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11. Februar – Nelson Mandela kommt frei

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.
11. Februar – Nelson Mandela kommt frei

1990, ein 11. Februar wie heute: Nelson Mandela kommt aus der Haft frei. Endlich! 27 Jahre lang hatte das südafrikanische Unrechtsregime den Freiheitskämpfer weggesperrt. Die Reaktion auf Mandelas Kampf gegen eine unmenschliche Rassenpolitik: Farbige Menschen erhielten lange kein Wahlrecht, waren von vielen politischen Ämtern ausgeschlossen. Sexueller Kontakt zwischen schwarz und weiß war streng verboten. Die Vermischung der Rassen sollte unbedingt verhindert werden, so damals die südafrikanische Regierung. Manche Orte waren für Hunde und für Nicht-Weiße verboten; Schwarze durften nicht dieselben öffentlichen Toiletten benutzen wie Weiße. Und Krankenhäuser, Postämter oder Banken hatten zwei verschiedene Eingänge. Ein kleiner Ausschnitt aus einem großen Katalog der Ungleichheit und Unmenschlichkeit.

Gegen all dies kämpft Nelson Mandela. Und bekommt die Quittung: 27 lange Jahre der Haft. Die Welt protestiert, wie meistens, eher zaghaft. Immerhin: Der Krügerrand, die südafrikanische Goldwährung, ist lange Zeit verpönt. Wer ihn kaufte, unterstützt das rassistische Regime in Südafrika. So und ähnlich war es vor rund 50 Jahren überall bei uns zu hören.
Wer allerdings über „die Afrikaner“ die Nase rümpft, sollte wissen: Portugiesen, Holländer und Briten bringen in den Jahrhunderten zuvor den Segen der Zivilisation der Westeuropäer ans Kap der guten Hoffnung – oder zumindest das, was sie dafür halten. Zuerst errichten Mitte des 15. Jahrhunderts portugiesische Seefahrer an der Küste Südafrikas kleine Niederlassungen. Ihnen folgen 1652 die Niederländer mit ihrer Ostindien-Kompanie und bauen am Kap der Guten Hoffnung eine Niederlassung, von der aus sie ihre Schiffe vor der Weiterreise mit Lebensmitteln versorgen. Dass sich daraus eine Stadt entwickelt, die den Namen Kapstadt erhält, ist da nur konsequent.
Eine Zeitlang ist alles recht friedlich. Da betreiben die Niederländer Landwirtschaft und handeln mit den Einheimischen. Weil die Besatzer also ursprünglich landwirtschaftlich tätig, also Bauern sind, leitet sich daraus die Bezeichnung für die Weißen und ihre Nachfahren im Süden Afrikas ab: die Buren.
Ab 1779 geraten die Buren mit den Xhosa aneinander: ein Bantuvolk und damit – wenn man einmal von Vertreibungskriegen im 3. Jahrhundert absieht – so etwas wie die Ureinwohner der Region. Die einen wollten das Land behalten, die anderen wollten es zurück – wie das eben immer so ist. Innerhalb von 100 Jahren (1779-1879) kommt es zu vielen Gemetzeln und neun größeren Kriegen. Am Ende behalten die Niederländer die Oberhand. Aber auch nicht für immer: 1806 setzen die Briten dem Ganzen die – im wahrsten Sinne des Wortes britische – Krone auf, indem sie sich den Süden Afrikas als neue Kolonie einverleiben und die Buren in nördliche Regionen vertreiben. Am Ende kassieren die Briten auch deren Regionen ein und machen die so genannte Südafrikanische Union zum festen Bestandteil des Commonwealth. 1931 wird Südafrika dann unabhängig.

Der Rassenwahn stammt genau aus der Zeit der britischen Besetzung. Schwarze, Farbige und Asiaten

sind in der Südafrikanischen Union ohne Wahlrecht, sind quasi per Gesetz von der Beteiligung an der Regierung ausgeschlossen. Aus dieser Zeit stammt das Verbot des sexuellen Kontakts zwischen den Rassen. Ab 1913 erfolgt die Schaffung von Reservaten: Nur hier, in den Homelands, darf die schwarze Bevölkerung Land erwerben. 1936 weiten die weißen Machthaber ihre Segregationspolitik auch auf die Städte aus und erlassen in all den Jahren jede Menge Gesetze, um die Herrschaft der Weißen über die Schwarzen zu festigen.

Dabei instrumentalisieren sie die Religion, die ihnen in die Hände spielt: Der protestantische Reformator Johannes Calvin, der den niederländischen Protestantismus weitgehend prägt, liefert mit seiner Fortschreibung der Prädestinationslehre, also der Vorstellung, dass das menschliche Schicksal vorbestimmt sei, die Grundlage dafür, dass die Rassentrennung aufrechterhalten nach dem Zweiten Weltkrieg, als radikale Buren die Macht in Südafrika übernehmen, sogar verschärft wird. Was von Gott gewollt ist, kann der Mensch durchaus umsetzen… Immerhin: Weil der Reformierte Weltbund der Meinung ist, dass Apartheid gegen den Willen Gottes verstoße, schließt er die niederländisch-reformierte Kirche Südafrikas vorübergehend aus seiner Organisation aus.

