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Internationaler Tag des Sports für Frieden und Entwicklung (6. April)

Wenn man dem Internet glauben kann – und manchmal kann man das ja – , dann feiern unsere US-amerikanischen Freunde heute den Tag des Teflons, den Tag der frischen Tomate und den Twinkie-Day. Na gut, dass bei dem einen oder anderen Politiker der USA die Realität abperlt wie an einer Teflon-Pfanne, haben wir in den letzten vier Jahren eindrucksvoll beobachten können. Dass Tomaten gesund sind und, wenn man zwei bis drei Tonnen täglich davon verzehrt

– oder so ähnlich – , sogar Krebs verhindern können, scheint längst zum allgemeinen Kulturgut zu gehören. Dass über sie in früheren Jahren, zumindest wenn sie aus den Gewächshäusern unseres Nachbarlandes stammten, Witze gerissen wurden wie „Wasser in einem neuen Aggregatzustand“, auch. Und ich gebe zu: Wenn ich mir die Bilder der Creme gefüllten Snack-Törtchen ansehe, mir vorstelle, wie diese Twinkies schmecken könnten – wie sie wirklich schmecken, weiß ich nicht – , dann läuft mir tatsächlich das Wasser im Mund zusammen.

Der einzig wahre Gedenktag: der Internationale Tag des Sports für Entwicklung und Frieden
Was mich allerdings stört: dass diese mehr oder weniger kuriosen „Feiertage“ den Blick auf den einzigen „Feiertag“ verstellen, den es wirklich heute zu begehen gilt: den „Internationalen Tag des Sports für Entwicklung und Frieden“. Den hat die UN 2013 ins Leben gerufen und damit eine Verbindung hergestellt zu den Olympischen Spielen der Neuzeit, die seit 1896 alle vier Jahre ausgetragen werden.
Ups, endlich mal etwas Positives durch Corona: Weil die Spiele in Tokio vom letzten auf dieses Jahr verschoben wurden, können wir in diesem Jahr 125 Jahre Olympische Spiele der Neuzeit feiern. Was ohne Corona gar nicht möglich gewesen wäre, da die Spiele bekanntlich nur alle vier Jahre stattfinden und 125 nicht durch vier teilbar ist.
Sie bemerken, ich verzettele mich. Aber wo ich eh schon dabei bin, will ich wenigstens anfügen, dass ich mich regelmäßig darüber ärgere, wenn anerkannte Journalisten davon sprechen oder schreiben, dass die Olympiade in Tokio stattfindet. Nein! Die Spiele selbst sind die Olympischen Spiele, die Olympiade ist die Zeit zwischen den Spielen. In Worten: ZWISCHEN den Spielen! Und die beträgt seit 1896 immer vier Jahre – außer dieses Mal. Da dauert die Olympiade fünf Jahre. Die Olympischen Spiele hingegen dauern rund zwei Wochen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Genug damit, zurück zum eigentlichen Thema.

Sport fördert Nachhaltigkeit
Die UN hat gut erkannt, dass Menschen und Organisationen, die sich intensiv um den Sport bemühen, gleichzeitig für soziale Integration, für Verständnis und damit für Frieden eintreten. Das ist klasse, dass ist Grund genug, alljährlich einen Gedenktag zu begehen, damit sich dieses noble Unterfangen in den Köpfen verankert und auf jeden Fall fortgesetzt wird.
Nur kann ich persönlich nicht ganz nachvollziehen, warum die Sache mit Frieden und Solidarität auch für Sportarten gilt, bei denen man alles daransetzt, den Gegner möglichst so heftig zu verhauen, dass der nicht mehr weitersportlern kann. Und wenn die UN auch von den „Zielen der nachhaltigen Entwicklung“ spricht, verstehe ich nicht ganz, warum der Aufbau großer Sportstätten dazugehört. Denn bekanntermaßen werden in manchen Ländern Sportstätten und Wohnquartiere aus dem Boden gestampft, die nach den Spielen kein Mensch mehr braucht. Wo also zum Teil rücksichtslos die Natur zerstört wird, wo Ressourcen ohne Ende verbraten werden, wendet man anschließend Zeit, Geld und Energie auf, um diese Sportstätten wieder abzureißen. Nachhaltigkeit sieht für mich anders aus. Aber sei’s drum: Ich muss ja auch nicht alles verstehen.

