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Die Flucht des Dalai Lama; Invasion Chinas in Tibet (10. März)

Ob er selbst noch weiß, wie er wirklich heißt, kann ich nicht sagen. Auch dass sein bürgerlicher Name tatsächlich in seinem Reisepass steht, kann ich nur vermuten. Und wie er ausgesprochen wird, weiß ich erst recht nicht. Geschrieben wird er in jedem Fall Tendzin Gyatsho. Falls Sie jetzt sagen, „Nie gehört“, kann ich nicht widersprechen. Wie sollten Sie auch? Schließlich kennen wir diesen Mann bei uns nur unter seinem Würdentitel. Und der lautet Dalai Lama.
Aha, könnten Sie jetzt sagen, das ist

dieser höchste Priester Tibets, der immer nur in einem orangegelben Kaftan durch die Gegend läuft, mit bloßen Füßen. Und der als weiser Mann verehrt wird. Stimmt, würde ich dann entgegnen. Und der 1989 den Friedensnobelpreis erhielt. Heute, am 10. März, musste der Dalai Lama den vielleicht schwärzesten Tag seines Lebens erleiden. 1959 war das. Aber dieses Datum, der 10. März also, spielt in seinem Leben auch später noch eine wichtige Rolle.

Dalai Lama – das ist ein ziemlich alter Würdentitel. Genau genommen ist es der höchste Würdetitel innerhalb des tibetischen Buddhismus. 1578 wurde er erstmals einem Menschen verliehen. Der aktuelle Dalai Lama, also Tendzin Gyatsho, ist erst der vierzehnte Mensch, der diesen Ehrentitel erhielt. Übersetzt heißt Dalai Lama so viel wie „ozeangleicher Lehrer“, was zum Ausdruck bringen soll: Dieser Mensch ist auf besondere Weise erleuchtet. Er ist besonders weise.
Zum Glauben des tibetischen Buddhismus gehört auch, dass der Dalai Lama wiedergeboren wird, vor allem aber, dass er gefunden werden kann. Deshalb suchen nach dem Tod eines Dalai Lama Experten unter den Kindern des Landes nach denen, die möglicherweise selbst zum „ozeangleichen Lehrer“ werden könnten. Sobald sich die Experten auf ein Kind geeinigt haben, erhält dieses in einem tibetischen Kloster eine Ausbildung zu allem, was es später wissen und können muss. Der tibetische Buddhismus, die tibetische Kultur und ein hervorragendes Allgemeinwissen stehen dabei an vorderster Stelle. Mit dieser Ausbildung und als Wiedergeburt seines Vorgängers ist es verständlich, dass der Dalai Lama so weise ist. Und tatsächlich: Seine Weisheiten treffen ins Herz. „Lebe ein gutes, ehrbares Leben“, zum Beispiel. Oder: „Habe stets Respekt vor dir selbst, vor anderen, und übernimm Verantwortung für deine Taten!“ Keine Frage: ein paar gute Lebensregeln, die der Dalai Lama da verkündet.

Umso erschreckender muss es für den amtierenden Dalai Lama gewesen sein, als China 1951 Tibet überfiel und fortan seinem Reich einverleiben wollte. Aufstände schlugen die Chinesen mit unglaublicher Brutalität nieder. Etwas mehr Spielraum als anderswo behielten die Tibeter in Lhasa, der Hauptstadt Tibets und vor allem damals Residenzort des Dalai Lama. Am 10. März 1959 wollte der 23jährige nachmittags eine Theatervorstellung besuchen. Weil die Tibeter aber befürchteten, dass die Chinesen diese Gelegenheit nutzen würden, um den Dalai Lama gefangenzunehmen oder gar zu töten, blockierten sie zu Zigtausenden den Palast ihrer Heiligkeit. So hinderten sie den Dalai Lama daran, seinen Palast zu verlassen. Dass bei dieser Massenveranstaltung die Protestrufe gegen die chinesische Besetzung immer lauter wurden und von der aufgebrachten Menschenmenge ein vermeintlicher chinesischer Spion ermordet wurde, reichte der chinesischen Führung, um nun auch in Lhasa die Besetzung mit massiver Härte voranzutreiben. Innerhalb kürzester Zeit zog China immer mehr Truppen zusammen und schickte diese gegen die Widerstandskämpfer. Eine Woche später war das Flussufer südlich der Residenz des Dalai Lama von Blut rot gefärbt, wie Augenzeugen später berichteten. Das rohstoffreiche Hochplateau war komplett unter chinesischer Kontrolle. Die Besetzung eines eigenständigen Landes, bei der 87.000 Tibeter ihr Leben verlieren, geht später in die chinesische Geschichtsschreibung als „Befriedung Tibets“ ein.

