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Tötet den Ketzer, verbrennt ihn! Giordano Bruno (12. März)

Diese Szene stelle ich mir immer wieder vor: Galileo Galilei hat entdeckt, dass sich die Erde um die Sonne dreht, darf das aber nicht mehr behaupten, widerruft, dreht sich um und murmelt sich ins Fäustchen: Und sie dreht sich doch!
Damals, im Jahr 1616, als das Verfahren gegen den Astronomen und Universalgelehrten angestrengt wurde, beharrte die Kirche darauf: Die Erde ist der Mittelpunkt der Welt. Konsequent weitergedacht kann das nur heißen: Alle Gestirne drehen sich um die Erde. Das entsprach dem Bild, das sich ein paar tausend Jahre vorher die biblischen Erzähler von der Welt gemacht hatten. Und somit widersprach Galileis Entdeckung der Bibel. Auch im ausgehenden Mittelalter reagierte die Kirche darauf, sagen wir einmal, ziemlich empfindlich: Ketzer und Häretiker, also Irrlehrer, wurden zum Tode verurteilt, meistens verbrannt. Gut also, dass niemand das gotteslästerliche Murmeln Galileis gehört hatte.
Wobei ich zugestehen muss: Historisch spielte sich das Verfahren gegen den unglaublichen Astronomen und Universalgelehrten völlig anders ab. Möglicherweise gab es nur einen Aktenprozess, bei dem der Gelehrte gar nicht persönlich anwesend war. Historische Dokumente widersprechen sich da. Das Ergebnis aber ist dasselbe: Galilei verzichtete fortan darauf, seine Entdeckung weiterhin zu behaupten – und blieb am Leben.

An der Lehrmeinung der Kirche änderte sich übrigens vorerst auch nichts, als der Astronom Friedrich Johannes Kepler die Planetenbewegungen erforscht hatte und Galileis Beobachtungen bestätigte. Wer es gern sprachlich etwas gehobener haben möchte: Noch hielt die Kirche an dem alten geozentrischen, also erdzentrierten Weltbild fest: In der Mitte die Erde (als Scheibe), rundherum so etwas wie der Urozean, über allem eine Art Käseglocke, an die der liebe Gott mit einer wunderschönen Bastelarbeit Sonne, Mond und Sterne montiert hatte. Oder so ähnlich. Im ausgehenden Mittelalter entdeckten die Astronomen, dass sich alles um die Sonne dreht. Da die im Griechischen Helios heißt (und auch gleichzeitig den gleichnamigen Sonnengott meint), sprechen wir heute vom heliozentrischen Weltbild: Alles dreht sich um die Sonne. Zumindest für unser Planetensystem ist das wohl richtig. Aber mal abwarten, welche Überraschungen uns die Astronomie in den nächsten Jahrzehnten noch über die Kräfte im Universum präsentieren wird…

Zurück zu Galileo Galilei und Co: Während sich Galilei seine Weisheit also quasi ins Fäustchen murmelte, verkündete sie Giordano Bruno einige Jahre zuvor lauthals. Aufgrund seiner astronomischen Beobachtungen war er fest davon überzeugt, dass der Weltraum

unendlich sei, das Universum sogar ewig. Die Konsequenzen, die Bruno daraus zog, standen diametral zur kirchlichen Vorstellung. Wenn nämlich die Welt, das Universum unendlich wäre, dann gäbe es keinen Platz für ein Jenseits. Und wenn das Universum ewig ist, also ohne Anfang und Ende, dann lässt sich diese Vorstellung nicht mehr mit der kirchlichen Lehre von einer Schöpfung der Welt durch Gott, also einem Anfang, und einem Jüngsten Gericht als Ende der Welt in Einklang bringen. Letztlich veränderte sich damit auch die Vorstellung von einem personalen Gott hin zu einer pantheistischen Weltanschauung. Weitere Vorstellungen und Konsequenzen aus den Beobachtungen Brunos sparen wir an dieser Stelle aus.

Grundsätzlich kann man so denken. Giordano Brunos Problem war nur: Er war zwar auch Astronom, wie Galilei, war auch Philosoph – aber in allererster Linie war er Theologe, ja, sogar geweihter Priester. Darüber hinaus war er als Freigeist bekannt, als jemand, der seine Zweifel offen formuliert, um sich daran zu reiben und um Klarheit zu bekommen. Dass aber ein Priester Dinge verkündet, die – zumindest aus damaliger Sicht – mit dem Glauben unvereinbar sind, ihm sogar widersprechen, war aus Sicht der Kirche nicht hinnehmbar. Damals galt wie heute: Wer mit ernstzunehmenden Ideen, Vorstellungen und Entdeckungen – und das meint nicht irgendwelche Verschwörungsphantasien – in Erscheinung trat, die öffentliche Ruhe und Ordnung störte und gar an den kirchlichen Lehren rüttelte, landete im so genannten finsteren Mittelalter fast immer auf dem Scheiterhaufen. Bei Giordano Bruno kam erschwerend hinzu: Er verkündete nicht nur Irrlehren, sondern verstieß, als man ihm die Propagierung seiner Entdeckung verbot, als Priester auch noch gegen seine Gehorsamspflicht. Also steckte man ihn erst einmal mehrere Jahre in einen Kerker. Als er immer noch nicht davon abließ, für seine Entdeckungen einzustehen, verurteilte ihn der Gouverneur von Rom am 17. Februar 1600 wegen Ketzerei und Magie zum Tod auf dem Scheiterhaufen.

