Drücken Sie Enter, um das Ergebnis zu sehen oder Esc um abzubrechen.

3. Februar, „Du stinkst mir!“ Von Stinkstiefeln, Gerüchen und Parfüms

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

3. Februar, „Du stinkst mir!“ Von Stinkstiefeln, Gerüchen und Parfüms

Es gibt Schlimmeres! Trotzdem empfinde ich dir Vorstellung, vielleicht dabeigewesen zu sein, nicht gerade als erstrebenswert. Um was geht’s? Für eine wissenschaftliche Untersuchung haben Wissenschaftler jungen Frauen Hemden von Männern unter die Nase gehalten. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Anhand des Geruchs sollten die Frauen nämlich erklären, ob sie den jeweiligen Hemdenträger für besonders anziehend halten oder für weniger anziehend. Dazu mussten übrigens die Hemden nicht ordentlich stinken. Es waren auch ein paar „Kandidaten“ waren, die lediglich ein paar Stunden ohne körperliche Belastung getragen worden waren. Wahrscheinlich kennen Sie solche Befragungen, bei denen man etwas in unterschiedlichen Abstufungen bewerten soll, aus Zeitschriften und Magazinen. Das Ergebnis des „Schnüffeltests“ war überraschend: Eine dezente Note nach Männerschweiß empfanden die meisten Frauen als besonders „anziehend“, um das mal so zu formulieren. Statt „Schnüffeltest“ schoss mir sofort „Müffeltest“ durch den Kopf. Ob es wenigstens auch ein Äquivalent gegeben hat, bei denen Männer die Gerüche von Frauen bewerten sollten, ist mir nicht bekannt. Wie auch immer: Irgendwie bin ich froh, dass ich mich dieser Riechprobe nicht stellen musste.

Warum das Ganze? Die Wissenschaft liefert Fakten: Jeder Mensch hat einen individuellen Geruch, ähnlich individuell wie ein Fingerabdruck. Dieser Geruch wird über Geruchsmoleküle über den ganzen Körper verteilt. Aber trotzdem gibt es natürlich Zonen, an denen der Geruch besonders intensiv ist. Das weiß jeder, der schon einmal von einem fremden Hund beschnüffelt wurde. Allerdings sind die Riechwerkzeuge der meisten modernen Menschen im Vergleich zum Hund deutlich verkümmert. Deshalb heißt es auch bei Aromatherapien: Sie seien am wirksamsten, wenn der Duftstoff so dosiert wird, dass er gar nicht mehr bewusst wahrgenommen wird. Geruchswahrnehmung also in einem Bereich, der eher dem Unterbewusstsein zugesprochen werden sollte.

Bewiesen scheint auch: Weichen die Gerüche zweier Menschen innerhalb bestimmter Parameter besonders stark voneinander abweichen, kommen sie beiden umso besser miteinander klar. Hoch schlagen also die Herzen, wenn sich zwei treffen, die völlig unterschiedlich riechen. Weil Duftmoleküle nun aber letztlich vom körpereigenen Chemiewerk erzeugt werden können, hat es durchaus eine tiefere Bedeutung, wenn man sagt: Es liegt möglicherweise am Geruch, wenn zwei Menschen voneinander sagen: Zwischen uns beiden stimmt die Chemie!
Bereits unsere Großeltern kannten dieses Phänomen. Ohne wissenschaftliche Untersuchungen haben sie den Sachverhalt erspürt und wussten ganz genau, was es bedeutet, den „richtigen Riecher“ zu haben. Und ebenso war ihnen sehr bewusst, was es hieß über jemanden zu sagen: “Den kann ich gut riechen!” Natürlich gibt es auch das Gegengeil, also dass man jemanden gar nicht riechen kann. Im schlimmsten Fall mag man da sagen: “Der stinkt mir!”
Die Chemie stimmt, den richtigen Riecher haben, über jemanden zu sagen, den kann ich gut oder nicht riechen, der stinkt mir: Unsere Sprache kann so erfrischend deutlich sein! Vor allem dann, wenn sie Dinge ausdrückt, die für unsere Altvorderen zum Alltag gehören, die wir aber längst nicht mehr kennen und erst durch wissenschaftliche Untersuchungen wiederentdecken müssen.

Nicht umsonst wurden in der Vergangenheit ganze Bücher über Gerüche geschrieben. „Das Parfüm“ von Patrick Süskind ist eines der jüngeren. Es schildert eindrucksvoll die Auswirkungen von künstlich hergestellten Düften, mit denen man sogar Menschen manipulieren und Macht über sie gewinnen kann. Vor allem dann, wenn man sie gezielt einsetzt, der Riechende sich ihrer aber nicht einmal bewusst wird.
Das führt mich unweigerlich zurück zu den alten Römern: Die verbrachten zwar viel Zeit in ihren Badehäusern, doch gewaschen, mit Seife, wie im heutigen Sinne, wurde sich da nicht. Stattdessen schabten sich die Römer mit einem Stück Metall über die Haut und rieben anschließend den Körper mit duftendem Öl ab. Mischungen aus Schweiß, Schmutz und Öl, die von Gladiatoren stammten, sollen bei weiblichen Fans als pflegende Gesichtscremes sehr beliebt gewesen sein. Was aus heutiger Sicht noch etwas heftiger wirkt als der bereits angesprochen „Müffeltest“. Und wenn Sie die ganze Geschichte weiterdrehen wollen: Stellen Sie sich einfach vor, bekannte Fußballer wie Christiano Ronaldo und Lionel Messi oder Popstars wie Lade Gaga und Rihanna würden Duftlinien auf den Markt bringen, in denen ihr Schweiß, Schmutz… na, das lassen wir lieber.
Von den Römern ins Mittelalter: Dort kümmerte man sich durchaus um

