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Frohe Ostern: Frauengeschwätz und Osterglaube (4. April)

Frauengeschwätz! So ist die erste Reaktion der Jünger, als ihnen Frauen mitteilen, was sie angeblich am Grab Jesu gesehen haben. Nämlich nichts. Genauer: ein leeres Grab.
Für uns hat die Darstellung gleich zwei kaum nachvollziehbare Elemente: Wir bestatten unsere Toten meistens in einer Grube, die im Boden ausgehoben wird. Mit diesem Bild im Kopf

hätten die Frauen das zugeschüttete Grab ausheben, zumindest aber den Sarg herausheben und öffnen müssen. Ein Zerrbild, das sich leicht auflösen lässt: In Ländern, in denen der Boden vielfach aus Felsgestein besteht, gibt es andere Bestattungsformen. So auch im alten Israel: Jesus wurde wie viele andere in einer Höhle, einer kleinen Grotte beigesetzt. Größere Grotten dienten bei Nacht als Viehställe, schützten mit einem Feuer am Eingang das Vieh zuverlässig gegen Raubtiere. Kleinere Grotten, die man als Gräber nutzte, wurden mit einem Stein verschlossen. So konnte der Leichnam nicht Tierfraß zum Opfer fallen.

Das zweite Problem: Auferstehung von den Toten? Wie soll das möglich sein?

Versorgung des Leichnams
Glaubt man den Überlieferungen, dann wurde Jesus vor dem Passahfest vom Kreuz genommen. Zeit, den Leichnam nach traditioneller Sitte mit Ölen und Salben zu versehen, blieb nicht. Das wollten, so legt es der Evangelist Markus nahe, Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome nachholen – noch in der morgendlichen Kühle. Vermutlich ein sehr banaler Grund: Je wärmer es wird, desto stärker und unangenehmer sind die Ausdünstungen eines verwesenden Körpers. Nach unserer Zeitrechnung wurde Jesus am Gründonnerstag verhaftet, am Karfreitag verurteilt, hingerichtet und schnell ins Grab gelegt, am nächsten Tag folgte das Passahfest, jetzt brach bereits der dritte Tag an, den der Leichnam der Verwesung ausgesetzt war. Eile war also geboten. Die größte Sorge der drei Frauen: Werden sie es schaffen, den Verschlussstein der Begräbnisgrotte wegzuräumen?

Zerplatzte Hoffnungen: Die Enttäuschung der Anhänger Jesu
Die traditionelle Behandlung eines Leichnams ist Frauensache. Die Männer im Kreis der Anhänger Jesu haben andere Sorgen. Da sind sie diesem Mann gefolgt, haben zum Teil ihre Familien zurückgelassen, haben eine Menge schier unglaublicher Erlebnisse mit Jesus gehabt, haben Hoffnungen in ihn gesetzt, dass ein Ruck durch das Land geht, eine friedvollere, bessere Welt entsteht; manche haben sogar gehofft, dass dieser Jesus so populär wird, dass er einen Volksaufstand gegen die verhassten Besatzer, die Römer, anführen wird, dass er die Römer sogar aus dem Land werfen könnte. Dieser Jesus aber ist tot. Am Kreuz gestorben, so wie Schwerstverbrecher sterben.

Innerhalb kürzester Zeit hat die Sache Jesu eine Wendung genommen, wie sie radikaler nicht sein kann. Wenige Tage zuvor – wir sprechen vom Palmsonntag – sind sie an einer jubelnden Menge vorbei in Jerusalem eingezogen. Dann folgte die Verhaftung Jesu in einer Nacht- und Nebelaktion – wer weiß, ob am helllichten Tag nicht auch andere außer Petrus den Mut aufgebracht hätten, einen Versuch zu unternehmen, diese Verhaftung zu verhindern. Angeklagt wurde Jesus wegen Gotteslästerung. Verurteilt vermutlich auch. Aber aus heutiger Sicht war dies eine innerjüdische Angelegenheit. Und die interessierte die Römer nicht die Spur. Vielleicht war das einer der geschicktesten Schachzüge der Römer: Wo immer sie ein Land besetzten, durften die Menschen ihre Religion behalten, ihre alten Götter anbeten. Steuern sollten sie zahlen, dann war es gut. Erst als sich die römischen Kaiser als Götter sahen, wollten sie auch als solche verehrt werden. Und trotzdem: Anbeten durften die Menschen ihre alten Göttern auch weiterhin.

