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Nero singt schauerlich! Zum 100. Geburtstag von Peter Ustinov (16. April)

Rauchschwaden in der Stadt, überall schreiende Menschen auf der Flucht. flackernder Feuerschein: Rom brennt! Über allem thront ein verstörter, wenn nicht geisteskranker Kaiser Nero auf dem Balkon, zupft an seiner Leier und singt unglaublich schräg noch unglaublichere Lieder.
Weihnachten 1951 feierte der Monumentalfilm „Quo Vadis?“ bei uns Premiere, wird seitdem immer mal wieder
rund um Ostern wiederholt. So habe auch ich ihn dann irgendwann zum ersten Mal gesehen. Die Rauchschwaden, das Flammenmeer, das Geschrei der Menschen, die auf der Flucht vom Feuer eingeschlossen sind, und der schauerlich singende Nero – all dies wird für mich sofort lebendig, wenn ich nur an „Quo Vadis?“ denke. Unglaublich! Lebendig, weil es so erschreckend gut gespielt ist von Peter Ustinov, dem britischen Nero-Darsteller. Heute würde er 100 Jahre alt.

Quo Vadis?

Natürlich hat „Quo Vadis?“, der alte Schinken, noch viel mehr großartige Szenen: etwa, wenn der schräg singende Nero die beißende Kritik von Petronius nicht versteht; oder wenn Christen sich am Symbol des Fisches erkennen – eine Art Geheimzeichen. Denn die Einzelbuchstaben des griechischen Wortes für Fisch sind ein Akronym für den Satz: Jesus Christus, Sohn Gottes, ist der Retter.
In einer weiteren beeindruckenden Schlüsselszene hat Petrus bei seiner Flucht aus Rom eine Jesuserscheinung: „Quo vadis?“ – „Wohin wird das führen?“, vielfach auch übersetzt mit „Wohin gehst du?“ ist die berühmte Frage, die Henryk Sienkiewicz bereits 1895 zum Titel seines Romans macht. Und die natürlich auch dem Film seinen Namen gibt. Die Antwort Jesu: „Nach Rom, um mich erneut kreuzigen zu lassen!“ Eine Antwort, die Petrus so versteht: „Geh sofort zurück nach Rom und bezeuge deinen Glauben, notfalls mit deinem eigenen Leben.“

Denn „Quo Vadis?“ spielt in der Zeit grausamer Christenverfolgung. Christen werden niedergemetzelt, den Löwen zum Fraß vorgeworfen. So auch

der römische Patrizier Marcus Vinicius, der für seine Liebe zur Christin Lygia bestraft werden soll. Angeblich haben nämlich Christen Rom in Brand gesetzt, was zwar nicht stimmt, was man ihnen aber prima in die Schuhe schieben kann.
Das alte Sündenbockprinzip funktioniert schon damals. Und es funktioniert ja bis heute, immer wieder, Tag für Tag, immer da, wo sich wahre Schuldige aus der Verantwortung stehlen. In der Politik, im Privaten, in der Gesellschaft. So gesehen legt „Quo Vadis?“ einen Finger in eine wohl ewig schwärende Wunde. (Schwären! Sorry, aber ein so altertümliches Wort – das passt einfach zu einem so alten Film…)
Knight Bachelor: Sir Peter Ustinov

Zurück zu Peter Ustinov: 1990 erhebt ihn Queen Elisabeth II. in den Titularadelsstand, macht ihn zum Knight Bachelor, so dass sich Peter Alexander Baron von Ustinov jetzt auch noch Sir nennen durfte. Ich behaupte mal ganz frech: Wahrscheinlich hatte die Queen Ustinov nicht nur als Nero, sondern auch als Detektiv Hercule Poirot in Filmen wie „Mord im Orientexpress“ und in „Tod auf dem Nil“ gesehen. So unbeschreiblich, wie Ustinov diese Rolle spielt, hätte ich ihn auch befördert. Sofort! Und, noch mal sorry, Leute: Die Neuverfilmungen dieser beiden Klassiker, die erst 2017 beziehungsweise in diesem Jahr veröffentlicht wurden, sind gut. Sie sind schneller geschnitten, haben mehr Tempo. Aber sie sind eben ohne Peter Ustinov, den Unerreichbaren.

