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Aus für Tabakwerbung in Radio und Fernsehen [1974] (18. Juni)

Raucher wissen das, Nichtraucher können es nicht nachvollziehen: Rauchen ist cool! Rauchen beruhigt! Und vor allem verlängert eine Zigarette oftmals einen schönen Moment. So die Zigarette nach einem guten Essen. Oder die Zigarette „danach“. Kann sein. Nichtraucher glauben eher,

Erwachsen durchs Rauchen

dass das Rauchen zuallererst etwas ist, was jemanden groß und erwachsen wirken lässt. Wie alles, was dir als Jugendlicher verboten wird. Blöd nur, dass man von einem gewissen Punkt vom Rauchen nicht mehr loskommt. Und bevor Sie jetzt sagen: alles Theorie! Nein, ich selbst habe lange genug damit zu tun gehabt, von diesem Laster wieder loszukommen. Und gewissermaßen ist es eine Form von Folter, wenn ausgerechnet ich, heute einen Text über das Rauchen schreiben soll. Am 31. Mai, dem Weltnichtrauchertag, konnte ich mich noch davor drücken. Das wäre dann allerdings auch ein Text über das Nichtrauchen geworden. Heute aber hat es mich erwischt. Am 18. Juni, dem Tag, in dem in Deutschland die Werbung in Radio und Fernsehen verboten wurde.

Marlboro- und Camel-Mann

Unser aller Kumpel, Hank, der eigentlich Johannes heißt, hätte am liebsten einmal einen Gastbeitrag zu diesem Thema geschrieben. Mir traut er das nicht zu. „Jung wie du bist, kennst du ja noch nicht einmal mehr den Marlboro-Mann“, stellt mich Hank am Rande einer ersten Recherche auf die Probe. Ich stelle mich extra blöd. „Das war doch der Vater von diesem Sänger, der auf Mallorca aufgewachsen ist und sich heute Nico Santos nennt“, gebe ich zurück. Was Hank dazu bringt, sich die Haare zu raufen. „Nee, das war der Melitta-Mann! Der Marlboro-Mann war ein Cowboy, der die Botschaft von Freiheit und Abenteuer vermittelte – und das alles durch seinen Glimmstengel!“
„Ich dachte, das wäre der Camel-Mann gewesen?“ Hank schüttelt wieder den Kopf. „Der Marlboro-Mann war eine US-amerikanische Werbefigur; den Camel-Mann hat ein Deutscher gespielt. Aber dafür mit allem Drum und Dran: Aufnahmen in der Wildnis, vorher mit einem Schleifstein ein Loch in die Schulsohle gescheuert. Wenn der Kerl seine Beine übereinanderschlug und man die Schuhe von unten sah, sah man auch das Loch. Und glaubte den Werbespruch: ‚Ich geh meilenweit für eine Camel!‘ Na ja, fast. Irgendwie wussten wir damals alle schon, dass das alles Fake ist.“
Bevor ich nachhaken kann, ergänzt Hank: „Der größte Klops war eigentlich, dass der Darsteller dieser Camel-Werbefigur Nichtraucher war. Das hat er mal vor Jahren in einem Interview der Illustrierten ‚Stern‘ erzählt!“ Hank kennt sich eben aus. Er ist ja auch um einiges älter als ich.

Karl Dall und Insterburg & Co: Raucherlyrik

Deshalb kommt er auch schnell noch mit einem Gedicht herüber:

„Ich tu so gerne rauchen,
recht lange noch, Gott geb’s.
In Qualm die Lungen tauchen,
das freut den kleinen Krebs!“

„Insterburg und Co“, erklärt er fachmännisch. Eine Kabarettgruppe, die in den späten 1960er Jahren begann und bis Ende der 1970er durchhielt. Ingo Insterburg? Nee, sagt mir eigentlich nichts. Karl Dall? Ja, der sollte doch bei „Rote Rosen“ mitspielen und ist bei den Dreharbeiten gestorben. Gar nicht so lange her.
„Ein gigantischer Alleinunterhalter, der jahreslang auch solo das Fernsehen aufmischte“, erläutert Hank. „Wenn man glaubte, weiter runter geht es mit dem Niveau nun wirklich nicht mehr, kam Karl Dall und bewies das Gegenteil.“ So wie Hank das sagt, klingt es nach Bewunderung, ja fast schon Verehrung. Doch Hank ist schon längst wieder bei besagtem Ingo Insterburg, berichtet davon, dass der, selbst bekennender Vegetarier und Gesundheitsapostel, zu Lebzeiten dem Tabaksqualm mit einer ganzen Sammlung von Texten die rote Karte zeigte. Ingo Insterburgs Raucherlyrik.
„Aber der ist auch tot“, vergewissere ich mich. Als Hank nickt – und ich meine, da wäre etwas Trauriges in seinem Blick gewesen – , kontere ich geschickt: „Siehst du, also auch Nichtraucher sterben!“ Dass mich Hank in diesem Moment rund macht, überspringe ich an dieser Stelle.

