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Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl heute vor 35 Jahren (26. April)

Mag schon sein, dass ich diesen Tag hätte vergessen können. Habe ich aber nicht. Denn damals machten wir uns große Sorgen. Sorgen um unseren ersten Sohn, der damals knapp drei Monate alt war. Und obwohl wir uns dagegen wehren, müssen wir nicht nur rund um den Geburtstag unseres Sohnes, sondern auch jedes Jahr um diese Zeit daran denken, was am 26. April 1986 geschah. Denn an diesem Tag ereignete sich

der bis dahin größte und gefährlichste Unfall in einem Atomkraftwerk, genauer: in Block 4 des Kernkraftwerks im ukrainischen Tschernobyl.

Neues Wissen

Schlagartig lernten wir damals dazu: Wir wussten, dass GAU die Abkürzung für „größter anzunehmender Unfall“ in einem Atomkraftwerk bedeutet, verinnerlichten, was Halbwertszeiten sind, hantierten nahezu fachmännisch mit Begriffen wie Cäsium 137. Und wir hatten Angst davor, dass die Nordostströmung ein paar der Trillionen Becquerel zu uns herüberwehte. Auf die Spielplätze, auf die Weiden der Kühe, deren Milch dann möglicherweise radioaktiv verstrahlt war. Keine Pilze, kein Wild – das waren die ersten Vorsichtsmaßnahmen. Und natürlich beschäftigte uns die bange Frage, wie wir ein wenige Wochen altes Kind vor der Strahlung schützen konnten. Die deprimierende Erkenntnis: gar nicht! Da half es auch nicht, dass die Grenzwerte für die Belastungen zum Beispiel von Milch heraufgesetzt wurde und die Zahlen plötzlich nicht mehr ganz so schlimm aussahen. Oder ist das eine urban legend, die sich so sehr in uns verselbstständigt hat, dass wir sie für wahr halten?

Harrisburg = Tschernobyl = Fukushima = Hilflosigkeit

Gott-sei-Dank ist die Katastrophe von Tschernobyl lange her. Auf den Tag genau 35 Jahre. Und beim Blick aus dem Fenster zitieren wir Galileo Galilei: Und sie dreht sich doch. Immer noch, ergänzen wir freudig. Denken aber auch zurück: 1979, als sich im US-amerikanischen Harrisburg ein Atom-Unfall ereignete, machten Freunde und Bekannte noch ihre Scherze. In Anlehnung an einen saftigen Hamburger hieß es plötzlich: „Harrisburger – da strahlt die ganze Familie.“ Harrisburg – das war ja so weit weg! Spätestens nach Tschernobyl konnten wir über solche dummen Scherze nicht einmal mehr schmunzeln. Und nach Fukushima erst recht nicht mehr. Das war neben den vielen kleinen Störfällen einfach zu viel. Und zu heftig. Wie hilflos doch die Menschheit erschien! Fliehen, Gebiete sperren, abwarten, hoffen. Irgendwie eindämmen. Das war’s im Wesentlichen.

Die logische Konsequenz: Ausstieg aus der Atomenergie?

Der Ausstieg aus der Atomenergie – was schon im Falle von Tschernobyl so unglaublich logisch klang, brachte auch Fragen mit sich. Wenn deutsche Kraftwerksbauer nicht mehr arbeiten und forschen, gibt es am Ende nur noch Atommeiler anderer Hersteller – und die waren zumindest seinerzeit nicht so sicher wie die aus deutscher Produktion. Aussteigen, damit andere umso mehr Reaktoren bauen, die weniger sicher sind? Deutsche Atommeiler


abschalten, damit an der anderen Rheinuferseite die Franzosen und im Osten die Tschechen mit ihren Reaktoren noch mehr Profit erwirtschaften und uns ihren Atomstrom verkaufen? Wir waren hin- und hergerissen. Ausstieg auf jeden Fall. Aber machte der Sinn, wenn andere eben nicht ausstiegen?
Tourists welcome!

Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben: „Das Weltall und die Dummheit der Menschen sind unendlich. Beim Universum bin ich mir nicht so sicher.“ Ich mir auch nicht. Schon bevor die britische Fernsehserie „Chernobyl“ 2019 den Ort des Grauens zu hypen begann, besuchten Zigtausende von Menschen den Ort der Katastrophe. In normaler Straßenkleidung, obwohl rund um den Reaktor immer noch erhöhte Radioaktivität gemessen wird. Obwohl es angeblich bis heute Hotspots gibt, an denen der Geigerzähler verrücktspielt. Wie wird das erst, wenn der Antrag, Tschernobyl und Umgebung zum Weltkulturerbe zu erklären, positiv beschieden wird? Die Masse des verseuchten Erdreichs ist abgetragen, alles halb so wild, argumentieren die Befürworter des Tourismus. Ja, auch mit Orten, von denen Katastrophen ausgingen, lässt sich Geld verdienen.

