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Das Massaker von Columbine – 20. April 1999 (20. April)

„Der Mensch ist ein Abgrund – es schwindelt einem, wenn man hinabsieht.“ Dieses Wort lässt der Dichter Georg Büchner den Titelhelden seines Dramenfragments „Woyzeck“ aussprechen. Vor knapp 150 Jahren gelangt der stets pessimistische Dichter zu dieser Erkenntnis. Und wenn man sich die täglichen Schlagzeilen in den Zeitungen so anschaut, möchte man fast meinen, Büchners Woyzeck habe bis heute Recht.

Derartige Gedanken befallen mich heute, an einem traurigen Jahrestag:

Am 20. April 1999 erschossen zwei Schüler einer US-amerikanischen Highschool 12 Mitschüler, einen Lehrer und sich selbst. Die Medien machten später eine aggressive Musik für die Tat der beiden Schüler verantwortlich. Für den Filmemacher Michael Moore griff das zu kurz. Weil unmittelbar vor dem Massaker Bowling auf dem Stundenplan stand, stellte Moore die süffisante Frage: War nicht eventuell das Bowlen verantwortlich? Jeder wusste, was Moore wirklich wollte: die US-amerikanische Waffenindustrie attackieren. Viele Waffen, viele Morde, so seine banale These. Ein Streit, der bis heute weitergeht. Und wie das eben so ist: Musiker schreiben Songs, Filmemacher drehen Filme. Mit „Bowling for Columbine“ machte der politische Aktivist drei Jahre später gleich noch einen Dokumentarfilm daraus.

Cassie Bernall

Angesichts der Gräueltaten und der daraus resultierenden Kritik an den Waffengesetzten in den USA bleibt die Geschichte der damals 17jährigen Schülerin Cassie Bernall nahezu unbeachtet. Die arbeitet in der Bibliothek, in die die beiden Attentäter eindringen. Angeblich fragen sie mit vorgehaltener Waffe, ob hier, in der Bibliothek, jemand an Gott glaube. Als Cassie bejaht, brüllt der Täter zurück: „Es gibt keinen Gott!“ Und schießt ihr mitten ins Gesicht. Wie von Sinnen erschießen die Attentäter elf Schüler und einen Lehrer. Darüber hinaus sind eine Reihe von Verletzten zu beklagen. Zwei Schüler völlig von der Rolle rasten plötzlich aus. Zwei, die

ansonsten regelmäßig mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern gemeinsam an einem Bowlingkurs teilnahmen. Brutal, unmenschlich, ein Abgrund eben. Einer, bei dem einem schwindelt, wenn man hinabsieht.
Erklärungsversuche

Wie immer gibt es Erklärungen, die die immer wieder gleichen Gründe anbringen: dass die beiden eben eine bestimmte Musik bevorzugten; dass sie einer okkulten Gruppe angehören; dass das Massaker lange geplant gewesen sei. Denn schließlich habe es ja ausgerechnet am „Geburtstag des Führers“ stattgefunden. Was für ein Schwachsinn! Aber was soll man schon sagen, wenn etwas passiert, was nicht passieren darf? Wenn Dinge geschehen, die jenseits des normalen menschlichen Verstandes liegen und sich dadurch in ihrer Interpretation auch dem Zugriff des Verstandes entziehen?

Bowling for Columbine

Zwei Stunden dauert der Dokumentarfilm, den Michael Moore dreht. Subtil geht er vor, zeigt Farmer, die ihre Felder bestellen, Milchmänner, die ihre Milch ausliefern. Und fügt in das Bild vom ganz normalen US-amerikanischen Morgen den Kommentar ein, dass der damalige US-Präsident gerade mal wieder irgendeine Stadt bombardiere. „Bowling for Columbine“ zeichnet das Bild einer paranoiden US-amerikanischen Gesellschaft. Ein Land in einer existenziellen Krise, ein Land mit einem Waffen- und Sicherheitswahn. Kein Wunder, dass es zu solchen Massakern kommt. Immer wieder übrigens. Denn Columbine ist kein Einzelfall. Italy, Benton, Parkland, Hammond, Santa Fe, Charlotte, Denver, Santa Clarita – das sind nur die Orte, an denen es in den Jahren 2018 und 2019 in den USA zu Massakern kam. Was aber unterscheidet diese Gräueltaten von denen in Emsdetten, Winnenden, Sankt Augustin, Ansbach, Ludwigshafen und Werningerode, um nur einige Attentate bei uns in Deutschland zu benennen?
Dass Michael Moore mit seinem Film unmittelbar vor dem Angriff der US-amerikanischen Truppen gegen den Irak den Blick auf die lenkt, die er für die Schuldigen hält, ist die eine Sache. Dass dabei die Opfer in den Hintergrund treten, fast vergessen werden, ist die andere.

Whatever It Takes

Dem entgegentreten möchte ein CD-Projekt, das schon kurz nach dem Massaker erscheint und in den USA große Beachtung findet: „Whatever It Takes“ erinnert mit 16 Songs an die Opfer. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als habe eine Reihe christlicher Pop- und Rockmusiker in Windeseile Songs aufgenommen, die sich mit dem Massaker von Columbine beschäftigen. Der Titelsong bekommt den Zusatz „Cassie’s Song“. Denn er basiert auf einem handgeschrieben Text von Cassie. Den hat sie wenige Tage vor dem Massaker geschrieben. Ein Text, der Cassies Hoffnungen, Wünsche und Träume beinhaltet. Unglaublich treffend auch die Begleittexte zu sämtlichen Songs. Sie stammen von den jeweiligen Interpreten. Gut so, denn das lässt verschmerzen, dass die CD eigentlich eine Mogelpackung ist: Abgesehen von „Whatever It Takes (Cassie’s Song)“ waren alle Musiktitel bereits vor dem Massaker von Columbine veröffentlicht, werden jetzt nur geschickt zu einer Projekt-CD zusammengestellt. Aber auch gelungen. Musik tröstet nun mal eben, wenn man mit „normalem Sprechen“ nicht mehr weiterkommt.

Cassie Bernall-Stiftung

Eine schnell eingerichtete Stiftung soll nicht nur an die „moderne Märtyrerin Cassie Bernall“ erinnern, sondern auch Jugendarbeit unterstützen und somit Jugendliche gezielt fördern. Finanziert wird die Stiftung unter anderem durch die Erlöse des CD-Projekts und eines Buchs, das Cassies Mutter veröffentlicht.

Glaube oder Abgrund?

Irgendein Philosoph hat einmal gesagt: Wenn es keinen Gott gäbe, hätte jeder Verbrecher Recht. Die Formulierung kann man diskutieren. Was letztlich bleibt, ist entweder das Nichts oder aber die Hoffnung, dass es einen Gott gibt, der am Ende tatsächlich alles gut macht. Auch wenn das angesichts solcher schrecklichen Ereignisse wie dem Massaker von Columbine kaum vorstellbar zu sein scheint. Da drängt sich eher der Verdacht auf, dass der Mensch tatsächlich ein Abgrund ist, der einen zuweilen schwindeln lässt.

Auch wenn das leichter gesagt ist als getan: Zumindest sollte nie die Erinnerung an die Menschen verlöschen, die so jäh aus dem Leben gerissen werden. Sie in der Erinnerung lebendig zu halten, erzeugt zumindest ein bisschen den Eindruck, als seien sie nicht umsonst gestorben. Vielleicht ist das das einzige Momentum, mit dem man der Sinnlosigkeit der von Menschen verursachten Gräueltaten entgegentreten kann.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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