Der Kosmopolit

Spätestens wenn man sich Ustinovs Familiengeschichte ansieht, versteht man, warum der Mann kosmopolitisch dachte und handelte: Unter seinen Vorfahren finden sich russische, äthiopische, französische, italienische und deutsche Wurzeln. Ach ja, Ustinov selbst besitzt zeitlebens einen britischen Pass, seit 1961 wird er zudem auch Schweizer Staatsbürger. Verwundert es da, wenn jemand, der über die eigene Familie andere Völker und Kulturen kennengelernt hat, sich als Weltbürger versteht? Wohl kaum.

alles erreicht

Peter Ustinov hat in seinem Leben alles erreicht. Er ist anerkannter Schauspieler, ja klar. Er wird zum Autor von Dramen, Erzählungen, Romanen und mehr, war sogar Sonderbotschafter von UNICEF, rief eine Stiftung ins Leben, die sich um vernachlässigte Kinder und Jugendliche kümmert, war lange Zeit Rektor der Universität von Dundee und sogar Kanzler der Universität in Durham. Vor allem aber war Peter Ustinov ein Kosmopolit, der sich für die Bekämpfung von Vorurteilen einsetzt und dafür in Budapest, Wien und eben Durham Lehrstühle an den Universitäten errichtete. Und er war gern gesehener Gast in Talkshows. Denn amüsant unterhalten – das konnte Ustinov wie kaum ein Zweiter. Einer, der eben alles erreicht hat.

Das Wichtigste fehlt

Fast alles. Eine Kollegin erzählte einmal von einer Talkshow, in der Sir Peter Ustinov gefragt wurde, was er, der große Mann, sich noch gewünscht hätte. Die Antwort: Er hätte gerne einmal von seinem Vater gehört, dass der auf ihn stolz sei.
Was für eine Antwort! Da verzaubert einer die ganze Welt mit seiner Schauspielkunst, ist Experte in Sachen klassischer Musik, ist angesehen, hat Geld und Einfluss – und hört nie von seinem Vater einen Satz wie: „Ich bin stolz auf dich!“
Keine Anerkennung von der vielleicht wichtigsten Bezugsperson im Leben – das löst viel in einem Menschen aus! Bei Ustinov zum Beispiel, dass er nie zur Ruhe kommt. Immer nach Anerkennung und Aufmerksamkeit sucht. Nie mit dem zufrieden ist, was er erreicht hat – denn das i-Tüpfelchen fehlt: die Anerkennung des Vaters.

Anerkennung

Mit zwei, drei Sätzen macht der grandiose Unterhalter bewusst, was es bedeutet, anerkannt, ja, angenommen und geliebt zu werden. „Ich mag dich so, wie du bist. Ich bin froh, dass es dich gibt. Ich bin stolz auf das, was du bist… und was du tust!“ Wie gut doch so ein Satz tut. Wie heilbringend er sein kann! Und wie zerstörerisch, wenn solch ein Satz nie gesprochen wird. Wenn sein Fehlen im Leben eines Menschen immer eine Leerstelle hinterlässt.
Immer! Denn als Sir Peter Ustinov dieses Interview gab, war sein Vater bereits tot. Ein unerfüllbarer Wunsch also!

Vielleicht geht es Ihnen auch so: Ich für mein Teil habe mich sofort gefragt, wem ich diesen oder einen ähnlichen Satz schuldig geblieben bin. Wer in meinem Familien-, Bekannten- und Freundeskreis diesen Satz längst verdient, vielleicht darauf wartet, ihn von mir zu hören, ihn aber noch nie gehört hat. Ich möchte nicht, dass ich eines Tages Leerstellen hinterlasse wie der Vater von Peter Ustinov. „Es ist gut, dass es dich gibt“: Das ist doch gar nicht so schwer zu sagen.

Danke, Peter Ustinov! Es ist gut, dass es dich in dieser Welt gab, dass du noch immer Nachhall findest. Auch wenn die Sache mit dem Singen nun wirklich nicht deins war, du alter Nero, du…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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