Auch wenn es jetzt zynisch wird: Der Mann tat genau das, wofür die Kirche Hunderte von Menschen heiliggesprochen hatte: Er trat für seine Ideen und Vorstellungen ein, nahm dafür sogar den Tod in Kauf. Verrückte Welt! Aber immerhin: Galileo Galilei, dessen Verfahren 16 Jahre später folgte, war ausdrücklich gewarnt! Und verhielt sich sehr pragmatisch und zielorientiert, wie man heute wohl sagen würde.

Und nun kommen Sie. Bitte beantworten Sie sich selbst an dieser Stelle einmal die Frage: Kannten Sie den Namen oder gar etwas über die Person Giordano Bruno, bevor Sie diesen Text gelesen haben? Ja? Toll! Nein? Grämen Sie sich nicht. Denn tatsächlich ist der Mann nahezu vergessen. Leider. Denn er war ein Mensch, der für seine Überzeugungen eintrat, Nachteile, ja sogar den Tod in Kauf nahm. Was richtig ist, muss auch richtig bleiben. Dafür sollte man einstehen, auch wenn man bezüglich des Preises, den man zu zahlen bereit ist, zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann. Siehe Galileo Galilei!

Ein Zweites: Es gehört zu den unangenehmen Wahrheiten über die Kirche, dass sie in der Vergangenheit in vielen Fällen Dinge verantwortet und getan hat, die mit ihren eigenen Grundsätzen und Lehren nur schwer, vielfach auch gar nicht zu vereinbaren sind. Eine Gemeinschaft, die Barmherzigkeit predigt, aber unbarmherzig zuschlägt, wenn sie den Eindruck hat, dass an ihren Grundfesten gerüttelt wird; eine Organisation, die den Schutz des Lebens vehement einfordert, aber selber für den Tod Tausender, vielleicht sogar Hunderttausender verantwortlich ist.

Wer allerdings so argumentiert, vergisst meistens, dass sich gesellschaftliche Vorstellungen wandeln und dass zwar nicht die Glaubenswahrheiten an sich, aber deren Auslegung, vor allem aber wie man damit umgeht, durchaus veränderlich ist. Insofern ist es einfach nicht fair, die heutige Kirche immer wieder mit dem zu konfrontieren, was sie vor Jahrhunderten verantwortete, aber aus der Rückschau längst als Unrecht ansieht. Mit der Distanz von Jahren und Jahrhunderten lässt sich vieles anders erklären und definieren. Deshalb sollte man zuerst einmal anerkennen: Selbst wenn die Kirche im Extremfall Priester und sonstige kirchliche Mitarbeiter „absetzt“ oder gar entlässt, weil sie Vorstellungen verbreiten, die mit den kirchlichen Lehren nicht vereinbar sind, geht sie heute mit Andersdenkenden anders um als in zurückliegenden Jahrhunderten.
Und sie ist bereit, sich Stück für Stück der Verantwortung für die Vergangenheit zu stellen. So auch im Fall Giordano Bruno: Am 12. März 2000, also heute vor 21 Jahren, erklärte der damalige Papst Johannes Paul II., dass die Hinrichtung von Giordano Bruno auch aus kirchlicher Sicht als Unrecht anzusehen sei. Eine Rehabilitierung mit Pauken und Trompeten, Konfetti, Freudenparade, öffentlicher Ansprache und Kniefall des Papstes wäre manch einem wohl lieber gewesen – aber, um im Bild zu bleiben, dann käme der Papst bei allem, was sich in Jahrhunderten vorher an Negativem summiert hat, von den Knien kaum noch hoch. Und das wäre dann vermutlich für Etliche auch wieder nicht richtig.

So bleibt die Erkenntnis: Die Vorstellungen und Entdeckungen Giordano Brunos beruhen auf seiner intensiven Auseinandersetzung mit den größten Philosophen und Denkern seit der Antike, darunter Aristoteles, Platon, Epikur, Thomas von Aquin, Nikolaus von Kues und anderen. Auf der Grundlage dieser bedeutenden Erkenntnisse entwickelte Giordano Bruno ein neues Denken, das mit dem erstarrten Denken seiner Zeit in Konflikt geriet. So war für seine Zeitgenossen kaum nachvollziehbar, dass Bruno bereits Reisen in den Weltraum unternahm, wenn auch nur in seiner Vorstellung. Diese Reisen dienten den Überlegungen, wie der begrenzte Horizont des menschlichen Denkens überwunden, zumindest vergrößert werden könnte.

Ein Widerhall seines Denkens findet sich bei Goethe, Leibniz, Nietzsche, de Spinoza und vielen anderen Geistesgrößen, Bertolt Brecht schrieb mit „Der Mantel des Ketzers“ sogar eine Erzählung über Bruno. (Über Galileo Galilei übrigens auch.) Außerdem tragen Plätze, Schulen und andere öffentliche Liegenschaften Brunos Namen. Dass sogar ein Mondkrater und ein Asteroid nach ihm benannt wurden, würde ihn freuen. Am meisten freuen würde sich Giordano Bruno aber vermutlich darüber, dass seine Kirche, deren Priester er lange war, seine religiösen Lehren zwar nach wie vor mit einer gewissen Skepsis betrachtet, seine Ermordung aber zweifelsfrei als Unrecht anerkennt.
Deshalb bleibt: Denker wie Giordano Bruno haben einen beträchtlichen Anteil daran, dass das „finstere Mittelalter“ lange hinter uns liegt. Ihr geistiges Wirken lässt Entwicklungen denkbar werden, die in eine hoffentlich bessere Zukunft führen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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