Sport fördert soziale Entwicklung
Ja, das ist wirklich eine große Errungenschaft des Sports. Deshalb haben wir uns mitgefreut, dass ausgerechnet Südafrika, das Land, in dem am längsten eine rigorose, unmenschliche Apartheidpolitik geherrscht hatte, mit einer Fußballweltmeisterschaft belohnt und auf seinem Weg in eine bessere Welt unterstützt wurde – auch wenn das Gedröhne der unsäglichen Vuvuzelas bei vielen Europäern Tinnitus und Ohrenkrebs auslöste. Um der guten Sache willen haben wir das gern ertragen.


Und wir haben auf die Mauern in Brasilien gestarrt, die uns den Blick in die Favelas, die Elendsviertel der Städte versperrten, haben so getan, als wüssten wir nicht, dass der brasilianische Staat Unmengen von Geld in ein Großereignis wie die Fußball-WM 2014 gesteckt hat, das auch gut und gerne den Ärmsten der Armen im eigenen Land hätte helfen können. Denen, die durch die Mauern vor unseren Blicken und möglicherweise vor unserem Entsetzen über deren Lebensbedingungen weitestgehend verborgen geblieben sind.
Und weil sich Brasilien durch seine Fußballnationalmannschaft sehr fair und gastfreundlich mit einem „Ergebnis für die Ewigkeit“ bei uns bedankte, haben wir zwei Jahre später auch bei den Olympischen Spielen alle Bedenken in Sachen „sozialer Ungerechtigkeit“ hintangestellt und stattdessen so getan, als hülfen derartige Großereignisse den Menschen im Land, zumindest denen, die es am Nötigsten hätten. Wir haben das gern getan. Ja, da eröffnet der Sport den Blick auf unsere generöse Seite, die so oft verborgen bleibt.

Sport wirkt politisch
Wichtig ist in der Tat, dass der Sport eine beispiellose Popularität besitzt, mit der man besser Politik machen kann als die Politik selbst. Nehmen Sie nur unsere Fußballnationalmannschaft: Die hat die Zeichen der Zeit erkannt und demonstriert mit einer hübschen T-Shirt-Aktion gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Baustellen zur Fußball-WM in Katar. Dass unsere Fußballmillionäre ihre T-Shirt-Aktion bei der Klasse 8c der Gesamtschule in Oberwilmensdorf (oder war es vielleicht Niederwilmensdorf?) abgeguckt haben, ist nebensächlich. Großartig ist es, wie sie mehr Politik betreiben als die Politik selbst: Weil man sich auf politischer Ebene einen Boykott der WM in Katar nicht leisten kann oder will, schaffen unsere Nationalspieler Fakten: Gegen Nordmazedonien zu verlieren, war kein Aprilscherz, sondern politisches Kalkül: Noch ein, zwei solcher Spiele und Deutschland boykottiert zwar nicht die WM, fährt aber trotzdem nicht hin. Sport wirkt also sogar da, wo man sich gar nicht (oder fast nicht mehr) sportlich betätigt. Genial!
Womit bei einem “Boykott aufgrund mangelnder Leistung” auch das Public Viewing während der Glühweinfesttage, die man früher einmal Adventszeit und später Weihnachtsmarktzeit nannte, nicht wegen Corona abgesagt werden müsste, sondern mangels Interesses ausfallen würde. Wer guckt schon, wenn Jogis Jungs (oder wer immer dann verantwortlich ist) gar nicht dabei sind? Dann wäre der Advent wenigstens das, was er zuletzt immer schon war: eben Glühweinfesttage. Sorry, ich schweife schon wieder ab.

Sport und Solidarität
Sport fördert die globale Solidarität, sag die UN. Ich sage: sogar unter den Zuschauern. Ach, ist das herrlich, wenn die Fankurve nach einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters rhythmisch und stakkatoartig „schwarze Sau“ brüllt und der damit titulierte Schiedsrichter, schon lange nicht mehr im schwarzen Dress, einen roten Kopf bekommt. Oder wenn alle im Chor „Judas“ brüllen, weil ein ehemaliger Spieler sich traut, mit einer gegnerischen Mannschaft im heimischen Stadion anzutreten. Oder wenn wir alle zusammen trotz des merkwürdigen Winkels des Oberarms und des schmerzverzerrten Gesichts eines Fußballers, Handballers oder sonst was „Schauspieler, Schauspieler“ skandieren. Ja, Sport fördert in der Tat die Solidarität untereinander, stärkt das Gemeinschaftsgefühl. Gern sieht man das beim Fußball, wenn Fans von Herne-West und Lüdenscheid-Nord aufeinander einprügeln: viele Schalker gegen einen Dortmunder und gerne auch viele Dortmunder gegen einen Schalker – das ist gelebtes Gemeinschaftsgefühl und Solidarität. Und jemanden zu verdreschen und anschließend vor der Polizei wegzurennen, ist ja auch irgendwie sportlich.
Hoffentlich ist Corona bald vorbei. Dann können wir wieder in die Stadien, endlich wieder solidarisch sein! Es lebe der Sport! Der österreichische Liedermacher Rainhard Fendrich hat das schon 1982 gesungen und damit viel, viel früher erkannt als die UN, wie großartig Sport ist. Von wegen Churchill und „No Sports“. Churchill wusste gar nicht, was ihm entgeht. Dass, nur so nebenbei, Fendrich als Teil von Austria 3 auch „Es lebe der Zentralfriedhof“ gesungen hat, ist eine andere Geschichte. Also, nehme ich zumindest an.

