel beim Einzug Jesu in Jerusalem mit in die Wohnungen der Menschen tragen: Wo noch ein Kruzifix in den heimischen vier Wänden hängt, klemmt man die kleinen geweihten Sträußchen direkt dahinter.
Grundsätzlich gilt: Wenn ein Gegenstand geweiht und gesegnet ist, ist er auf besondere Weise mit Gott verbunden, so dass auch – nach christlicher Vorstellung – ein besonderer Segen von diesem Gegenstand ausgeht. Deshalb haben nach altem Volksglauben auch die gesegneten Palmsträußchen eine besondere Kraft: Sie gelten als Schutz gegen Blitzschlag und Feuer, in früheren Zeiten eine der größten Ängste der Menschen. Wer kritisch ist, wischt die alten Traditionen und den Volksglauben schnell vom Tisch, lässt vielleicht noch die Interpretation als symbolischer Blitzableiter gelten, sieht aber ansonsten eher die Nähe zu heidnischen Bräuchen rund um die Tag- und Nachtgleiche.

Fazit

Die Palmprozession und das Wissen um die Bedeutung des Palmsonntags gehört zu den Bräuchen und Traditionen, die in unserer modernen Zeit immer mehr verlorengehen oder bereits verlorengegangen sind. Schade eigentlich. Nicht nur weil damit auch religiöses Wissen verloren geht, weil religiöse Bindungen schwinden, die den Menschen über Jahrhunderte Halt und Orientierung gegeben haben. Schade auch, weil unsere Welt durch jeden Verlust noch ein Stückchen steriler und eintöniger wird. Warum soll ich mich auf Ostern freuen, wenn ich keinen Anteil an der Geschichte und den Vorgängen habe, die damit zu tun haben? Das Wissen um den Palmsonntag und die Ereignisse der übrigen Tage in der Karwoche kann dazu beitragen, wieder etwas mehr von all dem zu erahnen, vielleicht sogar nachzuvollziehen und mitzufeiern.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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