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„Es muss nicht immer Kaviar sein.“ Film, Buch und ein paar „absonderliche Gedanken“ (19. April)

“Essen Sie gern? Vielleicht kochen Sie auch gern?”

Mit diesen Fragen leitete der Schauspieler Siegfried Rauch dreizehn Folgen lang einen Nachspann der besonderen Art in der Romanverfilmung von “Es muss nicht immer Kaviar sein” ein. Die Filme handeln von den Kriegserlebnissen des „Geheimagenten wider Willen“, Thomas Lieven. Den wollten die Deutsche Abwehr, das Deuxième Bureau und der Secret Service gleichermaßen zu Spitzeldiensten benutzen. Aber
der clevere Romanheld wusste sich den Absichten der drei Geheimdienste immer wieder auf eine eigenwillige Art und Weise zu entziehen. Immer dann, wenn er besonders in die Bredouille geriet, half ihm dabei ein hervorragendes Essen. Aus den einfachsten Zutaten wusste der Romanheld, ein exzellenter Hobbykoch, jeweils ein unglaubliches Festmenü zu bereiten. Und kam deshalb immer wieder zu der Feststellung: Es muss nicht immer Kaviar sein.

Film und Buchvorlage

Aus gutem Grund gab Johannes Mario Simmel 1960 seinem Werk den Untertitel: Die tolldreisten Abenteuer und auserlesenen Kochrezepte des Geheimagenten wider Willen Thomas Lieven. Ein spannendes Buch, eine amüsante Verfilmung. Beides, Buch und DVD, stehen bei meinen Eltern im Schrank. Und weil ich irgendwann einmal dazukam, wie meine Eltern zum wiederholten Mal die DVD abspielten, habe ich mitgeschaut. Und mir vor gar nicht langer Zeit das Buch ausgeliehen und regelrecht verschlungen. Selbst wenn es stilistisch „Kind seiner Zeit“ ist: Es ist immer noch lesenswert. Spannend, amüsant, unterhaltsam.

„absonderliche Gedanken“

Gleichzeit hat es mich nachdenklich gemacht. Es muss nicht immer Kaviar sein? Echten Kaviar und andere Luxuslebensmittel können sich die meisten von uns ohnehin nicht leisten. Ja, den meisten von uns geht es in diesem, unserem Land recht gut. Dank der Errungenschaften unseres Sozialsystems gibt es genug zu essen – für jeden. Verhungern muss niemand. Vorausgesetzt natürlich, dass er

die vielen Errungenschaften unserer Sozialsysteme auch nutzt. Um genau die beneiden uns viele Menschen in der Welt. Dass es trotzdem auch bei uns Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten, unverschuldete Not und Probleme mehr als genug gibt, ist allenfalls ein Anlass dafür, dass alles noch besser wird.
Luxus in den 1960er Jahren

Aber Kaviar? Noch in den 1960er Jahren gab es, so meine Eltern, konnte man exotische Früchte zu jeder Jahreszeit allenfalls in Großstädten in speziellen Feinkostläden kaufen. Natürlich nur der, der sie sich leisten konnte. Denn auch die Preise waren “exotisch”. Heute ist das ja alles kein Problem: Kiwis aus Australien, Orangen aus Marokko, Pfirsiche aus Israel, Ananas aus Südafrika – zu jeder Jahreszeit verfügbar. Und mit dem Flieger erntefrisch auf den Tisch. Bohnenkaffee, vor ein paar Jahrzehnten für die Brüder und Schwestern im devisenschwachen östlichen Teil Deutschlands noch ein Traum, wird seit Jahren regelmäßig billiger. Auch Bananen, damals in der DDR ähnlich wie Südfrüchte absolute Mangelware, gibt es das gesamte Jahr über. Und zwar nicht etwa in Feinkostläden, sondern bei jedem Discounter an der Ecke.

