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Internationaler Frauentag quergedacht (8. März)

Hurra, wir feiern Frauentag. Und das gleich international. Großartig! Wieder einmal wird durch einen international eingerichteten Tag darauf aufmerksam gemacht, dass an irgendeiner Stelle etwas nicht stimmt. In diesem Fall sind es die Rechte von Frauen. Damit ist es nicht allzu weit her. Erst recht nicht mit Gleichstellung und Emanzipation. Und deshalb ruft dieser Tag ins Bewusstsein: Es muss sich etwas ändern. Bitte schön, gerne! Nur zu! Frauen überall auf der Welt warten nur so darauf.

Spätestens am Internationalen Frauentag – und damit jedes Jahr am 8. März – rufen

die Medien in Erinnerung: Frauen stellen zwar rund die Hälfte der Weltbevölkerung, sind aber über weite Strecken in dieser Welt unterrepräsentiert. Besonders auffällig wird das, wenn man die Maßstäbe der westlichen Welt, die Maßstäbe der Industriegesellschaft ansieht und diese auch anlegt. Dann muss man leider feststellen: In Parlamenten, Parteien, Vorständen, Firmenleitungen und mehr sind Frauen – um das einmal so nüchtern zu formulieren – nicht entsprechend ihrer gesellschaftlichen Quantität vertreten. Bezüglich ihrer Qualität ohnehin nicht. Denn machen wir uns nichts vor: Eine Welt gelenkt und geleitet von Frauen wäre wahrscheinlich eine bessere, eine friedlichere Welt. Zumindest aus Frauensicht.

Großartig, wenn auch inhaltlich erschreckend dazu der thematisch passende Tatort aus Kiel gestern Abend im Ersten: Da drehte sich alles um Männer, die sich als zurückgewiesen und gedemütigt empfinden, weil frau auch mal sagt, dass sie nicht will. Ein Männerbild, zu dem der Kampf, das Zuschlagen zur Wesensart des Mannes gehört. Und wenn es dem Mann abtrainiert wird, dann ist er von Frauen domestiziert. Danke an die Tatort-Macher, die dieses dämliche Männerbild transportiert haben und es weder platt noch vordergründig an den Pranger stellten. Aber so, dass es der Kritik ausgesetzt war und letztlich doch verurteilt werden konnte. Allein schon deshalb, weil Kommissar Borowski „von dieser Art Mann“ eins auf die Nase bekam. Und weil der demagogische Hetzer im Tatort schnell als der Böse, vor allem aber als der Verführer auszumachen war. Da war es dann doch schon wieder leicht, dieses Männerbild als „völlig daneben“ zu verstehen.
Allerdings fürchte ich, dass solche Männer – Entschuldigung, aber der Begriff „Plattnasen“ drängt sich mir gerade auf – , die selbst dieses Männerbild leben, den Tatort gar nicht verstanden haben. Denn es fehlten im Film ja eindeutig die für diese Sorte Mann notwendigen Schenkelkracher. Und das unerlässliche Unisono-Stakkato-Gebrülle war nur kurz und deutlich unsympathisch zu sehen bzw. zu hören. Sehr guter Tatort also, auch wenn das Thema eher beängstigt: Dass es so etwas in einer aufgeklärten Welt gibt. Womit weniger diese Sorte Mann gemeint ist, stattdessen aber die Frage aufbricht, wie weit unsere Gesellschaft denn wirklich entwickelt ist. Ganz schön befremdlich, wenn eine aufgestachelte Männerhorde jubilierend darauf reagiert, dass deren Chefdemagoge voller Überzeugung die Rückkehr der ach-so-leidenden Männer beschwört. Wohin auch immer. Diese Typen kommen nicht zurück. Im Gegenteil: Sie disqualifizieren sich selbst. Und sind tatsächlich nichts als Loser gegenüber den Frauen, deren Zeit kommt. Hoffentlich bald. Denn das wäre im Sinne des Internationalen Frauentags.

Worum also geht es bei diesem Frauentag? Zuerst einmal darum, dass Frauen gesellschaftlich und politisch die gleichen Rechte bekommen wie Männer. Wenn wir also bei den Maßstäben bleiben, die unsere Wirtschaftsgesellschaft vorgibt, hieße das: Konzerne müssten ihre Aufsichtsräte und Vorstände mit deutlich mehr Frauen besetzen. Die Bundesregierung müht sich redlich, hier per Gesetz einzugreifen. Bislang kommt nur relativ wenig dabei heraus.
Wer auf einer anderen Ebene denken möchte: Ziel muss es sein, dass Frauen für dieselbe Arbeit genauso gut bezahlt werden wie Männer. Auch hier gilt: Der gesetzliche Rahmen ist da. Er wird nur viel zu selten in die Praxis umgesetzt.
Ein weiterer Punkt: Berufe, die als „typische Frauenberufe“ gelten, dürfen nicht von vornherein gesellschaftlich als minderwertig angesehen und dementsprechend bezahlt werden. Wer alte und kranke Menschen pflegt, macht oftmals einen knüppelharten Job. Und bekommt im Vergleich zu anderen Berufen viel zu wenig Geld und viel zu wenig gesellschaftliche Anerkennung dafür. Einmal ein Applaudieren, wie in Corona-Zeiten geschehen, reicht nicht aus. Im Gegenteil: Blanker Hohn sieht nicht viel anders aus.

