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21. Februar – Internationaler Tag der Muttersprache

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

21. Februar – Internationaler Tag der Muttersprache

Pakistan 1952: Das damalige Regime macht per Dekret Urdu zur alleinigen Amtssprache des Landes – eine Sprache, die lediglich von drei Prozent der Bevölkerung gesprochen wird. Für 97 Prozent der Bevölkerung des Landes bedeutet dies: Bei allen offiziellen Anlässen, beim üblichen Umgang mit Behörden und vielem mehr, wird ihnen ihre eigene Sprache genommen, sollen sie sich in einer für sie fremden Sprache ausdrücken. Massive Proteste sind die Folge, die Polizei erschießt Demonstranten. Es kommt sogar zu einem blutigen Krieg, in dem sich Ostpakistan abspaltet und als Bangladesch zu einem eigenen Staat wird. Ein Konflikt, der nicht nur, aber vor allem wegen der Muttersprache entbrannte. Die war vielen Pakistani zu wichtig, um sie sich vom Regime in Pakistan wegnehmen zu lassen.

Moderne Jetsetter können das kaum nachempfinden. Immer unterwegs, die Urlaubsreise in den entferntesten Zipfel dieser Erde und mal eben schnell mit dem Billigflieger zum Shoppen ins Ausland – vor Corona war das so. Und es steht zu befürchten, dass es nach Corona wieder genau so sein wird. Da kann Greta noch so sehr mahnen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Zurück zur Muttersprache: Viele Menschen haben gelernt, zeitweilig ohne ihre Muttersprache zu leben. Es sei denn, sie sind Engländer! Englische Freunde, die ausschließlich Englisch sprechen, habe ich einmal mit einem platten Gag aufgezogen. Natürlich auf Englisch. Auf Deutsch hört sich das so an: „Wie nennt man einen Menschen, der viele Sprachen spricht?“ „Multilingual.“ „Und einen, der zwei Sprachen spricht?“ „Bilingual.“ „Und einen, der nur eine Sprache spricht?“ „???“ „Ganz einfach: Engländer!“
Mit einer unglaublichen Selbstverständlichkeit gehen Engländer davon aus, dass sie überall auf der Welt die Einheimischen in Englisch, in ihrer Muttersprache ansprechen können. Die werden sie schon verstehen, so der Glaube. Was daran liegt, das nahezu überall auf der Welt Englisch gesprochen wird. Ein unglaublicher Vorteil.

Der allerdings bringt, einmal tiefergehender betrachtet, auch zwei entscheidende Nachteile mit sich:
Zumindest die Engländer, die ich kennengelernt habe, sprechen allenfalls ein paar Brocken einer Fremdsprache. Zur Verständigung brauchen sie das nicht. Dass ihnen mit einer fremden Sprache auch fremde Denkstrukturen verborgen bleiben, ein besonders tiefes Verständnis für fremden Kulturen, haben sie selbst nie bemerkt. Dass sie allerdings von uns Kontinentaleuropäern – Brexit hin oder her – als „besonderes Völkchen“ wahrgenommen werden, hat auch damit zu tun, dass sie sprachlich und damit gedanklich immer ein Stück bei sich selbst bleiben. Das Wort von der „splendid isolation“ bekommt so noch einmal eine andere Bedeutung…
Nachteil Nummer zwei: Engländer erleben nie dieses unbeschreibliche Gefühl, das einen erfassen kann, wenn man irgendwo am anderen Ende der Welt plötzlich jemanden in seiner Muttersprache reden hört. Völlig unerwartet auf Menschen zu stoßen, die die eigene Sprache sprechen – erlebt habe ich das in Asien, aber selbst in Frankreich in einer Region, in die sich niemals Deutsche verirren. Genauso bei einer Veranstaltung in England, an der

ausschließlich Engländer teilnehmen. Normalerweise! Dort dann unerwartet die eigene Muttersprache zu hören, hat schon etwas. Da kommt man schnell miteinander ins Gespräch: „Ihr seid auch Deutsche? Woher? Wieso seid ihr ausgerechnet hier?“ Und und und.