Der Preis für Luxus

„Weißt du eigentlich, dass die Kinder, die die Kakaobohnen ernten, gar nicht wissen, wie Schokolade schmeckt?“, fragte mich einmal jemand, der sich für Hilfsprojekte in Lateinamerika engagiert. „Kinder klettern in die Kakaobäume, schlagen die Kakaobohnen in großer Höhe ohne Netz und doppelten Boden ab und schleppen sie in Körben, die fast genauso groß sind wie sie selbst, zu den Sammelstellen. Oder kannst du dir vorstellen, dass die Kinder, die mit ihren Vätern Orangen pflücken, noch nie Orangensaft getrunken haben? Sie müssen arbeiten, damit die Familie durchkommt. Irgendwie. Geld für Luxus wie Orangensaft bleibt da nicht übrig.“

Ehrlich gesagt: Nein. Das konnte ich mir nicht vorstellen. So wie man sich einfach nicht vorstellen kann, dass etwas, was im Überfluss vorhanden ist, woanders fehlen könnte. Es ist so schwierig etwas zu denken, was man so nicht kennt, was man gar nicht sieht. Und selbst wenn wir davon gehört haben, blenden wir es schnell wieder aus, dass zum Beispiel die Kaffeebauern in Lateinamerika und Afrika nur einen Bruchteil des Profits erhalten, den Händler, Zwischenhändler, Veredler und Endverkäufer machen. Sich das bewusst zu machen, wären Flecken auf der weißen Weste unseres Glücksgefühls, die wir gern übersehen. Und wir übersehen auch gern, dass auch preiswerte Orangen und Zitronen einen zweiten Preis haben, der weit über den Ladenpreis hinausgeht: Jedes Kilogramm Kerosin, das Flugzeuge für unsere Lebensmittel aus fernen Ländern in die Luft blasen, füttert das Ozonloch und schädigt unsere Umwelt.

Und unser Lebensgefühl?

Ich will kein Moralapostel sein, will nicht nerven. Aber stumpfen wir nicht mehr und mehr ab? Nehmen wir nicht mehr und mehr als selbstverständlich hin, was alles andere als selbstverständlich ist? Lassen Sie es mich von der anderen Seite her versuchen: Haben Sie gefastet, haben Sie es wahrgenommen, auf etwas zu verzichten, was zwar da ist, was Sie aber nicht zu sich nehmen, nicht genießen? Falls ja, werden Sie mir sofort zustimmen: Das erste Stück Schokolade, das erste Glas Wein nach Wochen des Verzichts schmeckt ganz besonders gut.
Oder ein ganz anderes Beispiel: Zu Recht machen sich die ersten Fußballfunktionäre Sorgen darüber, welche Konsequenzen es hat, dass Fußball jederzeit verfügbar ist, dass es an jedem Tag irgendwo im Fernsehen irgendein Spiel gibt. Kommen die Fans nach Corona wieder so zahlreich wie vorher in die Stadien? Sind sie bereit, wieder eine Menge für einen Stehplatz im Stadion auszugeben, wo doch der Fußball auf der heimischen Couch längst alltäglich geworden ist? Die Freude auf das Wochenende, das Fiebern auf den nächsten Spieltag, an dem endlich König Fußball wieder regierte, gibt es nicht mehr. Ein König, der jeden Tag mitten unter uns weilt, ist nichts Besonderes mehr. Er ist einfach nur alltäglich – und das im wahrsten Sinne des Wortes.
Womit ich sagen will: Wenn alles jederzeit verfügbar ist und auch jederzeit konsumiert wird, dann nehmen wir es als selbstverständlich… und freuen uns immer weniger darüber, töten immer mehr die Freude des Besonderen.

Freiwillig verzichten?

Um aufs Essen zurückzukommen: In vergangenen Jahrhunderten war das anders. Zweimal im Jahr verzichteten die Menschen, starteten jeweils im Frühjahr und im beginnenden Winter in eine große Fastenzeit: ab Aschermittwoch und dann noch einmal ab Sankt Martin. Nicht nur, weil es seinerzeit eh „so wenig zu beißen gab“, nicht nur weil es die Kirche so vorgab. Nein, die meisten Menschen fasteten freiwillig, zumindest aber bereitwillig. Durch den Verzicht besannen sie sich auf das Wesentliche in ihrem Leben und konnten eine umso größere Freude empfinden, wenn das Fasten wieder ein Ende hatte. So wurden Weihnachten und Ostern besonders schöne Feste. Denn unsere Vorfahren wussten noch, was wir wieder erst mühsam lernen müssten, um ähnlich zu empfinden: Es muss nun wirklich nicht immer Kaviar sein!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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