Der Dalai Lama hatte anfangs noch versucht zu vermitteln, sah aber nach dem Vorkommnissen vom 10. März 1959 ein, dass die Chinesen die angebliche Provokation nur allzu gern für ihre Zwecke nutzten. Folglich floh er noch in der Nacht des 10. März in Richtung der indischen Grenze. In Indien lebt er seitdem im Exil, gründete dort wenige Tage nach seiner Flucht bereits eine Exilregierung.

Womit wir zum zweiten 10. März in der Geschichte des XIV. Dalai Lama kommen: Am 10. März 2011 kündigte der eine Verfassungsänderung an, mit der er alle politischen Aufgaben offiziell niederlegen und anderweitig übertragen konnte. Die Exilregierung nahm diesen Antrag kurze Zeit später an. Seitdem hat der Dalai Lama mit der politischen Vertretung Tibets nichts mehr zu tun. Eine Entscheidung, die ganz im Sinne Chinas ist. Denn die Volksrepublik sieht Tibet ohnehin als integralen Bestandteil ihres Landes – übrigens genauso wie Hongkong oder Taiwan…

Vor wenigen Monaten übrigens, im Oktober 2020, erklärte der Dalai Lama, er unterstütze die Unabhängigkeit Tibets nicht. Stattdessen schlug er vor, eine Republik innerhalb der Volksrepublik China zu errichten, in der die verschiedenen ethnischen Minderheiten friedlich zusammenleben könnten. Ein Gedanke, der die politischen Realitäten als unwiderruflich anerkennt und zugrunde legt und ganz pragmatisch nach einem friedlichen Miteinander sucht.

Bei uns ist es still geworden um den Dalai Lama. Bei seinem Deutschlandbesuch im Jahr 2008 wurde er noch gefeiert wie ein Popstar, war quasi in aller Munde als „neben dem Papst höchster geistlicher Führer der Welt“. Über seinen Besuch im Jahr 2014 veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) in ihrem Bericht ein paar Allgemeinplätze aus seinen Worten, die so allgemein waren, dass man sie nach Meinung der FAZ nahezu alle unterschrieben konnte, die aber letztlich nichts Neues sagten. Und bei der Einweihung des Frankfurter Tibethauses im Jahr 2017 war der Dalai Lama erst gar nicht dabei – wegen einer Flugzeugpanne. Es scheint so, als habe der Dalai Lama bei uns an Strahlkraft verloren.

Zu Unrecht! Denn noch immer ist er neben dem Papst der religiöse Führer, der sich weltweit für Frieden und Gerechtigkeit einsetzt und auf gemeinsame Werte und Ideale verweist. Und der letztlich auch das friedliche Zusammenleben über alle religiösen Grenzen hinweg fördern möchte. Da ziehen Christentum und tibetanischer Buddhismus am selben Strang, trotz völlig unterschiedlicher Gottesbilder. Das Christliche „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ findet sich in der Botschaft des Dalai Lama, wenn der sagt: „Nur den Menschen ist es möglich, den Geist zu entwickeln und den Hang zu Zerstörung und Selbstüberschätzung durch bessere Einsicht abzulegen.“ Na dann mal los. Denn letztlich geht es darum, so zu leben, dass kein Mensch einem anderen schadet und niemanden verletzt, stattdessen jeder Mensch für andere einsteht. Ein langer Weg, den es noch zu gehen gilt – gerade angesichts der bis heute nachwirkenden schrecklichen Ereignisse vom 10. März 1959.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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