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1.000 Dollar Trinkgeld (9. März)

Schon immer bin ich fest davon überzeugt: Es sind die kleinen Dinge, die das Leben lebenswert machen! Ein Beispiel: Als eine Frau ihren Kaffee bezahlen will, bekommt sie die Antwort: „Ist schon bezahlt. Von der jungen Frau dort drüben!“ Warum das? Wieso bezahlt mir jemand meinen Kaffee? Fragen, die der Frau durch den Kopf schießen. Mittlerweile hat die Spenderin den Laden verlassen. Wie im Krimi schießt die Beschenkte hinterher,

erwischt die Spenderin, spricht sie an und erfährt: „Sie sahen so traurig aus. Da dachte ich, ich heitere Sie mit dem Kaffee vielleicht ein kleines bisschen auf.“ Die Reaktion ist heftig. Nämlich: Tränen über Tränen. Dass sie arbeitslos sei, alleinerziehend, und jetzt auch noch ohne Babysitter. Dass sie nicht mehr weiterwisse und sich von ihrem wenigen Geld jetzt, nach Wochen, einmal, ein einziges Mal einen Kaffee hatte gönnen wollen. Und wie sehr sich ihre psychische Situation jetzt durch diesen geschenkten Kaffee, durch diese Zuwendung schlagartig geändert habe. Plötzlich scheine auch für sie wieder die Sonne. Zumindest schon mal ein bisschen.
Was wie ein Einzelfall klingt, ist gar nicht so selten. Ein Zeitschriftenartikel sieht das Verschenken nach dem Zufallsprinzip sogar als eine Art Masche. Mal ein paar Blümchen unter die Scheibenwischer, mal eine Schokolade in den Briefkasten. Einfach so. Bei Leuten, die man gar nicht kennt. Anonym! Eine Überraschung für den Beschenkten, ein Kick für den Schenker: Denn Schenken macht glücklicher als beschenkt zu werden, sagt die Glücksforschung.

Darf ich dennoch zweifeln? Natürlich ist es toll, wenn ich irgendwann mal wieder im Drive In einer Burgerstation stehe, Cola, Fritten und Burger bestelle und dann die nette Bedienung zu mir sagt: „Zehn Euro Ihrer Bestellung hat die Kundin vor Ihnen schon bezahlt!“ Klar wäre ich perplex, würde vielleicht erst mal nach der versteckten Kamera suchen. Zumindest hätte ich einen Hinweis: Die Kundin vor mir – die war so nett…
Aber eine anonym in den Briefkasten geworfene Tafel Schokolade? Tatort-Gucker wissen: So eine Tafel könnte ja auch von einem durchgeknallten Psychopaten stammen… Und wenn ich es bin, der für jemanden etwas bezahlt: ob die Bedienung an der Burgerstation die Geldspende für sich einsackt statt sie dem nächsten Kunden anzurechnen – weiß ich das? Und vielleicht hat der auf diese Weise Beschenkte selbst mehr als genug, während ein anderer viel notwendiger Unterstützung bräuchte…
Die Geschichte mit dem anonymen Verschenken behagt mir nicht. Wenn ich für einen Menschen da bin, darf der das doch auch wissen. Ich soll mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, heißt es. Und: Tue Gutes und rede drüber! Natürlich ohne den Beschenkten zu beschämen. Aber mit der Chance, dass man sich vielleicht sogar kennenlernt.

Bekannt geworden ist die Geschichte einer 19jährigen Bedienung in einem Restaurant.


Deutlich sichtbar: sechster oder siebter Monat. Mit 19 vielleicht ein bisschen früh, vielleicht ungewollt, wer weiß das schon. In jedem Fall arbeitet sie für sich und ihr zukünftiges Kind. Irgendwoher müssen die Brötchen ja schließlich kommen.
Auf 26,35 Dollar beläuft sich die Rechnung, die die 19jährige einer Restaurantbesucherin präsentiert. Als sie wenig später an den Tisch zurückkehrt, ist die Frau gegangen, das Geld liegt unter der Rechnung. Die Kellnerin traut ihren Augen nicht: Zehn 100-Dollarnoten liegen dort, 1000 Dollar insgesamt. Und ein Zettel, auf dem steht: „Behalte das Trinkgeld! Einen schönen Tag!“
Natürlich denkt die Kellnerin an einen üblen Scherz und lässt die Scheine prüfen. Kein Zweifel, sie sind echt. Die überglückliche Kellnerin will ihre Freude nicht für sich behalten, geht zur Lokalzeitung und erzählt ihre Geschichte, die schon am nächsten Tag in einem Artikel erscheint. Es dauert nicht lange, bis sich die Wohltäterin bei der Zeitung meldet und das Geheimnis lüftet: Sie brauche das Geld nicht, habe mehr als genug. So habe sie es jemandem gegeben, der es wohl brauchte. Wer auch immer die beiden dort zusammengeführt habe – es sei gut so.

Fast 1000 Dollar Trinkgeld – dafür muss eine alte Frau lange stricken, eine schwangere Kellnerin eine Menge Kundinnen und Kunden bedienen, eine Friseurin oder ein Friseur eine Menge Haare schneiden. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
Über 3.100 Milliardäre gibt es weltweit. Menschen, die also mehr als eine Milliarde Dollar Vermögen besitzen. Wer 55.000 Euro pro Jahr verdient – und das tut lange nicht jeder – , müsste nur schlappe 18.200 Jahre arbeiten, um auf diese Summe zu kommen – vorausgesetzt, er gibt keinen Cent für Nahrung, Miete und Kleidung aus. Aber wer kann das schon. Ohne dass ich irgendjemandem etwas wegnehmen will: Gerecht ist das nicht. Die einen haben mehr, als sie in – sagen wir einmal – 100 Leben sinnvoll ausgeben können, die anderen haben so wenig, dass sie nicht wissen, was sie abends essen sollen, geschweige denn am nächsten Tag.

Sie und ich – wir können die Ungerechtigkeit der Welt vermutlich nicht aufheben. Aber lindern können wir sie. Und denen ein paar glückliche Minuten schenken, die uns begegnen und von denen wir merken, dass es ihnen nicht gut geht. Denn viele Menschen sind auf die Hilfe anderer angewiesen. Auf einen freigiebigen Gast, wie ihn die schwangere Kellnerin hatte, und einfache Leute wie Sie und mich. Fast 1000 Dollar Trinkgeld müssen es ja nicht unbedingt sein. Manchmal reicht schon ein gutes Wort oder eine hilfreiche Hand. Oder eine Tasse Kaffee.
Auch wenn dieser Text eigentlich schon zu Ende ist, will ich noch nachtragen: Die Kaffeespenderin vom Anfang ist bei der jungen Alleinerziehenden kurzfristig als Babysitterin eingesprungen. Und beide Frauen sind Freundinnen geworden. Angefangen hat das alles mit einer simplen Tasse Kaffee… und einen Blick für die Sorgen eines Mitmenschen.
Und was ist mit Ihnen? Geben Sie heute vielleicht auch mal jemandem einen Kaffee aus?

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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