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Jeanne d’Arc – Heiligsprechung der Jungfrau von Orléans (16. Mai)

Wie sieht die letzte Nacht eines Menschen vor seiner Hinrichtung aus? Mich schaudert, wenn ich versuche, mich in die Gefühlslage eines Verurteilten hineinzuversetzen, der weiß, dass sein Leben in wenigen Stunden gewaltsam beendet wird. Was geht in jemandem vor, der ohnmächtig erleben muss, wie die letzten Stunden und Minuten seines Lebens

verrinnen? Der sein Schicksal nicht selbst in die Hand nehmen kann? Der zudem weiß, dass die im wahrsten Sinne des Wortes existenzbedrohende Anklage an den Haaren herbeigezogen ist? Furchtbar.
In Kitschromanen fällt dann zumeist der Satz: „Das ist der Stoff, aus dem Helden gemacht werden!“ Ein äußerst dummer Spruch! Selbst wenn er im Falle von Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans, möglicherweise sogar wahr ist.

Jeanne d’Arc und die Franzosen

Am 30. Mai 1430 wird die 17jährige auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Fast 500 Jahre später, am 16. Mai 1920, erhebt die Katholische Kirche dieselbe Frau zur Heiligen, zum Vorbild im Glauben. Nun gut, kann man sagen, davon wird sie auch nicht wieder lebendig. Stimmt. Ihr Leben ist verloren. Aber lebendig? Zumindest in den Köpfen unserer französischen Nachbarn ist Jeanne d‘Arc lebendig, wird nach wie vor gefeiert. Was man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte: Das säkulare Frankreich, das strikt die Trennung von Staat und Kirche propagiert, feiert eine Heilige als Nationalheldin, nämlich die heilige Jungfrau von Orléans. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Wahrheit und Legende

Wahrheit und Legende scheinen sich bei dieser jungen Frau untrennbar miteinander zu vermischen. Gesichert ist wohl, dass Johanna ein einfaches Bauernmädchen war. Niemand kann damals ahnen, dass sie später

einmal eine so große Bedeutung erlangen wird. Möglicherweise kam sie wirklich, wie überliefert, in einer Januarnacht zur Welt. Da aber den Januarnächten als Relikt aus heidnischer Zeit eine gewisse Magie anhaftet, könnte dies auch eine legendhafte Ausschmückung sein.

Dass ein einfaches Bauernmädchen eine religiöse Ausbildung erhält, aber niemals das Lesen und Schreiben erlernt, passt in die Zeit. Dass sie allerdings – knapp 16 Jahre alt – dem König von England einen Brief schreibt, erscheint eher fragwürdig. Zumal es sich um einen geharnischten, politischen Brief gehandelt haben soll. Denn im damaligen Hundertjährigen Krieg erhob England Anspruch auf den französischen Thron. Deshalb stand sinngemäß im Schreiben an den englischen König: „Mach dich weg aus dem von England besetzten Teil Frankreichs. Gib die französischen Städte heraus. Oder ich verjage dich mit Waffengewalt aus Frankreich.“

Johanna und der französische Kronprinz

Wenig später steht sie vor dem Mann, der später der französische König Karl VII. werden soll. In Männerkleidung und zu Pferd kommt die als ungebildet geltende Bauerntochter zum Kronprinzen und erklärt ihm, eine himmlische, eine göttliche Mission zu haben. Seit ihrem 13. Lebensjahr habe „La Pucelle“, die Jungfrau, wie sie selbst nennt, immer wieder überirdische Stimmen gehört. Jetzt, so ihr Auftrag, soll sie helfen, die Engländer aus Frankreich zu vertreiben. Der künftige französische König mag ein Realpolitiker gewesen sein. Allzu viele militärische Möglichkeiten hatte er gegen die Engländer nicht in der Hand. Göttlicher Beistand aber, übermittelt von einer jungen Frau – das könnte den Ausschlag geben. Zumal eine alte Prophezeiung behauptete, Frankreich werde von einer Jungfrau gerettet werden.

Was bleibt dem Kronprinzen anderes übrig? Er vertraut auf die göttliche Hilfe, zieht 1429 mit Johanna und seiner Armee unter anderem nach Orléans, belagert die Stadt und befreit sie schließlich von den englischen Besatzern. Für den Kronprinzen zahlt sich das aus: Nach diesem Sieg wird er in Reims zum französischen König Karl VII. gekrönt. Und das einstmalige Bauernmädchen ist dabei an seiner Seite – eine ganz besondere Ehre.

