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Turiner Grabtuch (1. März)

Es ist fast so sicher wie das Amen in der Kirche: In den Wochen vor Ostern wird irgendein Fernsehsender wieder eine Dokumentation über das Turiner Grabtuch zeigen. Und auf jeden Fall wird das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ einen Artikel aus der Schublade ziehen, dessen Hauptaussage ist: Das Tuch ist nicht das Leichentuch Jesu. Im letzten Satz werden wir dann lesen können, dass sich die Kirche zur Echtheit des Tuches bedeckt hält bzw. nicht geäußert hat. Wetten dass? Alle Jahre wieder…

Echtheit hin, Echtheit her: Seit Jahrhunderten zieht das Turiner Grabtuch Menschen

in seinen Bann. Und weil es nur relativ selten in Turin ausgestellt wird, gibt es längst Ausstellungen und Veranstaltungen, bei der die Veranstalter eine 1:1-Kopie zeigen und drumherum eine Reihe von Vorträgen platzieren.

Was bekommen die Menschen da eigentlich genau zu sehen? Zuerst einmal ein Tuch, das ziemlich genau 4.36 Meter lang und 1.10 Meter breit ist. Darauf sind Schatten, Flecken und Linien enthalten. Und irgendetwas, was man nur bei intensivem Hinschauen erkennt: der Abdruck eines Menschen. Gerade so, als habe der auf der einen Hälfte des Tuches gelegen und sei mit der anderen zugedeckt worden. Deutlich erkennbar: die Verletzungen an den Handwurzeln und in der Seite. Das passt prima zur biblischen Überlieferung von der Kreuzigung Jesu und dem Lanzenstich des Soldaten. So erklärt sich auch die Vorstellung, dass das Turiner Grabtuch das Leichentuch Jesu sein soll. Aber ob’s stimmt? Lassen wir das für den Moment mal so stehen. Wie allerdings die Abdrücke ins Tuch gekommen sind, die nun von vorne und hinten den misshandelten Körper eines Menschen zeigen, ist bis heute ein Rätsel. Ein Rätsel, für das es mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt.

Bevor es an die Entstehungstheorien geht, schnell noch zur Datierung des Tuches. Die ist erstaunlicherweise relativ leicht zu klären. Die Radio-Carbonmethode macht’s möglich. Fachleute werden mit der folgenden Erklärung nicht zufrieden sein, aber für unsere Zusammenhänge muss sie genügen: Jedes organische Material enthält Kohlenstoff. Wissenschaftliche Forschungen haben festgestellt, dass das 14. Isotop des Kohlenstoffs extrem langsam und vor allem sehr gleichmäßig zerfällt. Aus Leinen und damit organischem Material ist auch das Turiner Grabtuch gewebt. Also muss man nur schauen, wie viel Kohlenstoff noch in diesem Leinen enthalten ist und die gefundene Menge mit der in „frischem Leinen“ vergleichen. Mit der Differenz kann man dann feststellen, wann zum Beispiel das Leinen des Turiner Grabtuchs vom Feld geschnitten und verarbeitet wurde. Ergebnis: Das Tuch stammt aus dem 14. Jahrhundert. Damit dürfte klar sein: Jesus hat in diesem Tuch garantiert nicht gelegen.

Jetzt aber zurück zur Frage, wie das, was da sichtbar ist, in oder besser: auf dieses Tuch gekommen ist. Erklärung Nummer eins: Das hat jemand gemalt. Klingt logisch, birgt aber Schwierigkeiten. An Körperstellen, die hervorstehen, wie Nase, Kinn und mehr liegt das Tuch anders an als auf dem Rücken. Wie soll ein genialer Maler das vorhersehen können? Vermutlich ist das selbst heute nicht möglich. Und im 14. Jahrhundert erst recht nicht. Abgesehen davon: Tests haben ergeben,


dass Farbe das Leinen durchdringt, also bis auf die andere Seite durchschlägt. Beim Turiner Grabtuch liegen die Färbungen nur hauchzart auf. Vielleicht alles eine Frage der Technik, wer weiß.
Nächstes Problem: Das Tuch zeigt nicht das Positiv eines Menschen, sondern sein Negativ. Die älteren unter uns erinnern sich noch: Als man früher noch einem mit Farbfilm fotografiert hat, bekam man farbverkehrte Negative dazu. Ein Maler hätte also ein Negativ malen müssen. Nicht auszuschließen, dass das einem geschickten Künstler möglich ist. Aber im 14. Jahrhundert? Und warum? Um die Menschen seiner Zeit zu täuschen? An uns hat er bestimmt nicht gedacht. Die Fotografie, die die Entdeckung des Negativs erst möglich macht, wurde erst 1826 erfunden. Warum also sollte jemand rund 500 Jahre vorher etwas malen, was noch gar nicht erfunden war? Eher unvorstellbar.