Neben den bereits zu Anfang dargestellten Segregationsbemühungen treten weitere: Wohngebiete sind streng voneinander getrennt und unterscheiden sich in ihrer Qualität deutlich voneinander; Schwarze und Weiße haben eigene Schulsysteme, wobei die Lehrer für Schwarze zumeist schlechter qualifiziert sind. Kein Wunder, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen kommt, bei denen auch Menschen ihr Leben verlieren. Erst ab den 1960er Jahren zeigen die Proteste langsam Wirkung: Schwarze sehen die Kultur der Weißen nicht mehr als übermächtig an, lehnen sich immer mehr gegen die Bevormundung auf, wollen nicht mehr akzeptieren, schlechter behandelt zu werden. Einer ihrer politischen Anführer ist Nelson Mandela. Der 466. Gefangene, der im Jahr 1964 inhaftiert wird. Aus diesen Zahlen machen übrigens Joe Strummer und Bono von U2 einen Song…
Wenn wir schon einmal bei der Musik sind: Am 11. Juni 1988, fünf Wochen vor dem 70. Geburtstag des immer noch inhaftierten Nelson Mandela, tritt im Londoner Wembley Station die Crème de la Crème der Pop- und Rockmusik auf, vorwiegend aus dem UK, den USA und aus mehreren Teilen Afrikas. Sie alle wollen für die Freilassung Mandelas zu demonstrieren. 72.000 Zuschauer sind im Stadion dabei, Millionen von Menschen in 60 Ländern hängen gebannt an den Fernsehschirmen. Dass Südafrika dieses Konzert NICHT überträgt, ist irgendwie logisch. Trotzdem ist die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wieder einmal neu geweckt…

Und dann ging alles unglaublich schnell: 1989 nimmt Staatspräsident Frederik Willem de Klerk Verhandlungen mit dem inhaftierten Nelson Mandela auf, am 11. Februar 1990 kommt Mandela frei. Noch am Tag seiner Freilassung hält er vor 120.000 Menschen eine Rede, in der er zur Versöhnung aufruft. Alle Menschen in Südafrika, egal ob schwarz oder weiß, sollen zusammen an einem neuen, friedlichen und vorurteilsfreien Südafrika bauen. Zusammen mit Staatschef Le Klerk, der die Haftstrafe Mandelas aufgehoben hatte, bekommt Mandela 1993 den Friedensnobelpreis. Ein weiteres Jahr später ist die Rassentrennung offiziell Geschichte, zwei weitere Jahre später wird Mandela Präsident aller Südafrikaner. Gemeinsam mit Erzbischof Tutu arbeitet er die Verbrechen während der Apartheidzeit auf. Und wird zu einem Symbol, dass das Unrecht irgendwann überwunden wird. Und dass es möglich ist, Menschen, die in bitterer Gegnerschaft zueinander gestanden haben, miteinander zu versöhnen. 2010 gilt das Land als „so zivilisiert“, dass in ihm die Fußball-Weltmeisterschaft ausgerichtet wird – die erste auf afrikanischem Boden…

Seit 2010 gilt nach dem Willen der Vollversammlung der Vereinten Nationen der 18. Juli, der Geburtstag Mandelas, als Internationaler Nelson-Mandela-Tag. UN-Generalsekretär António Guterres gibt 2020 noch einmal eine eindrucksvolle Begründung, wobei der den in Südafrika gebräuchlichen Clannamen Madiba für Mandela verwendet:

„[…] Obwohl er viele Jahre in politischer Gefangenschaft verbrachte, behielt Madiba seine Würde und setzte sein Engagement für seine Ideale fort.
Sein Beispiel sollte alle Regierungen, die solche Gefangenen haben, inspirieren sie freizulassen
Im 21. Jahrhundert sollte es keine politischen Gefangenen geben.
Nelson Mandela erinnerte uns, dass “solange Armut, Ungerechtigkeit und grobe Ungleichheit in unserer Welt bestehen, keiner von uns wirklich ruhen kann”. […]

Zitiert nach UN https://unric.org/de/18072020-mandela/, letzter Abruf am 10.2.2021.

Im Sinn von Kampf gegen „Armut, Ungerechtigkeit und grober Ungleichheit“ in der Welt ist der Jahrestag der Freilassung Nelson Mandelas ein historischer Tag. Er zeigt, dass friedliche Proteste Erfolg haben und ein ganzes Land verändern können.

Südafrika hat die Botschaft von der Gleichberechtigung aller Menschen damals verstanden. Aber diese Botschaft ist noch lange nicht in allen Köpfen dieser Welt angekommen. Daran zu arbeiten, in Südafrika, bei uns und überall auf der Welt ist auch für die Zukunft Ziel und Aufgabe.

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