Apropos Hohn: Vieles in diesem Land wird von Steuergeldern finanziert. Und, bitte schön, wer ist in den meisten Fällen diejenige, die ihr Berufsleben aufgibt oder zumindest unterbricht und stattdessen zu Hause bleibt, um künftige Steuerzahler großzuziehen? Elterngeld ist eine prima Sache. Trotzdem wäre es an der Zeit einmal darüber nachzudenken, ob nicht auch der Job der Mutter und Privat-Erzieherin nicht auch einmal irgendwann adäquat bezahlt wird. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Auch den Vater und Privat-Erzieher darf man gerne entlohnen, wenn er denn seine Zeit in den Nachwuchs investiert und dafür seine Karriere opfert.

Bei uns in der Eckkneipe, die ja wie andere auch vom Lockdown betroffen ist, würde ich nun sofort hören: Im Vergleich zu früheren Zeiten hat sich doch schon viel geändert. Weiß ich selbst! Frauen dürfen wählen, sie dürfen studieren, sie dürfen ihren Mund aufmachen, sie dürfen Fußballspielen, dürfen über ihr eigenes Geld verfügen, dürfen arbeiten gehen. Hallo? An diese Punkte überhaupt zu denken, treibt mir die Zornesröte ins Gesicht. Das sind keine Errungenschaften! Das sind lediglich die Indizien dafür, dass MANN die FRAU über Jahrhunderte vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, sie benachteiligt und unterdrückt hat.
Ist es wirklich erwähnenswert, dass frau in unserer Zeit nicht mehr an einen prügelnden, saufenden und vergewaltigenden Kerl „bis dass der Tod sie scheidet“ gefesselt ist? Früher wäre sie gesellschaftlich geächtet worden. Früher hätte sie kaum gewusst, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen soll. Ja, früher! Früher hatten wir auch einen Kaiser! Gott-sei-Dank sind diese Zeiten vorbei, was sonst? Aber noch einmal: Handelt es sich um Errungenschaften? Für mich sind es Selbstverständlichkeiten? Zumindest wenn sich eine Gesellschaft aufgeklärt und modern nennen will. Und ich möchte noch einen Schritt weiter gehen: Mir reicht das nämlich noch nicht, um diese Gesellschaft wirklich modern und aufgeklärt zu nennen. Da fehlt noch Einiges!

In diesem Jahr ist der Internationale Weltfrauentag etwas Besonderes. Denn er jährt sich zum 100. Mal. Wow! Zum 100. Mal wird daran erinnert, dass es in Sachen Gleichberechtigung von Frauen noch einiges zu tun gibt. Hallo? Vor 100 Jahren hatten die Pferdekutschen gerade gelernt, auch ohne Pferde zu laufen; in den meisten Mietshäusern befand sich die Toilette außerhalb der Wohnung, irgendwo zwischen den Etagen; vor 100 Jahren – na gut, es waren ein paar wenige mehr – machten die Brüder Wilbur und Orville Wright einen 37 Meter großen Hopser und werden seitdem als Pioniere der Luftfahrt bezeichnet; etwa zur selben Zeit war Jules Verne auf dem Mond, wenn auch nur in seiner Phantasie. Sie merken, dass sich da vieles verändert hat? Die aktuellen Bilder vom Mars lassen grüßen. Und was tun wir? Wir veranstalten immer noch einen Internationalen Weltfrauentag? Ja, tun wir. Und gestehen damit ein,

dass sich in den letzten 100 Jahren an der Stellung der Frau in unserer Gesellschaft, aber auch weltweit, viel zu wenig geändert hat. Hurra, wir feiern Frauentag? Weil wir ihn immer noch nötig haben?

Und schon wieder höre ich die Jungs aus der Eckkneipe. Wie gut es uns allen doch geht. Dass Schwangere unmittelbar vor der Geburt und Mütter unmittelbar nach der Geburt ein paar Wochen nicht arbeiten müssen; dass sie bezahlte Elternzeit nehmen können und ihr Arbeitgeber verpflichtet ist, sie nach Ablauf dieser Zeit wieder adäquat einzustellen. Aber würden Sie bei einem Mann überhaupt derartige Argumente anführen? Und bitte kommen Sie mir nicht damit, dass es Frauen ja anderswo in der großen weiten Welt vielfach noch schlechter geht. Bitte kommen Sie jetzt nicht mit „Bei uns dürfen Frauen Autofahren, dürfen, zumindest gilt das für die meisten Frauen, allein spazieren gehen; wählen, wen sie wollen; dürfen das Haus verlassen, wann immer sie wollen; und auch neben dem Mann über den Bürgersteig gehen und nicht hinter ihm.“ Das weiß ich alles, das weiß ich alles auch zu schätzen. Lassen Sie mich mal zurückfragen: Was ist das eigentlich für eine Gesellschaft, in der all diese vermeintlichen Errungenschaften überhaupt benannt werden müssen? Die alten Rollenbilder sind längst aufgebrochen: „Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben“, wie Friedrich Schiller noch wusste, und im Haus züchtigt gewaltig die Hausfrau? Wohl kaum! Machen wir uns nichts vor: Die bisherigen 99 Internationalen Frauentage sind mehr oder weniger verrauscht. Und das wird vermutlich auch in diesem Jahr wieder so sein, selbst wenn sich jetzt Gremien, Medienschaffende, Politiker und viele andere vornehmen, dass es so eben nicht ist. Dieses Mal nicht.