Deshalb Möglichkeit Nummer zwei: Jemand hat die lebensgroße Bronzeplastik eines Menschen hergestellt, diese dann gleichmäßig erhitzt und auf ein Leinentuch gepresst, so dass ein Abdruck auf dem Tuch entsteht. Das Tuch wird also angesengt, ohne dass es verbrennt. Das alles technisch hinzubekommen, erscheint schwierig, ist aber nicht völlig ausgeschlossen. Profunde Wissenschaftler haben das ausprobiert. Von der Sache her hat es funktioniert. Aber das Ergebnis ist mit dem, was auf dem Turiner Grabtuch zu sehen ist, überhaupt nicht vergleichbar. Und wenn man noch so viele Variationen ausprobiert: So bekommt man mit einer Bronzeplastik keinen auch nur annähernd ähnlichen Effekt. Aber auch hier stellt sich dieselbe Frage wie bei der ersten Lösungsmöglichkeit: Hätte ein mittelalterlicher Künstler solch ein ausgeklügeltes System nötig gehabt, um seinen Zeitgenossen irgendetwas vorzugaukeln? Wohl kaum.

Die dritte Möglichkeit hat Charme: Ein Gerichtsmediziner – Sie wissen schon: so wie im Münster-Tatort Professor Börne, nur echt – kann sich vorstellen, dass sich bei der einsetzenden Verwesung einer Leiche austretende Körperflüssigkeiten und Ausdünstungen einer Leiche auf dem Tuch niedergeschlagen haben könnten. Zumal man ja bestimmte Einbalsamierungstechniken voraussetzen muss, die wir heute nicht mehr alle kennen.

Fazit: Am wahrscheinlichsten ist es, dass tatsächlich ein Toter im Tuch gelegen hat. Das hat mittlerweile sogar eine 3D-Animation der NASA – ja, auch die US-amerikanische Weltraumbehörde hat sich mit dem Turiner Grabtuch beschäftigt – bestätigt. Laut Radiocarbontest aber nicht vor 2.000 Jahren, sondern irgendwann im 14. Jahrhundert. Dafür gäbe es sogar eine plausible Erklärung: Aus dem mittelalterlichen Frankreich, wo sich das Tuch damals befand, ist bekannt, dass Menschen Jesus Christus so nahe sein wollten, dass sie sich seine Wundmale beibringen, sich kreuzigen ließen und so starben wie ihr Sohn Gottes. Es gibt viele mittelalterliche Frömmigkeitsformeln, über die wir heute den Kopf schütteln, die wir aber zumindest nicht verstehen. Warum also nicht?

Was aber alles so einfach und logisch klingt, ist es dann am Ende doch nicht. Denn jetzt kommen die ins Spiel, die mit dem Radiocarbontest wenig anfangen können. Die stellen nämlich fest:
Das Tuch ist in einer extrem seltenen Windung gewebt, wie sie nur im Nahen Osten, genauer: im antiken Syrien und in Israel bezeugt ist.
Mikroskopische Untersuchungen ergaben den Fund von Pflanzenpollen, die in ihrer Gesamtheit nur im Großraum Jerusalem vorkommen, auf jeden Fall weder in Frankreich, wo sich das Tuch lange befand, noch in Italien.
Mit Analysegeräten, wie man sie in ähnlicher Form auch in der Weltraumforschung einsetzt, wurden Abdrücke von Münzen gefunden, die man wohl auf die Augen des Toten gelegt hatte. „Don’t pay the ferryman“, singt Chris de Burgh so schön und greift damit eine uralte Mythologie auf, bei der ein unsichtbarer Fährmann einen Toten über den Fluss rudern muss, damit dieser ins Reich der Toten gelangt. Dass der Fährmann bezahlt wird, steht außer Frage. Dass ihm kein Lebender die Hand schüttelt und den Fährpreis bezahlt, auch. Also legte man das Geld auf die Augen des Toten. Wer solchen Mythologien nicht glaubt: Da es nicht jedermanns Sache ist, einem Toten die Augen zuzudrücken, erstarrte Augen eines Toten aber ein ziemlicher schreckender Anblick sind, haben wohl alte Völker eine Münze auf jedes Auge gelegt. So sah man die erstarrten Augen nicht mehr. Zumindest eine Erklärung…
Die Münzabdrücke, die man im Turiner Grabtuch identifizieren konnte, stammen eindeutig von Münzen, die nur von Pilatus geprägt wurden, also dem Statthalter des römischen Kaisers in der Provinz Judäa, zu der Jerusalem gehört. Und dass Pilatus und Jesus Zeitgenossen sind, ist altbekannt.

