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20. Februar – Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

20. Februar – Welttag der sozialen Gerechtigkeit

Man kann ja darüber streiten, ob die vielen lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Gedenktage sinnvoll sind: Beim internationalen Tag des Schlafs erschließt sich mir der Sinn nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Beim Tag des Lärms habe ich eine Ahnung, um was es geht, beim Tag des Iberischen Pferdes auch, sehe aber überhaupt keinen Grund, was daran so wichtig ist, dass dieser Tag überhaupt begangen wird.
Anders beim Welttag der sozialen Gerechtigkeit. Der wird heute gefeiert. Eingeführt haben ihn 2009 die Vereinten Nationen, kurz UNO. Solidarität, Harmonie und Gleichheit zwischen den Ländern sind die offiziellen Ziele, die sich die unterzeichnenden Staaten auf ihre Fahnen geschrieben haben. Dahinter steckt der Wille, Armut zu bekämpfen, jedem Menschen Beschäftigung zu geben und würdevolle Arbeitsbedingungen zu schaffen. Jeder Bürger soll Anteil an dem haben, was man so schön mit „materielle und geistige Güter“ einer Gesellschaft bezeichnet. Was im Klartext heißt: Jeder soll ein Leben in Würde leben können, soll durch eine Mindestsicherung zumindest keine Angst um sein Dasein haben müssen. Auf den ersten Blick allesamt schöne Ziele, die vermutlich jeder unterschreiben kann.

Wie immer liegt der Teufel im Detail, im Unterschied zwischen schönen Worten, also der Theorie, und deren Umsetzung, der Praxis. Die aktuell von Corona geprägte Situation zeigt gerade noch

deutlicher als in normalen Zeiten auf, dass es mit der gerechten Anteilhabe an diesen „materiellen und geistigen Gütern“ gewaltig hapert. Besonders deutlich sichtbar wird das an unserem Bildungssystem. Nicht jedes Kind, das jetzt im Online-Unterricht lernen soll, hat die notwendigen Hilfsmittel zur Verfügung. Und wenn, dann fehlt es zu Hause oft an einem geeigneten Raum, um seine Hausaufgaben konzentriert erledigen zu können. Jetzt, in Zeiten von mehr Online-Unterricht, wichtiger denn je. Wobei mir da ein schönes, aus der Mode gekommenes Wort einfällt, dass es im Moment weitaus besser trifft: Schularbeiten. Heute meint das: das, was eigentlich in der Schule erledigt werden müsste.

Technische Ausstattung und Räumlichkeiten – zwei Punkte, in denen die Schülerschaft ganz sicher mal auf bessere, mal auf deutlich schlechtere Voraussetzungen trifft. Nicht auszudenken, wenn dann zu Hause noch Eltern sind, die ihre Kinder nicht unterstützen, nicht anleiten. Und eben nicht die Lehrkraft zumindest insofern ersetzen, dass sie wenigsten „dahinter her sind“, dass ihr hoffnungsvoller Nachwuchs die zu erledigenden Arbeiten auch tatsächlich erledigt. Machen wir uns nichts vor: Es gibt Eltern, deren Hauptanliegen ihres Tages ihre Kinder sind. Und es gibt diejenigen, deren Hauptanliegen darin besteht, auf keinen Fall auch die 2345. Folge von TV-Soaps wie „Besser reich und gesund als arm und krank“ zu verpassen. Oder wie auch immer diese modernen Varianten der römischen Spiele heißen. Von gleichen Bildungschancen der Kinder kann da keine Rede sein. Und sozial gerecht ist das schon lange nicht.

Wir Menschen neigen dazu, unterschiedliche Lebenswirklichkeiten miteinander zu vergleichen. Aber sagen Sie mal jemanden, der Corona-bedingt kurzarbeitet, der sich wegen seines geschlossenen Geschäfts oder Restaurants berechtigte Existenzsorgen macht, dass es ihm besser geht als vielen Menschen in anderen Teilen der Welt. Dass er durch unsere Sicherungssysteme schon aufgefangen wird; dass man anderswo für zwei Krüge mit gerade einmal trinkbaren Wasser 20 Kilometer oder mehr laufen muss; dass viele Menschen in dieser Welt einen regelrechten Kampf um die tägliche Schale Reis ausfechten müssen; dass in manchen Ländern Kinder gesundheitsschädliche Arbeiten verrichten müssen und an den Folgen bereits als junge Erwachsene sterben; und dass es den Menschen, die aus politischen, religiösen oder sonstigen Gründen alles zurücklassen mussten und die sich nun in Flüchtlingslagern befinden, doch weitaus schlechter geht.
Das mag zwar alles richtig sein. Und es ist ganz sicher schrecklich und muss geändert werden. Aber derartige Vergleiche helfen niemandem weiter, der bei uns mit Problemen zu kämpfen hat. Denn es ist, wie es immer ist, wie es aber in Krisenzeiten viel deutlicher wird: Von sozialer Gerechtigkeit oder Ausgeglichenheit kann auch bei uns nur begrenzt die Rede sein.

Bereits in der mittelalterlichen Scholastik hatte die Kirche ein Menschen- und Gesellschaftsbild entwickelt, das – um es modern zu formulieren – auf einen sozialen Ausgleich und auf Existenzsicherung ausgerichtet war. Aber erst mit den Auswirkungen der industriellen Revolution sind die Probleme so existentiell, dass 1891 die päpstliche Enzyklika „Rerum Novarum“ geballte Forderungen zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Menschen aufstellt. Weitere Enzykliken folgen. Aber dem Ende des 19. Jahrhunderts kommt so etwas wie der Moment der Weichenstellung zu. Die deutsche, ja die europäische Sozialgesetzgebung gehen Hand in Hand mit der so genannten Katholischen Soziallehre: Krankenversicherung, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, selbst ein arbeitsfreier Tag pro Woche – das alles wird in dieser Zeit grundgelegt.

Abgeschlossen ist die damals eingeleitete Entwicklung noch lange nicht. Und daher ist es richtig und sinnvoll, dass die UNO den Tag der sozialen Gerechtigkeit zu einem internationalen Anliegen macht: damit nicht in Vergessenheit gerät, dass überall auf der Welt noch eine Menge zu tun ist, um den Gedanken einer sozial gerechten Welt zu verwirklichen. Dass dafür noch eine Menge zu tun ist. Auch bei uns.

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