Ich bin weniger sorglos. Argwöhnisch beobachte ich, dass die Japaner radioaktives Reaktorwasser Schritt für Schritt in die Weltmeere leiten wollen, dass Frankreichs Premier Emmanuel Macron sich klar zur Kernkraft bekennt. Ja, dass er dieser angeblich ach so umweltfreundlichen Energiegewinnung in der Europäischen Union einen neuen Schub geben will. Waren Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima noch nicht Warnung genug? Dass die Wildschweine im Bayerischen Wald immer noch strahlenbelastet sind, muss mir niemand erklären. Schließlich habe ich meine Lektion bezüglich solcher Fachbegriffe wie Halbwertszeiten schon vor 35 Jahren gelernt.

Gibt es eine Grenze?

Immer größer, schneller, höher, weiter, oder wie man heute formulieren müsste: preiswerter, luxuriöser, machtvoller – bis zu einem bestimmten Punkt funktioniert das Spiel mit dem Feuer. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem der Bogen überspannt wird. An dem der Krug, der so lange zum Brunnen gegangen ist, dann doch bricht. An dem ein einziger Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Sie merken: Unsere Sprache ist voll von Formulierungen, die dieses Risiko beschreiben. Voll von sprachlichen Bildern, die uralte menschliche Erfahrungen in Worte fassen. Beobachtungen, die wir als moderne Menschen gerne aus unserer Vorstellung streichen. Dieses eine Mal wird es noch gutgehen. Das haben wir doch noch im Griff. Et hätt noch emmer joot jejange? Wir wissen, dass es Murks ist. Aber wir machen trotzdem weiter, haben nicht die Kraft, die Finger davon zu lassen.

Aktuelle Entwicklungen

Es kann ja sein, dass unsere Experten alles im Griff haben. Oder zumindest meinen, es im Griff zu haben. Bis zum Beweis des Gegenteils haben sie ja damit auch recht. Aber ist das das entscheidende Kriterium? Wir machen so lange weiter, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist? Dann nützt das ganze Gejammere nichts mehr! Dann ist es zu spät.
Erfolgversprechender wäre ein anderer Weg: Erst endgültig klären, wie man Kollateralschäden abwendet und was man im Eventualfall dagegen tut – dann loslegen. Nur so dürfte man an gigantische Projekte herangehen. Tut man das nicht, hat man gar nichts im Griff. Man verlagert die Probleme nur in die Zukunft. Nach uns die Sintflut!

Juri Gagarin – erster Mann im Weltall (vor 60 Jahren) (12. April)

Verantwortung

Ich weiß, was Sie jetzt sagen: Das ist illusorisch! Das bremst doch nur den wirtschaftlichen Fortschritt. Es wird immer einen geben, der sich nicht an eine derartige Vorgabe hält. Der gewinnt dann den Wettlauf um den Fortschritt. Und damit den Wettlauf um Geld, Macht und Lebensqualität. Leider haben Sie damit wohl recht. Und gleichzeitig haben Sie das Totschlagargument verwendet, mit dem wir alles über Bord werfen, was mit dem Wort „Verantwortung“ zu tun hat: Verantwortung für diesen blauen Planeten, auf dem wir leben. Verantwortung für unsere Kinder und Enkelkinder, die hier ebenfalls leben können sollen. Klimawandel? Fake News! Gefahren durch Atomkraft? Beherrschbar! Sehen Sie einen Unterschied? Ich nicht.

Ich weiß: Ein Patentrezept für eine Lösung habe ich auch nicht. Die kann ohnehin nur dadurch entstehen, wenn alle Regierungen dieser Welt an einem Strick ziehen. Oder zumindest diejenigen mit der größten politischen Kraft. Wenn sie auf eigene Vorteile verzichten zugunsten der Weltgemeinschaft. Dafür gilt es zu werben. Dafür gilt es, das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Umwelt- und Klimaschutz zu verstärken, wo immer es geht. Und weil diese Erde auch prima ohne die Spezies Mensch auskommen wird, sollten wir auch den Schutz von uns Menschen mehr in den Blickpunkt nehmen. Niemand anderes tut das für uns. Das müssen wir selbst. Und wir müssen dagegen angehen, dass Albert Einstein wieder einmal recht behält. Zumindest was die Dummheit von uns Menschen anbelangt war er sich ja sehr sicher.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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