Fast kann man sich vorstellen, wie Vertreter des Synedriums, des Hohen Rates, im damaligen Judentum die höchste religiöse Instanz, vor Pilatus, den römischen Statthalter und damit den höchsten Vertreter der Besatzungsmacht, treten und den Tod Jesu verlangen. Durch Steinigung – das ist die damals gültige Todesstrafe bei Gotteslästerung. (Das Christentum kennt Jahrhunderte später den Scheiterhaufen für Irrlehrer, sogenannte Häretiker.) Man kann sich vorstellen, wie Pilatus erst gar nicht versucht, sich ein breites Grinsen zu verkneifen. Todesstrafe? Der Einzige, der hier eine Todesstrafe vollstreckt, ist er, der Vertreter des römischen Staates. Ganz sicher nicht ein jüdisches religiöses Gremium. Und Steinigung? Geht gar nicht! Diese Form der Todesstrafe sieht das römische Recht überhaupt nicht vor. Nicht dass Pilatus Skrupel gehabt hätte, jemanden kurzerhand von den Lebenden zu den Toten zu befördern. Das gehörte zu seinem Job. Die Abschreckung war eines der probaten Mittel, mit denen die Römer Ruhe in besetzten Gebieten sicherten oder herstellten. Aber möglicherweise bereitete es Pilatus einen Riesenspaß, die Juden in ihrer Hilflosigkeit einfach auflaufen zu lassen. Ein Todesurteil erbitten konnten sie bei ihm gern. Aber vollstrecken konnten sie es nicht. Da waren die Römer mit ihren Soldaten davor.
„Vergesst es, Jungs, geht nach Hause!“

Der Hohe Rat vs. Pilatus
Was man sich aus heutiger Sicht mit ein wenig Phantasie ausmalen kann – das konnten auch die Mitglieder des Hohen Rates. Und so ist es fraglich, ob sie dem verhassten römischen Statthalter überhaupt erst mit der Forderung

der Todesstrafe Jesu wegen Gotteslästerung kamen. Folgt man dem Johannes-Evangelium, waren die Mitglieder des Hohen Rats cleverer: „Wenn du diesen Jesus freilässt, bist du kein Freund des Kaisers“, rufen sie Pilatus zu. Vielleicht haben sie vorher Pilatus gesteckt, dass Jesus einen Umsturz plane, eine Revolution. Das wird später am Kreuz Jesu eine kleine Tafel mit der Begründung des Todesurteils sagen: INRI, die Kurzform für Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum – Jesus von Nazareth (hat sich als) König der Juden (ausgegeben). Hochverrat also lautet das Urteil. Nach römischem Recht steht darauf die Todesstrafe am Kreuz.

Und wieder kann man sich mit etwas Phantasie Pilatus vorstellen. Der weiß genau, welches Spiel die jüdischen Ankläger mit ihm spielen. Weiß genau, dass sie ihn zum Spielball machen. Und sieht die Gefahr, die ihm droht: Lässt er Jesus frei, wird sich die Nachricht von Jesus, dem begnadigten Revoluzzer, wie ein Lauffeuer verbreiten. Die Abschreckung hat ihr Gewicht verloren. Folglich wird es Nachahmer anziehen, Menschen beflügeln, die im Land nur darauf warten, gegen die Römer loszuschlagen. Mit ein bisschen Propaganda seitens des Hohen Rates ist die Revolution vorprogrammiert. Nein, das kann Pilatus gar nicht zulassen. Die Ruhe im Land ist trügerisch und brüchig. Hier darf er nichts gefährden.