Sport und Teamgeist
Quatsch beiseite: Gerade im Mannschaftssport ist es eine Notwendigkeit, den anderen anzunehmen, wie er ist, sich auf ihn einzulassen, ihn so gut zu kennen, dass man im Vorfeld weiß, wohin er sich bewegen wird, um ihm dann den Ball zuzupassen. Und sich mit ihm zu freuen, wenn der Ball dann im Netz landet. Oder der Puck, wenn Sie an Eishockey denken. Sport hat eine unglaubliche Reichweite. Schon die Kleinsten rennen hinter dem Ball her. Also, früher. Und vielleicht demnächst wieder. Sobald Corona das zulässt.
Damals, vor Corona, da habe ich schon siebenjährige Fußballer – unter anderem meinen Neffen – gesehen, die sich bei einer leichten Berührung am Oberarm theatralisch fallenlassen, sich im Schlamm wälzen, die Hände so fest auf den schmerzenden Oberschenkel pressen – Oberarm, Oberschenkel, ist doch eh eins – , dass man am liebsten den Notarzt anrufen würde. Und Sekunden später wieder über den Platz sprinten. Sport heilt also auch schlimme Verletzungen, erweckt sogar Tote zum Leben? Das müsste die UN noch in ihre Begründung für den heutigen Gedenktag hineinschreiben.

Ohnehin liegt dieses merkwürdige Verständnis vom Sport ausschließlich an mir: Jahrelang habe ich gar nicht begriffen, welche Teamdisziplin, welcher Kampfgeist, welche mentale – körperliche sowieso – Anstrengung hinter dem Volkssport Fahrradfahren zum Beispiel bei einer Tour de France steckt. Wer fährt wann für welchen Fahrer, wer ordnet sich wem unter, wer übernimmt die Führungsarbeit, damit sich jemand anderes im Windschatten schonen kann, wer kämpft um welche Sonderpunkte: Das ist alles wahnsinnig spannend und erfordert eine unglaubliche Menge – wer ausschließlich das Strampeln mit den Beinen im Sinn hat, übersieht das schnell – von Taktik und Kopfarbeit, von Zusammenhalt, Solidarität, Kommunikation und Disziplin, die man erarbeiten muss. Viel, viel mehr als ein lieber Freund meint, der seit Jahren nur noch von der „Tour de Dope“ spricht. Nein, der hat das nicht verstanden.

Sport und sozialer Zusammenhalt
Keine Frage: Sport fördert das soziale Miteinander, den Zusammenhalt. Mein großer Bruder hat erzählt, wie das früher so war auf dem Fußballplatz. Wenn ein Gegenspieler mal zu heftig hingelangt hat, dann bekam er in den nächsten Minuten von zehn verschiedenen Spielern nacheinander dermaßen eins auf die Knochen… der traute sich nicht noch einmal, auch nur annähernd hinzulangen. Ja, damals wurde Zusammenhalt noch großgeschrieben. Solidarität regelt alles, Solidarität macht Unmögliches möglich. Eine Zeit, die auch Fußballkommentator Marcel Reif noch gut in Erinnerung zu haben scheint, wenn ich die letzten Presseberichte mit und über ihn richtig interpretieren sollte.

Und noch einmal Teamgeist
Entschuldigen Sie bitte, irgendwie fällt es mir schwer, meine große Sympathie für den „Internationalen Tag des Sports für Entwicklung und Frieden“ angemessen zum Ausdruck zu bringen. Immer wieder drifte ich auf Nebenkriegsschauplätze ab. Dabei ist der Teamgeist, der im Sport zweifellos entwickelt wird, doch so wichtig. Es sind eben nicht die Siegprämien, die Aufstiegs- und Meisterprämie, die Punkteprämie und die Steigerung des persönlichen Marktwertes, die eine Mannschaft zum Erfolg führen. Es ist der Teamgeist. Elf Freunde müsst ihr sein! Sagte zumindest mein Großvater. Der sprach ja auch wirklich noch vom Teamgeist. Und meinte vermutlich damit auch etwas anderes als heute, wenn man so gerne vom „Teamspirit“ spricht.

