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Mut und Überwindung – Trau dich: Umparken im Kopf (23. März)

An anderer Stelle habe ich das schon einmal gesagt: Ich bin Fan von den kleinen Dingen im Leben. Fan auch von Unerwartetem, von schönem Unerwarteten, wohlgemerkt. Die bösen Überraschungen – die können mir gestohlen bleiben. Die mag ich genauso wenig wie Bauchweh. Aber die schönen Überraschungen, die überraschenden Kleinigkeiten – ich liebe sie!

Gestern gab

es mal wieder so eine Überraschung. Beim Aufräumen. Eine Kiste unter dem Sofa, so versteckt, dass ich sie seit langem nicht mehr gesehen hatte. Okay, das letzte Saugen genau dort war wohl auch schon etwas länger her. Auf jeden Fall hatte ich die Kiste völlig vergessen. Und plötzlich waren sie wieder da: ein paar alte CDs, die ich vor längerer Zeit gesucht hatte, ein Lebkuchenherz von meinem letzten Besuch auf dem Rummel – wie lange ist das denn her? Stand die Kiste wirklich nur ein paar Monate unter dem Sofa? –, ein paar Zeitschriften, ein paar Dinge, die ich Ihrem Voyeurismus vorenthalte, und ein paar Bücher. Angelesen, nicht zu ende gelesen, aus irgendwelchen Gründen unterbrochen und bislang nicht wieder angefangen, sie weiterzulesen. Wie denn auch? Die waren ja quasi verschollen, spurlos verschwunden. Eines dieser Bücher kam mir nicht einmal bekannt vor. Aber es dämmerte mir, dass das ein lieber Bekannter – gebraucht – für mich auf dem Trödel erstanden hatte.

„Trau dich, 40 Tage anders zu leben“, so der Titel. Wobei das Wort „anders“ dann auch noch anders als der Rest geschrieben ist. Also in einer anderen Schriftart, meine ich. Und immerhin so, dass ich darauf anspringe. Untertitel: „Der Fastenkalender“. Nee, danke, brauche ich nicht. Ich bin weder zu dick noch unsportlich. Und abgesehen davon: Ist die Fastenzeit nicht an Ostern vorbei? Seit ich für meinen Neffen ein paar Ostergeschenke gekauft habe – nein, nein, keine Ostereier, Osterhasen und anderen Süßkram; stattdessen…, neee, stop, das kann ich hier nicht schreiben. Wohlmöglich liest er das dann und die Überraschung zu Ostern ist dahin. Wenn wir uns denn an Ostern überhaupt sehen können. Sie wissen schon: Corona und so… Auf jeden Fall: Freude in Kinderaugen – gibt es etwas Schöneres? Für mich nicht. Ist ja auch irgendwie eine Überraschung damit verbunden, zumindest für‘s Kind. Deshalb fiebere ich Ostern entgegen. Und das Osterfest kommt mit Riesenschritten auf uns zu. Nix ist mehr mit 40 Tagen. Was also soll ich da jetzt noch mit einem Fastenkalender?

Geblättert habe ich dann aber doch: „Trau dich: Hilfe anbieten“, steht da auf einer der Seiten. Klingt gut. Und auch sonst

gibt´s praktische Tipps: „Trau dich: Mund halten.“ Bitte? Wer ist der Verfasser? Kennt der mich? Weiß der, dass ich nie und nimmer die Klappe halten kann, überall meinen Senf dazugeben muss? Wie unter Zwang?

„Kleiderschrank aufräumen.“ Der kennt mich wirklich! Hey, Schiri, wir wissen, wo du wohnst!
„Langsamer werden.“ Bitte, Kinder, tut mir das nicht an. Blitzschnelle Reaktionen sind meine Stärke!

Warum auch immer fällt mir der Werbeslogan ein, den ein Automobilhersteller vor ein paar Jahren sehr erfolgreich kreiert hat: Umparken im Kopf. Als ich damals nach einem neuen Gebrauchten guckte, habe ich tatsächlich nach einem Wagen dieses Herstellers gesucht. Nur wegen des Spruchs! Der hat was! Bewegung in den eigenen Kopf, in den eigenen Geist bringen, von Antrainiertem, von alten Gewohnheiten lassen und etwas verändern. Ein neuer Mensch werden? Na ja, vielleicht ist das ein bisschen viel verlangt. Auch wenn der Fastenkalender wohl genau das will.

„Trau dich: im Kopf umparken!“ Nee, das steht jetzt nicht in diesem Fastenkalender. Das ist von mir. Meint aber in etwa das Gleiche. Man muss die Kiste einfach mal hochbekommen, endlich mal machen, statt nur darüber zu reden. Nachdenken, anpacken und bewusster leben. In diesem Sinne liefert das Büchlein für jeden Tag eine andere kleine Regel, die dazu beitragen kann, das Leben anders, reflektierter, bewusster anzugehen. Das Konzept gefällt mir. In diesem Fastenkalender finden sich tatsächlich für jeden Tag ein paar zusätzliche Gedanken, die nicht nur im Kleiderschrank Ordnung schaffen, sondern auch in Kopf und im Seelenleben:

Trau dich: Wasser schätzen. In der Tat: Wie verschwenderisch gehen wir oft mit Trinkwasser um, wobei wir eigentlich genau wissen, dass ohne sauberes Trinkwasser gar nichts geht. „Wenn der Brunnen trocken ist, schätzt man erst das Wasser“, zitiert der Fastenkalender dazu passend ein arabisches Sprichwort. Stimmt. Das konnte ich in den letzten beiden Sommern sehen, als meine paar Blümchen im Balkonkasten ständig die Köpfe hängenließen, weil ich mit dem Gießen gar nicht mehr nachkam.

Da ist von Büßern die Rede, die sich am Aschermittwoch ein Bußgewand anlegten, um anderen zu zeigen: Ich will in meinem Inneren fit werden. Das berühmte „in Sack und Asche gehen“. Dazu Zitate aus der Bibel und anderer Literatur, die zeigen, dass das „sich fit Machen“ auch bei solchen vermeintlichen Nebensächlichkeiten eine gute Sache ist.

40 Tage Fastenzeit, 40 Tage, an denen ich die Chance habe, mich für die Zukunft besser aufzustellen, wie das heute so schön heißt. Und 40 Seiten mit schlauen Gedanken und guten Ideen, mit denen der Fastenkalender mich begleiten soll. Warum eigentlich nicht? Irgendwie eine gute Idee.

Also gut, ich lege jetzt zwar nicht Sack und Asche an, aber ich traue mich und lege diesen ungewöhnlichen Fastenkalender nun für die letzten paar Tage bis Ostern doch noch auf meinen Esstisch. Und jeden Morgen werde ich die nächste Seite lesen. Versprochen! Denn über den heutigen Tag hinaus habe ich noch nicht geblättert.

Ja, und im nächsten Jahr werde ich diesen Fastenkalender ab Aschermittwoch gut sichtbar ins Zimmer legen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Trau dich: den Fastenkalender rechtzeitig auf den Couchtisch legen. Oder so ähnlich.

An meinen Kühlschrank habe ich übrigens heute Morgen, bevor ich jetzt diesen Text in die Tasten haue, mit einem Magneten einen Zettel befestigt. Darauf habe ich geschrieben: „Trau dich: keine Kisten mehr unter’s Sofa schieben!“ Nicht, dass am Ende noch eine böse Überraschung dabei herauskommt.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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