Trotzdem darf hier nicht der Eindruck entstehen, Pilatus habe ausschließlich aus machtpolitischen Interessen, quasi gezwungenermaßen, gehandelt. Jedes Aufflammen einer Revolution wäre problemlos von den römischen Truppen im Keim erstickt worden – genauso, wie sie es im Jahr 73 n. Chr. mit großer Beharrlichkeit vor der Felsenfestung Massada tun. Die belagern sie so lange, bis den dort verschanzten Aufständischen Wasser und Lebensmittel ausgehen und sie sich lieber selbst töten, als von den Römern gefangengenommen und öffentlich auf grausame Weise hingerichtet zu werden. Wieder kommt das Wort Abschreckung zum Tragen. Nein, knallhart abzuschrecken – damit hätte Pilatus kein Problem. Ein weitaus größeres Problem hätte er damit, beim Kaiser als schwacher Statthalter angeschwärzt zu werden, als jemand, der dem Feind nicht mit genügender Härte begegnet, und vor allem als jemand, der durch seine Schwäche einen Volksaufstand begünstigt. „Du bist kein Freund des Kaisers“ heißt also: Wir haben Mittel und Wege, in Rom durchblicken zu lassen, dass es für den Erhalt der Stellung Roms im Land besser ist, jemand anderen einzusetzen und dich abzuservieren.

Darf man sich Pilatus schwitzend vor Sorge vorstellen, nicht wissend, was er tun soll? Vermutlich nicht. Ihm sitzt das Hemd, Verzeihung: die Toga näher als das Paludamentum oder Sagum, also der Mantel. Eiskalt wird er reagiert haben. Und angesichts der aufgestachelten Volksmenge den Mitgliedern des Hohen Rates ebenso eiskalt gesagt haben: „Ich spiele mit. Dieses Mal. Aber kein weiteres Mal. Versucht es erst gar nicht. Sonst…“ Ja, beim nächsten Erpressungsversuch könnte Pilatus den Spieß umdrehen, würde er die fromme jüdische Führungsriege der Intrige gegen Rom beschuldigen. Beim nächsten Mal! Auch so funktioniert Abschreckung. Das ist ihm dieser Jesus von Nazareth wert. Wenn er sich für die Zukunft das Wohlverhalten der jüdischen religiösen Oberschicht erkaufen kann: Was bedeutet da schon ein einfacher Mann? Einer, der sich vielleicht im Laufe der Jahre doch noch als Revolutionär erweisen würde?

Von Glaubenden zu politisch Verfolgten
Diese und ähnliche Gedanken werden die Anhänger Jesu bewegt haben. Sie sind jetzt nicht mehr Mitläufer eines Menschen, der den Größenwahn hatte, sich als Sohn Gottes zu bezeichnen (, was Jesus übrigens laut biblischer Überlieferung nie getan hat,) und sich damit nach jüdischem Recht zweifelsfrei der Gotteslästerung schuldig gemacht hat. Jetzt sind sie plötzlich – lassen Sie es mich modern formulieren – Mitglieder einer terroristischen Vereinigung. „Ich kenne diesen Menschen nicht“, hat Petrus schon gesagt, als man in ihn einen Gefolgsmann Jesu erkannte. Nein, jetzt sind die Anhänger Jesu abgetaucht, haben sich versteckt, hoffen, dass Pilatus nicht bereits nach ihnen fahnden lässt. Und dann kommen die Frauen vom Grab und erzählen etwas, was die Jünger in diesem Moment gar nicht verarbeiten können: Das Grab ist leer! Auferstehung? Für einen derartigen Gedanken ist im Moment kein Platz im Kopf.