Verrat

Doch der Glücksmoment ist kurz. 1430 kämpft die Frau, die mittlerweile Jungfrau von Orléans genannt wird, mit den Truppen des Dauphin allein gegen die Engländer. Von nun an wird es perfide: Ihre eigenen Landsleute aus Burgund verraten sie an die Engländer, die sie schließlich gefangen nehmen. War es tatsächlich abzusehen oder gehört auch das zur Legendenbildung? Verrat und Verhaftung hatte Jeanne d’Arc angeblich ebenfalls vorausgesehen. Und wahrscheinlich auch den weiteren Verlauf: Da es sich um eine Frau, um eine einfache Bauerntochter handelt, die zudem noch in einer Nacht mit Magie auf die Welt gekommen ist, ist ihre Ausstrahlung und Kraft nicht zu erklären. Es sei denn, dass diese Kraft vom Teufel stammt. Gell, ihr lieben Männer, wenn eine Frau etwas drauf hat, euch vielleicht sogar überlegen ist, dann lässt sich auch heute noch euer verletzter Stolz auf diese Weise am leichtesten rechtfertigen: Da geht etwas nicht mit rechten Dingen zu!

Anklage als Ketzerin

In Rouen steht Johanna vor Gericht, wird als Hexe und Zauberin angeklagt. Es folgt ein langer Prozess, dann endlich ein Schuldbekenntnis. Am Ende des Prozesses wird die Jungfrau von Orléans wegen Ketzerei, wegen eines Pakts mit dem Teufel zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt wird. Ihre Asche wird in die Seine gestreut.
Schnell allerdings wird klar, wie zweifelhaft das Urteil war: Ein später folgender Prozess hebt das Urteil wegen Formfehlern auf und erklärt es für ungültig. Viel wichtiger aber: Längst wusste man, dass das Schuldbekenntnis gefälscht war. Das belegen die Akten beider Prozesse, die bis heute erhalten sind.

Heilige und Nationalheldin

Mit großen Feierlichkeiten wird Johanna am 16. Mai 1920 im Petersdom zur Heiligen erklärt. Sie wird zur Patronin von Frankreich, Orléans und Rouen und, wohl wegen ihrer inneren Stimmen, zur Patronin des Rundfunks und der Telegrafie sowie aller in diesem Bereich arbeitenden Menschen.

Einerseits wird durch die Heiligsprechung der Anklage als Ketzerin auch aus kirchlicher Sicht deutlich widersprochen; andererseits sehen Kritiker darin auch einen politischen Schachzug der Katholischen Kirche: Denn längst hatte sich in Frankreich eine distanzierte Haltung zur Kirche gefestigt. Durch die Erhebung der Jungfrau von Orléans zur Heiligen versucht die Kirche auch, diese Kluft abzumildern. Und tatsächlich scheint dies ein wenig gelungen zu sein: Denn nur zwei Monate nach der Heiligsprechung erhebt auch die französische Abgeordnetenkammer Jeanne d’Arc zur Nationalheldin.

Jungfrau von Orléans für heute?

Bis heute lieben, ja verehren die Franzosen ihre Jeanne d’Arc. Eine Frau, die ich mir heute auch für die Politik, für die Gesellschaft, ja sogar für die Kirche vorstellen könnte. Keine Demagogin, keine diktatorische Anführerin. Aber eine Person, die in schwierigen Situationen nicht zaudert, die aufrüttelt, wenn alle anderen demoralisiert und apathisch ihre Wunden lecken. Eine, die eine göttliche Vision lebt, die vorangeht, klar die Richtung weist und vor allem alle anderen mitreißt. Nicht etwa mitreißt zur Kasteiung, Selbstbeschränkung und Einschränkung, sondern hin zu einer Freiheit, die manch einer für unmöglich hält, manch anderer fürchtet. In der Kirche müsste so jemand kein Bischof sein, auch nicht der Papst! Im Frankreichs Geschichte tat es ja auch eine einfache Bauerntochter. Und die Jeanne d‘Arc meiner Träume, die Jungfrau von Orléans von heute müsste weder zwingend Jungfrau sein, noch müsste sie Angst haben, bei lebendigem Leib verbrannt zu werden.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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