Von nun an wird es richtig spannend: Zur Zeit Jesu gibt es ein kleines, von Rom unabhängiges Königreich in Nord-Mesopotamien mit Namen Osrhoene. Dessen Hauptstadt war Edessa – eine Stadt, in der ein Schutzheiligtum verehrt wurde. Dieses Heiligtum war ein Tuch, das in einem länglichen Kasten lag, bei dem ein Ausschnitt im Kasten ein Gesicht freigab. Dieses Schutzheiligtum wurde als „acheiropoietos“, als „nicht von Menschen gemacht“ bezeichnet und trug zudem den Beinamen „Tetradiplon“, auf Deutsch: vierfach-doppelt. Was Grabtuch-Enthusiasten jubeln lässt: Denn faltet man das Turiner Grabtuch vierfach-doppelt, kommt es so zu liegen, dass in einem länglichen Kasten mit Aussparung genau das Gesicht zu sehen wäre.
Doch es geht weiter: Über Jahrhunderte ist eine ausgeprägte Verehrung des Schutzheiligtums belegt. Das gilt auch, Osrhoene und Edessa im 3. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit verlieren, zunächst zur römischen Provinz werden und später unter die Herrschaft der Herren von Byzanz (oder wenn Sie lieber mögen: Konstantinopel) geraten. Mit Gewalt verlangen die 944 die Herausgabe des berühmten Heiligtums.
Im Jahr 1204 findet ein Kreuzzug statt. Bei Einbruch des Winters befinden sich die Truppen jedoch noch weit entfernt von ihrem angeblichen Ziel, sind bislang nur bis Konstantinopel gekommen. Weil die dortigen Machthaber aber die Kreuzfahrer nicht ernähren können oder wollen, wendet sich das Heer der Kreuzfahrer gegen die Rivalen um die Vorherrschaft im Mittelmeerraum. Absicht oder Zufall? Neuere Forschungen gehen davon aus, dass es sich bei diesem Kreuzzug um den ersten handelt, bei dem absichtlich Christen gegen Christen gezogen sind – aus wirtschaftlichen Interessen. Konstantinopel wird geplündert. Und alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wandert 1206 nach Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich.

Nur ein wunderbarer Zufall oder ganz logisch zu erklären? Ritter Geoffroy II. de Charny, Nachfahre eines der Kreuzzugsteilnehmer, stellt im kleinen französischen Lirey das angebliche Grabtuch Christi aus – ein einträgliches Geschäft. Denn die Gläubigen kommen von nah und fern, konsumieren, übernachten und lassen so, wie bei allen Wallfahrtsorten, eine Menge Geld an ihrem Zielort. Die Einnahmen müssen groß genug gewesen sein, um den Bischof von Troyes auf den Plan zu rufen. Der hätte, erst recht nach dem Brand seiner Kathedrale, auch ganz gern etwas vom Kuchen ab. Den entstehenden Streit muss der damalige Papst Clemens VII. schlichten. Der gewährt bei der Verehrung des Tuches sogar einen Ablass – ein deutlicher Hinweis auf den Stellenwert des Tuches schon in der damaligen Zeit.