die persönliche Sauberkeit. Die römischen Badehäuser feierten so etwas wie eine Renaissance – nur auch hier nicht ausschließlich aus Gründen der Reinlichkeit. Pflegten die römischen Männer durchaus, in den Badehäusern Geschäfte zu besprechen und abzuschließen, plantschten in den Badehäusern des Mittelalters Männlein und Weiblein in denselben Räumen, was Badehäusern auch den durchaus berechtigten Ruf einbrachte, eine besondere Art von Vergnügungsstätte zu sein… Ist es ein Kuriosum der Geschichte, dass ausgerechnet die Pest, für damalige Verhältnisse deutlich eine Pandemie, dem Ganzen ein Ende setzte? Was den Geruch anbelangt, verfuhr man in den nächsten Jahrhunderten im ach-so-zivilisierten Europa frei nach dem Grundsatz: Wenn alle stinken, fällt der eigene Geruch auch nicht mehr auf.
Spätestens im 18. Jahrhundert steht das Baden, zumindest in gewissen Kreisen, wieder hoch im Kurs. Napoleon und seine Frau Josephine sollen häufiger gebadet haben, als das heutigen Dermatologen – Sie wissen schon: Säureschutzmantel der Haut und so… – lieb ist, nämlich täglich. Dennoch wird von Napoleon überliefert, er habe seine Frau angewiesen, sich vor seiner Rückkehr aus einer Schlacht nicht zu waschen. Er wolle sie riechen, wie sie riecht. Da ist er also wieder, der individuelle, Menschen aneinanderbindende Geruch. Dass es irgendwo auch eine Überlieferung gibt, nach der Napoleon diesen Wunsch nicht an seine Frau, sondern an eine Mätresse richtete, ist vermutlich den Wirren der Geschichte geschuldet…

Eigentlich schade, dass wir in einer Zeit leben, in der die individuellen Gerüche längst auf dem Abstellgleis gelandet sind. Otto Normalverbraucher ist nicht in der Lage, bei einer Versteigerung auf „Imperial Majesty“ von Clive Christian zu bieten. Es sei denn, er würde dafür sein mühsam zusammengespartes Eigenheim eintauschen. Also verwendet er wie die meisten Menschen, die sich mit anderen als den körpereigenen Düften umgeben, das, was Lancôme, Prada, Gucci, Bvlgari, Boss und Dolce & Gabanna in einer für Normalsterbliche erschwinglichen Preisklasse anbieten. Und damit für Hunderttausende produzieren, wenn nicht Millionen. Fazit: Wir riechen alle gleich, zumindest mehr oder weniger. Die einen nach Prada, die anderen nach Boss. Und so fort. Mit den Körpersprays, Deos und Parfüms überdecken wir unsere individuellen Gerüche, also das, was mich eindeutig von einem Konkurrenten in der Buhlschaft unterscheidet. Wenn mich Chanel No. 5 anzieht, vielleicht sogar das Bindungshormon Oxytocin freisetzt, dann bedeutet das längst nicht mehr die Bindung an eine einzige Person. So individuell wie der individuelle Körpergeruch ist kein Parfum dieser Welt, noch nicht einmal „Imperial Majesty“. Eine Untersuchung, ob Beziehungen heutzutage vielleicht auch deshalb schneller auseinandergehen, weil der künstlich aufgetragene Körpergeruch austauschbarer ist als der individuelle, würde mich wirklich mal interessieren.
Aber es gibt ja längst eine Gegenbewegung: Nämlich den eingangs erwähnten „Schnüffeltest“. Mit dem lassen sich künstlich Düfte erzeugen, die möglichst viele Menschen anziehend finden.

Letztlich fehlt noch ein Gedanke: Wenn wir wollen, dass andere uns gut riechen können, kann kurzfristig sicher ein Parfüm helfen. Langfristig aber hilft nur eins: sich im Alltag so verhalten, dass man nicht von anderen als Stinkstiefel abgestempelt wird. Dagegen hilft nämlich kein Parfüm der Welt.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige persönliche Eindrücke – Zeit zum Innehalten. 3. Februar, „Du stinkst mir!“ Von Stinkstiefeln, Gerüchen und Parfüms

Kommentare

Hinterlassen Sie ein Kommentar

Datenschutz
Ich, Klaus Depta (Wohnort: Deutschland), verarbeite zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in meiner Datenschutzerklärung.
Datenschutz
Ich, Klaus Depta (Wohnort: Deutschland), verarbeite zum Betrieb dieser Website personenbezogene Daten nur im technisch unbedingt notwendigen Umfang. Alle Details dazu in meiner Datenschutzerklärung.