Menschen, die mit dem Begriff der literarischen Fiktion nicht umgehen können, stempeln Karl May gern als Phantasten, als Lügner ab. Weit gefehlt. Fiktion eben! Seine Beschreibungen mögen zwar den einen oder anderen Fehler enthalten – aber das macht sie weder schlecht noch generell uninteressant. Im Gegenteil. Mays Beschreibung, wie sehr einem Menschen das Herz aufgeht, wenn er irgendwo in der Fremde plötzlich, vielleicht sogar nach langer Zeit, die eigene Muttersprache hört, hat Gänsehautcharakter!

Auf diesem Hintergrund bekommt auch die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel eine tiefere Dimension. Die kurze Zusammenfassung: Menschen wollen einen Turm bauen, der bis zum Himmel reicht, heißt es da. Mit anderen Worten: Sie wollen Gott erreichen, so sein wie Gott. Die Folgen sind bekannt: Der Turm kracht zusammen, die Menschen sprechen plötzlich unterschiedliche Sprachen.

Wer meint, diese Erzählung wolle die Entstehung der verschiedenen Sprachen auf dieser Welt beschreiben, bleibt bei der vordergründigen Erzählung und damit an der Oberfläche. Darum geht es nämlich nur am Rande. Weitaus wichtiger ist stattdessen die Aussage: Menschen, die zu überheblich werden, kommen nicht mehr miteinander klar. Oder brutaler formuliert: Wo Realismus verloren geht, das Anerkennen von Grenzen, kommt es zu Unheil. Meistens zeigt sich dieses Unheil in der Form, dass sich die Menschen gegenseitig die Schädel einschlagen.
[Bibeltheologisch lässt sich das übrigens sehr gut begründen und nachweisen – mit überraschenden Erkenntnissen! Die gibt es dann am Pfingstfest hier zu lesen!]

Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel macht darüber hinaus deutlich: Seine Stimmungen und seine tiefsten Gefühle – die kann man am besten in seiner Muttersprache ausdrücken. Nehme ich aber einem Menschen seine Muttersprache, dann nehme ich ihm auch seine Identität. Ich nehme ihm auch seine Kultur, zumindest einen Teil seines Gefühlslebens, seiner Ausdruckskraft. Schreiben Sie doch mal bitte eben schnell einen Brief auf Englisch, Französisch oder Spanisch. Geht Ihnen das auch so leicht von der Hand wie auf Deutsch? Wenn ich jemandem seine Muttersprache nehme, nehme ich ihm auch seine Möglichkeiten, sich gegen Dinge zur Wehr zu setzen, zum Beispiel gegen politische Willkür zu protestieren. Verbiete ich einem Menschen seine Muttersprache, mache ich ihn hilflos, stürze ihn in Sprachlosigkeit. Ein Begriff, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Vor allem aber: ein schlimmer Zustand!

Im Jahr 2000 erklärte die UNESCO, die Organisation der Vereinten Nationen, die sich um Bildung, Wissenschaft und Kultur kümmert, den 21. Februar zum Welttag der Muttersprache. Sie weist damit die Sprache als Zeichen der kulturellen Identität des Sprechenden aus. Sie stellt damit Minderheiten und ihre Kultur auf dieselbe Stufe wie Mehrheiten, will, dass Sprache, Denken und Kultur auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden, dass sie eben nicht aus dem kollektiven Gedächtnis der Welt verschwinden. Denn wenn Sprachen vergessen werden, weil sie nicht mehr an die nachfolgende Generation weitergegeben werden, dann sterben nicht nur die Sprachen aus, sondern auch kulturelle Errungenschaften. Deshalb ist es für Basken, Korsen, Katalanen und andere, um nur „im alten Europa“ zu bleiben, so wichtig, dass sie ihre Sprache im schulischen Unterricht weitergeben dürfen.

Und so ganz nebenbei helfen die unterschiedlichen Sprachen auch, nicht nur die eigene Identität zu sehen und in den Vordergrund zu stellen, sondern sie sind auch der Schlüssel für den Respekt des jeweilig Anderen. Politisch betrachtet entsteht aus diesem Respekt auch die Kraft für Kompromisse und damit für ein gedeihliches Miteinander. Oder um es mit den Worten des österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein zu formulieren: „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
Deshalb ist der Internationale Tag der Muttersprache weitaus mehr als nur eine Mahnung, Menschen nicht ihre Identität zu nehmen.

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