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Hans-Joachim Kulenkampff – dem König der deutschen Fernsehunterhaltung zum 100. Geburtstag (27. April)

Ich war erst neun Jahre alt, aber ich war begeistert! Und die Bilder von damals haben sich mir eingebrannt. Fragen Sie einmal Ihre Eltern und Großeltern. Die werden sich noch an diese Namen erinnern: Willy Berking, Bully Buhlan, Gerhard Wendland und Hans-Joachim Kulenkampff. In einem kleinen Film, einem Einspieler, wie er regelmäßig zur Show gehörte, sangen die vier mit Inbrunst: „Yeah, Yeah, Yeah“. Genau genommen

sangen sie nicht. Sie klappten ihre Münder auf und zu und parodierten die Beatles. Eine köstliche Szene, eine, die für mich untrennbar mit dem Namen Hans-Joachim Kulenkampff verbunden ist. Mit ihm und seinem Quiz „Einer wird gewinnen“, kurz: EWG. Mit acht Kandidaten aus acht europäischen Ländern. Und vor allem: mit Kuli, wie ihn Fans und Freunde liebevoll nannten.

Kulenkampffs Running Gags: Martin Jente

100 Jahre würde Hans-Joachim Kulenkampff heute. Ein begnadeter Conférencier, den schon meine Eltern gern in ihr Wohnzimmer ließen und den auch ich mir ebenso gern ansah. Einer wird gewinnen – das war ein Meilenstein früher Fernsehunterhaltung in der doch noch recht jungen Bundesrepublik. Einer, der schon Running Gags enthielt, lange bevor die zum Markenzeichen von Sitcoms und Komödien wurden. Zu diesen Running Gags gehörten besagte Einspieler, bei denen Kuli zumeist eine Person der Zeit- oder Weltgeschichte mit Witz, Ironie und nur selten ernstzunehmend parodierte. Und das Schlussgespräch mit Martin Jente, dem Fernsehbutler, der Kuli nach einer wieder einmal gelungenen Show in Frack dessen Mantel, Schal, Schirm und Hut reichte und dem Quizmaster noch schnell einen mitgab.

Unpolitisch politisch

Einer wird gewinnen war politisch, ohne jemals politisch zu sein. Vielleicht ist das das größte Verdienst von Hans-Joachim Kulenkampff: Dadurch, dass sieben seiner Kandidaten aus europäischen Ländern kamen, machte er seine Zuschauer locker plaudernd und spielerisch mit Eigenheiten, Sitten und Gebräuchen anderer Europäer bekannt. Den europäischen Gedanken auf einer ganz niedrigen Einstiegsschwelle, nämlich durch eine Spielshow, zu transportieren – das war eine geniale Idee, wie sie seinerzeit allenfalls auf sportlich-amüsanter Ebene noch durch „Spiel ohne Grenzen“ umgesetzt wurde. Ein „Einer wird gewinnen“ im Vereinigten Königreich – wer weiß, ob es die Brexiteers mit dem Verbreiten von Vorurteilen und Unwahrheiten so leicht gehabt hätten, Europa den Rücken zu kehren. Aber das ist natürlich reine Spekulation.

Eigenwillig, aber Gentleman

Zurück zu Kuli: Der hatte Charme, war ein Gentleman, glänzte durch leichte Schnodderigkeit, aber war nie verletzend. Nur einmal schoss er übers Ziel hinaus: Da bezeichnete er den CDU-Politiker Heiner Geißler als „Hetzer schlimmer als Goebbels“. Typisch Kulenkampff, dass er die Größe hatte, sich zwei Wochen später bei Geißler zu entschuldigen – vor laufenden Kameras.


Das Schönste aber: Kuli war unangepasst und eigenwillig. Er nannte Dinge öffentlich Mumpitz, wenn er sie für Mumpitz hielt. Und er überzog bei seinen EWG-Shows gnadenlos die Sendezeit. Seine Sendungen waren nicht zu ende, wenn der Programmplan dies vorsah. Sie waren dann zu ende, wenn Kulenkampff sie beendete. Wer jetzt an Thomas Gottschalk denkt, denkt falsch. Auch beim Überziehen der Sendezeit konnte Gottschalk Kulenkampff zu keinem Zeitpunkt das Wasser reichen. Kulis Rekord: 75 Minuten länger als geplant. Das war heftig!
Tabus

Trotz aller Offenheit gab es für Kulenkampff auch Tabus. Dazu gehörte auch sein Militärdienst. Über die grausamen Erlebnisse kam er nie hinweg, überspielte sie, wann immer es möglich war. Irgendwann einmal erzählte er, dass er als 21jähriger 1942 an die Ostfront geschickt wurde. Angesichts der mangelhaften Ausrüstung wütete der eisige Winter unter den Kameraden: Jeden Morgen fand man Soldaten, die steinhart gefroren waren. Am Ende waren von 160 Mann noch vier Männer übrig. Mit dem Taschenmesser amputierte sich der junge Kulenkampff ein paar erfrorene Zehen. Andernfalls hätte auch er den Winter nicht überlebt.
Am liebsten aber schwieg Kulenkampff über seine Kriegserlebnisse. Es reicht ihm, dass sie ihn selbst nicht mehr losließen, dass er nicht über sie hinwegkam. Warum sollte er seine Gefühle, seine Ängste, seine Erinnerungen vor anderen ausbreiten? Kuli machte das alles mit sich selbst ab. Auch wenn es dabei wohl nie zu einem endgültigen Verarbeiten kam. Genau so hielt er es mit dem Tod seines damals vierjährigen Sohnes. Kein Wort in der Öffentlichkeit!

Was ist wirklich wichtig?

1998 starb Hans-Joachim Kulenkampff an Krebs. Gründe gibt es genug, heute, wo er 100 Jahre alt geworden wäre, noch einmal an ihn zu erinnern. Und wenn es nur deshalb ist, weil er die Menschen liebte, sich ihnen ehrlich zuwandte, für sie spielte und ihnen Freude bereiten wollte. Um die Menschen ging es ihm. Sich selbst und seine Samstagabendshow nahm er dabei nie besonders wichtig. Und lehnte deshalb konsequent dreimal die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ab.

Einer wird gewinnen – Kulis Samstagabendshow stammt aus einer anderen Zeit. Vermutlich wäre eine derartige Show heute kaum noch attraktiv. Trotzdem lebt Hans-Joachim Kulenkampff irgendwie weiter. Und sei es nur in der Erinnerung derjenigen, die seinerzeit seine Shows begeistert gesehen haben. Und denjenigen, die ihn mit Heinz Erhardt und anderen in Filmen wie „Immer die Radfahrer“ und „Drei Mann in einem Boot“ auch heute noch gern ansehen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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