Gottglauben und Sieg über den Tod als Projektion (Feuerbach)
Sie ist natürlich auch nicht wahr. Sagt zumindest im 19. Jahrhundert der Philosoph Ludwig Feuerbach. Menschen, so Feuerbach vereinfacht, erfahren sich als endlich, begrenzt, un-vollkommen, in vielen Situationen als ohn-mächtig. Was liegt näher, als dass sie in ihrem Wunschdenken das genaue Gegenteil entstehen lassen? Und diesen Gedanken dann auf ein imaginäres Wesen projizieren, dass sie Gott nennen? Wer sich noch an die guten, alten Dias – die Feuerbach natürlich noch nicht kannte – erinnert, weiß: Die musste man kopfüber in den Projektor stecken, damit sie auf der Leinwand das Bild in normaler Position anzeigten. Deshalb ist die Vorstellung von einem Diaprojektor so hilfreich für das Erklären der Theorie Feuerbachs: Der Mensch „verkehrt“ seine Unzulänglichkeiten und projiziert sie in der gewünschten Form auf Gott: So ist dieser Gott un-endlich, un-begrenzt (oder ewig), vollkommen und all-mächtig. Der Mensch erschafft sich seinen Gott selbst – ohne dass er sich dessen bewusst ist, aber mit dem Gegenteil all der Eigenschaften, die der Mensch in seinem Leben als störend empfindet. Begrenztheit des Lebens durch den Tod – natürlich kann ein Gott diese Grenze überwinden. Er muss sie sogar überwinden können, will er sich als vollkommene Projektion erweisen, als Gegenteil dessen, was dem Menschen möglich ist.

Auferstehung in christlicher Vorstellung: frohe Ostern
Nun sind die Anhänger Jesu keine Philosophen. Und Feuerbachs Theorien sind Theorien, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Auferstehung heißt für Christen: Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Der Tod ist besiegt durch die Macht Gottes. Die Macht Gottes ist größer als der Tod. Diese unglaubliche Botschaft bringen die Frauen, als sie vom leeren Grab zurückkehren. „Frauengeschwätz“, so die erste Reaktion. Eine erste, schnelle Reaktion. aber für die Anhänger Jesu bleibt es nicht dabei, dass für sie eine Welt zusammengebrochenen ist. Sie machen Erfahrungen, die sie erkennen lassen: Dieser Jesus ist wahrhaft auferstanden. Oder wie es ein Kirchenlied im 18. Jahrhundert feierlich formuliert:

„Das Grab ist leer, der Held erwacht, der Heiland ist erstanden.
Da sieht man seiner Gottheit Macht. Sie macht den Tod zuschanden.“

In diesen Zeilen spiegelt sich die ganze Hoffnung des Christentums, das ist der Osterglaube: Jesus von Nazareth ist von Gott nicht im Tod belassen worden. Durch Gottes Willen hat er den Tod besiegt. Rein sprachlich verändert sich hier etwas: Aus Jesus von Nazareth wird nun Christus, der Gesalbte, der sich als Sohn des Herrschers erweist, als Messias.
Es dauern etwas, bis die Anhänger Jesu begreifen und bei späteren Begegnungen mit dem auferstandenen Christus feststellen: Wenn es Jesus tatsächlich möglich war, den Tod zu überwinden, nach dem irdischen Tod auf irgendeine Weise weiterzuleben, dann ist dies ein Präzedenzfall für sie, ja für alle Menschen. Die Auferstehung wird zum Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Ohne Auferstehung ist das Christentum eine Ideologie, die dazu beiträgt, dass Menschen friedlich miteinander leben. Zumindest im Idealfall. Praktisch gelingt das nicht immer… Die Auferstehung wird für das Christentum zu einer Hoffnung, die weit über das Leben in dieser Welt hinausgeht.

Grund genug um an dieser Stelle zu sagen: frohe Ostern, allen Menschen, die – wie es an anderer Stelle heißt – guten Willens sind.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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