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Fahrradpanne, S-Bahn und Solidarität (9. Mai)

Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Als Kind habe ich diesen Satz ab und an zu hören bekommen. Und zwar immer dann, wenn ich mir bei meinen Fahrradtouren über Stock und Stein einen Plattfuß eingefangen hatte. Doppelt geärgert habe ich mich: Zum einen über die Tatsache, dass ich jetzt wieder einmal Opa bitten musste, mir beim Reifenflicken zu helfen; und dann darüber, dass ich

diesen spöttischen Spruch zu hören bekam: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Aus der Rückschau verwundert es mich da überhaupt nicht, dass ich selbst bei dem einen oder anderen Radfahrer dachte: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Und gerne auch: Wer sein Auto liebt, der schiebt.

Der alte Spruch holte mich in der letzten Woche wieder ein: Plattfuß hinten. Und klar, weil ich ja nun schon lange groß genug bin und Opa ohnehin schon lange nicht mehr lebt, habe ich das Problem mal eben schnell selbst erledigt. Als ich abends beim Facetimen – ja, ja, Corona und so – meinem Freund Hannes, genannt Hank, davon erzähle, lacht der sich scheckig. Und erinnert sich an eine Geschichte, die er vor rund fünf Jahren etwa um diese Zeit in München selbst erlebt hat.

S-Bahn-Schieben

Damals gab es an der Münchener S-Bahn wohl einen plötzlichen Oberleitungsschaden. Was natürlich zur Konsequenz hatte, dass die S-Bahn ohne Strom und vermutlich ohne Akku schlagartig liegenblieb. Mehr oder weniger auf offener Strecke. Mehr oder weniger heißt dabei: Den Bahnhof schon in Sichtweite, das Ziel für manchen Reisenden vor Augen, geht plötzlich gar nichts mehr. Rien ne va plus! Nada!
Ironie des Schicksals: Angeblich ist im Bahnhof und auch danach genug Saft in der Leitung. Was passiert also? Auf Wunsch des Triebwagenführers krempeln sich rund 15 Reisende sprichwörtlich die Ärmel hoch, darunter auch mein Kumpel Hank. Mit vereinten Kräften schieben sie den S-Bahn-Zug die letzten Meter bis zum nächsten Bahnhof. Dort steigen alle wieder ein. Und weil die S-Bahn tatsächlich wieder Saft aus der Leitung bekommt,

geht’s weiter. Mal abgesehen von einer knapp zehnminütigen Verspätung so, als ob nichts gewesen wäre.
Selbst ist der Mann / die Frau

Wer seine S-Bahn liebt, der schiebt? Vielleicht. Wahrscheinlicher ist, dass manche der Reisenden nur möglichst schnell weiterfahren wollten. Zumindest bei Hank war das so. Geduld ist nicht seine Stärke. Auf ein Einsatzteam der Bahn zu warten – das hat ihm in jedem Fall zu lange gedauert.

Hängen bleibt bei mir noch etwas Anderes: Wenn Menschen zusammenhalten, ihre Kräfte bündeln, gemeinsam etwas anpacken – dann versetzen sie Berge – oder zumindest S-Bahnen. Auch eine Form der Solidarität, die Kräfte freisetzt, an die vorher niemand geglaubt hätte. Eine Solidarität, die, wie so oft im Leben, am Ende sogar einen persönlichen Nutzen hat.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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