Lassen Sie mich Schillers Kollegen Johann Wolfgang von Goethe zitieren: „Die Worte hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“ Es wird sich nichts ändern, solange sich in den Köpfen nichts ändert. In den Köpfen von Männern, die sich gern auch mit einer Quotenfrau im Vorstand schmücken, aber ansonsten weiterhin so ticken wie bisher. Und so lange sich in den Köpfen von Frauen nichts ändert, die meinen, sie müssten die besseren Männer sein. Mir scheint, es sind die eingangs angesprochenen Maßstäbe, mit denen wir unsere westliche Welt messen, unsere Industrie- und Leistungsgesellschaft, die uns Probleme bereitet. Sie bestimmt unser Frauen- und Männerbild wesentlich.
Ich habe keine Antworten, aber ich habe Fragen – das ist ja doch schon einmal etwas. Los geht dies mit der Frage, ob denn diese Maßstäbe, die wir verwenden, überhaupt die richtigen sind. Müssten wir nicht unsere Welt verändern? Hin zu einer sanfteren, von weniger Leistungs- und Konkurrenzdenken geprägten Gesellschaft kommen? Wollen oder sollen sich Frauen wirklich dadurch definieren, dass sie sich an Männern orientieren und einfach nur genauso oder am liebsten noch besser sein wollen als sie? Wäre es nicht sinnvoller, das zu fördern, was man in früheren Zeiten eine weibliche Weltsicht nannte? Ich weiß, ich weiß, ich habe mich zu viel mit „Avalon“ und der keltischen Mythologie beschäftigt. Und mit dem Mittelalter, als weise Frauen mehr wussten als die, die wir heute „weiße alte Männer“ nennen. Wie dämlich muss man eigentlich sein, wenn man die meisten Hebammen und Heiler einer Gesellschaft ausrottet, nur weil man sich durch sie, durch ihr Wissen, durch ihre Fähigkeiten bedroht fühlt?
Ach, ihr Männer, ihr und eure Angst, Macht zu verlieren… Eure Paranoia ist schlimm! Sie ist so etwas wie ein zünftiger Zickenkrieg auf allen Ebenen gleichzeitig. Ich brauche beides nicht. Aber ich brauche auch nicht die Frauen, die nun auf irgendwelche Posten gehievt werden, weil man neben Männern nun auch eine Frau dort sehen will, die dort hineinpasst, sprich: denkt wie die anderen Männer. Ich wünsche mir Frauen, die denken wie Frauen – auch wenn ich noch gar nicht definieren kann, was das wirklich ist. Außer eben dadurch, dass ich sage: eben nicht wie Männer. Tun Sie mir den Gefallen: Denken Sie hier mit, denken Sie hier weiter. Und versuchen Sie nicht, das Männerbild dadurch zu zementieren, dass auch Frauen in Männerrollen schlüpfen.

Bis Sie und ich mit dem Denken weitergekommen sind und vielleicht neue Erkenntnisse gefunden haben, ist es notwendig, die alten Ziele weiterzuverfolgen. Und deshalb sage ich zum Abschluss noch einmal deutlich: Es ist und bleibt notwendig, Frauen mehr Rechte, mehr Gleichberechtigung, mehr Möglichkeiten zur Emanzipation vom Mann und einer männlich dominierten Gesellschaft zu verschaffen. Das fängt bei „Nein heißt Nein“ an, geht weiter über gleiche Bezahlung und die Öffnung von vermeintlichen Männerdomänen auch für Frauen. Dazu gehört auch, Frauen, die sich oft nicht so sehr nach vorne drängen wie Männer, zu fördern, sie zu befragen, sie anzuhören und von ihrem Wissen, ihren Einsichten zu profitieren. Dann bin ich davon überzeugt, dass Ina Deter völlig recht hatte, als sie schon 1986 behauptete: „Frauen kommen langsam, aber gewaltig!“ Der Kommentar, den die Kabarettistin Lisa Fitz seinerzeit dazu abgab, passt zwar auch irgendwie zum Internationalen Frauentag. Aber den verkneife ich mir. Den müssen Sie schon selbst googlen. Während Sie das tun, sage ich noch einmal: Hurra, wir feiern Frauentag. Und sehne den Tag herbei, bis zu dem sich so viel in unserer Gesellschaft verändert hat, dass der Internationale Frauentag als Tag der Mahnung überflüssig ist und endlich abgeschafft werden kann.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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