Im Jahr 1453 verkauft die Tochter Geoffroys das Tuch an das Haus Savoyen. Ab 1506 wird es in der Schlosskapelle vom Chambéry als Grabesreliquie verehrt – auch hier ein einträgliches Geschäft. Als am 4. Dezember 1532 die Kapelle in Brand gerät, wird das Tuch durch die Hitze und durch Löschwasser beschädigt, erhält auch Brandlöcher und Flecken, bleibt aber erhalten.
1559 verlagert die Dynastie Savoyen ihren Hauptsitz von Frankreich nach Turin. Dort baut man für das Grabtuch eine eigene Kapelle und überführt es 1578 feierlich nach Turin. 1898 erhält der italienische Anwalt und Fotograf Secondo Pia als erster die Erlaubnis, das Tuch zu fotografieren und entdeckt dabei, dass es sich im Tuch um eine Negativabbildung handelt.
Um den Erhalt des Tuches nicht durch weitere Ausstellungen zu gefährden, finden nur noch selten öffentliche Ausstellungen statt. Im Jahr 2000 wird das Tuch in eine klimatisierte, besonders gesicherte Vitrine verschafft. Die letzte öffentliche Ausstellung des Tuches erfolgte im Jahr 2015 und zog Millionen von Pilger aus der ganzen Welt an.

Nun gilt es, ein paar Widersprüche aufzuklären. Kritiker gehen von einem Fehler der Radiocarbonberechnungen aus: Da das Tuch im Mittelalter immer wieder ausgestellt wurde, wäre es merkwürdig, wenn sich nicht der Ruß von Kerzen auf dem Tuch niedergeschlagen hätte. Da auch Ruß Kohlenstoff enthält, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass dadurch das Ergebnis der Radiocarbonmethode verfälscht wurde. Zudem – und das ist dokumentiert – stammen die Stückchen, die untersucht wurden, von einer durch Löschwasser und den Brand in Chambéry besonders geschädigten Stelle. Auch das dürfte das Ergebnis der Datierung beeinflusst haben. Die Windung des Tuches, die Pollen- und Münzfunde sprechen ihre eigene Sprache. Interessant ist auch die Darstellung des Gekreuzigten: Die Kunst des Mittelalters stellt Christus immer mit durchbohrten Handflächen dar. Die hätten aber das Gewicht eines Gekreuzigten niemals ausgehalten. Er wäre vom Kreuz gestürzt. Deshalb kreuzigten Römer mit Nägeln durch den Handwurzelknochen – und genau dort liegen die Wundmale im Turiner Grabtuch. Und ganz nebenbei: Mit dieser Art des Foltertodes war es auch bei den Römern schon vor Ende des 1. Jahrhundert wieder vorbei. Und selbst die Haartracht im Abdruck – man erkennt einen Zopf und einen Bart – passt nicht in die Zeit des Mittelalters, sondern stimmt in auffallender Weise mit der Haartracht zur Zeit Jesu überein. Allesamt Indizien, die dazu führen, das Grabtuch als wesentlich älter anzusehen als der Radiocarbontest annimmt, ja, es sogar wirklich in die Zeit Jesu zu datieren.

Jetzt haben Sie so lange durchgehalten – und nun kommt trotzdem die Ernüchterung: Selbst wenn das, was Forscher noch als Farbe abgetan hatten, sich längst als Blutgruppe AB erwiesen hat, ist es nicht möglich mit Bestimmtheit zu sagen, wer in diesem Grabtuch gelegen hat. Klar könnte es Jesus gewesen sein. Genauso gut könnte es jemand ganz anderes gewesen sein.
Aber ist das überhaupt wichtig? Was würde sich am christlichen Glauben und seiner Akzeptanz ändern, wenn bewiesen werden könnte: Ja, Jesus aus Nazareth hat tatsächlich in diesem Tuch gelegen. Würde sich wirklich an den christlichen Überzeugungen etwas ändern? Ich denke: nein!
Und wenn der Gegenbeweis gelingen würde, dass also irgendjemand in diesem Tuch gelegen hat? Auch das würde nichts an christlichen Glaubensaussagen verändern.
Viele Menschen brauchen Bilder. Dann können sie leichter glauben. Und können möglicherweise auch die Gebote des Glaubens, also Gottes- und Nächstenliebe leichter einhalten und verwirklichen. Das Turiner Grabtuch aber bleibt vor allem eines: ein rätselhaftes, spannendes Objekt, an dem sich Kriminologen, Ärzte, Künstler, Forscher unterschiedlichster Disziplinen und sogar die NASA versucht haben. Ein Objekt, das viel Raum für Spekulationen, aber auch zum Nachdenken gibt. Und das auf immer mit der Frage verbunden sein wird: Wer war der Tote im Grabtuch?

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten. Turiner Grabtuch (1. März)

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