Sport fördert die Kommunikation
Ich möchte das gar nicht diskutieren, es ist einfach so: Sport ist wichtig, Sport fördert die Kommunikation. Wo sonst hören wir Sätze wie „Du Idiot, du musst doch bloß noch das Beim hinhalten!“, „Du Penner, den hätte meine Oma mit dem Hintern reingemacht!“ oder „Warum läufst du fauler Sack denn nicht?“. Gerade Mannschaftssport lässt uns als Mannschaft wachsen. Ein Beleg: „Ja, da muss dann eben die ganze Mannschaft leiden, wenn so individuelle Fehler gemacht werden.“
Und Sport hilft uns durch das Einhalten der Regeln, disziplinierte Menschen zu sein. Auch hier ein paar Beispiele: „Die siebzehnte gelbe Karte – das ist Rekord“. „36 rote Karten in einem Spiel in Argentinien: Wie geht das denn?“, „Matchstrafe wegen mehrerer Stockstiche gegen den Kopf des Gegners mit dem vorsätzlichen Ziel der Verletzung“. Matchstrafe, na klar. Da hält sch der Schiri aber so was von an die Regeln ein…

Missratener Text. Letzter Versuch: Danke Nordkorea
Ich gebe zu: Ich hab’s versaut. Sie können gar nicht anders als zu glauben, ich hielte nichts von diesem „Internationalen Tag des Sports für Entwicklung und Frieden“. Das Gegenteil ist der Fall. Zerknirscht gestehe ich ein: Mir ist es nur nicht gelungen, das auch in meinem Text zum Ausdruck zu bringen. Zu groß sind die Fallstricke, die der Sport selbst immer wieder auswirft.

Ein letzter Versuch: Internationaler Tag des Sports für Entwicklung und Frieden – die Theorie ist gut, die Praxis auch. Ich meine das ehrlich. Denke aber auch: Manchmal könnte die praktische Umsetzung noch deutlich besser sein. Vielleicht kann man vereinfacht sagen:
Jeder, der sich sportlich betätigt, muss sich auf seinen Sport konzentrieren, um erfolgreich zu sein. Wer das ernsthaft tut, findet in seinem Hirn gar nicht genug Windungen, um sich nebenher auch noch um Krieg zu kümmern.
Jeder, der mit anderen im Team erfolgreich sein will, muss sich um Nähe, Verständnis und Akzeptanz des Mitspielers bemühen. Siege, aber auch Niederlagen schweißen zusammen, stärken die Verbundenheit von Menschen zu anderen Menschen.
Wo jemand herkommt, welchen sozialen Background er hat, spielt beim Sport keine Rolle. Was zählt, ist die Leistung, die jemand erbringt. Oder zumindest die Leistung, um die er sich bemüht. So wie Skispringer Eddie The Eagle; meist der Letzte, aber immer so ziemlich der Lustigste. Nie eine Chance, aber immer dabei. (Na gut, mittlerweile nicht mehr).

Ganz im Sinne von Pierre de Coubertin, dem Vater der Olympischen Spiele der Moderne. Der formulierte seinerzeit den Olympischen Gedanken neu: Menschen auf der ganzen Welt sollten friedlich zusammenleben, sich friedlich – und damit das Gegenteil von kriegerisch – miteinander messen, schauen, wer der Bessere ist und sich mit dem freuen, der die besten, die wunderbarsten Leistungen und Ergebnisse vollbringt. In diesem Sinne war sich Coubertin sicher: Dabei sein ist alles.

Seit heute Morgen bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass Sport tatsächlich ein Instrument ist, um Entwicklung und Frieden zu fördern. Den Beweis liefert brandaktuell Nordkorea: Der Staat sagte seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio ab. Offiziell wegen Corona. Bei der Veranstaltung, die als Höhepunkt des Sports und damit auch als Höhepunkt für Entwicklung und Frieden gilt, nicht dabei sein zu wollen, ist auch ein deutliches Statement. Selbst wenn es uns in unserer Einschätzung von Nordkorea nichts Neues sagt.

Sorry, wenn ich hier abbreche. Es klingelt gerade an der Tür. Meine Clique holt mich ab. Zum Sport…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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