Über 120.000 Tote pro Jahr

Ich weiß es ja selbst: Trinken und natürlich das Rauchen, beides eine Volkssucht, beides in der Kritik, beides Objekte immer neuen Maßnahmen. Über Gesundheitsschäden wird seit Jahren tretmühlenartig informiert. Und, wie ich ja jetzt gelernt habe, werden auch Witzchen darüber gemacht. Witzchen, die mehr als nur einen Kern an Wahrheit erhalten. Über 120.000 Tote durchs Rauchen allein bei uns im Land pro Jahr; dagegen nehmen sich die rund 75.000 Menschen, die durch den Missbrauch von Alkohol bei uns pro Jahr sterben, sogar noch richtig wenig aus.
Wobei das natürlich Quatsch ist. Hinter jedem Toten steckt ein menschliches Schicksal. Und oftmals eben auch ein qualvoller Tod. Unter dem der Sterbende leidet, aber auch seine Angehörigen. Bei denen er eine Lücke hinterlässt. Wenn ich genau überlege: Angst vor dem Tod habe ich nicht. Aber die Art und Weise, wie ich diesen Planeten mal irgendwann verlassen werde, ist mir noch lange nicht egal. Kurz und schmerzlos, am besten. Im wahrsten Sinne des Wortes. Und möglichst ohne dass man mir vorher vielleicht ein Bein amputieren muss, weil die Blutgefäße verstopft sind. Vielleicht macht man das ja auch heute gar nicht mehr. Vielleicht sind das die Schreckgespinste aus einer medizinischen Vergangenheit, die es so nicht mehr gibt. Oder nur noch selten? Ich weiß das nicht.

Nichtraucherschutz

Aber ich weiß, dass vor allem Kinder und Jugendliche schwerste gesundheitliche Schäden befürchten müssen, wenn sie durch frühes Rauchen so sein wollen wie Erwachsene. Weil man schon seit Jahrhunderten weiß, dass Kinder nun einmal von ihren Eltern lernen, appelliert die Politik immer wieder an die Erwachsenen, mit gutem Beispiel voranzugehen. Aktionen wie ein Weltnichtrauchertag nutzen da wohl nur wenig.
Kolleginnen und Kollegen berichteten mir davon, wie sich SPD und CDU vor rund 15 Jahren darum stritten, in Gaststätten und öffentlichen Gebäuden ein generelles Rauchverbot einzuführen. In kleinen Gaststätten sollte der blaue Dunst weiterhin erlaubt sein. Das muss damals ein unglaubliches Theater gewesen sein. Mit dem Ergebnis, dass Raucher bei Wind und Wetter vor die Tür gehen, um ihr „Brandopfer darzubringen“, wie das ein Bekannter nennt. Huldigt er dabei dem Gott des blauen Dunstes? Da muss ich wohl noch einmal nachfragen.

Kolumbus, Indianer, Rastafarianer

Kolumbus hätte sich das alles nicht träumen lassen. Die nordamerikanischen Indianer, bei denen der Entdecker den Tabakgenuss entdeckte, wussten genau: Tabak lenkt von Wehwehchen und Schmerzen ab, vor allem aber auch vom Hunger. Und der Rauch hält lästige Insekten fern. Auf Jamaika entwickelte sich das Rauchen zum religiösen Symbol: Die Rastafarianer – das sind die Jungs mit den Rastalocken – rauchen nämlich Ganja, die jamaikanische Variante des Marihuana. Und weil das tatsächlich die eine oder andere Krankheit lindert oder sogar heilt, hat es längst göttlichen Status. Rauchen zur Ehre Gottes – für die Rastas ist das dasselbe wie der Weihrauch in der katholischen Kirche. Kein Wunder, dass ein bekennender Rastafarianer wie Bob Marleys Kumpel Peter Tosh vehement die Legalisierung der Droge forderte.

Klagen gegen die Tabakindustrie

Aber das ist genaugenommen eine andere Geschichte. In den USA strengten längst mittlerweile erkrankte Raucher Millionenklage gegen die Tabakskonzerne an. Sie hätten ja gar nicht gewusst, wie gefährlich das Rauchen ist. Und tatsächlich, es gibt sogar Studien, die deutlich machen, dass das Rauchen keinerlei gesundheitliche Schäden mit sich bringt. Okay, das sind dann wohl Studien, die von der Tabakindustrie finanziert wurden. Wobei ich gerne Churchill zitieren würde, der ja angeblich behauptet habe, er traue keiner Statistik, die er nicht selbst gefälscht habe. Aber das lasse ich lieber. Erstens glaube ich, dass dieser Spruch gar nicht von Churchill stammt. Und zweitens ist der mit seinem „no sports“ und seiner dicken Zigarre nun wirklich keine Hilfe für meinen Text. Bleibt mir also nur, noch einmal zu erwähnen, dass bei uns in Deutschland seit dem 18. Juni 1974 im Radio und im Fernsehen nicht mehr für Tabak geworben werden darf.

Rauchen im deutschen Fernsehen

Wobei mir noch einfällt: Wenn ich mir deutsche Filmproduktionen ansehe, die vor zehn, vielleicht zwanzig Jahren entstanden, sehe ich dort keinen einzigen Raucher. Bei neueren Produktionen stecken sich die Schauspielerinnen und Schauspieler wieder eine Zigarette nach der anderen an. Gehört das neben den Autos, die sie fahren, auch zu dem, was durch die Einblendung „product placement“ gekennzeichnet werden soll? Also doch Werbung für Zigaretten im Fernsehen durch die Hintertür? Vielleicht kann man ja mal eine Studentin oder einen Studenten aus dem Bereich der Medienwissenschaften für eine Doktorarbeit gewinnen, bei der man anhand von Filmproduktionen das Thema „Rauchen“ empirisch untersucht. Okay, ich gebe zu: Das geht wohl zu weit. Außerdem würde dieser Text dann erst in ein paar Jahren fertig.

PAUSE

Rauchen im Comic: Lucky Luke und das HB-Männchen Bruno

Sorry, wegen der Unterbrechung. Hank hat mich gerade angerufen. Ob ich an Lucky Luke gedacht hätte? Im Rahmen der Kampagnen gegen das Rauchen haben die Macher des Comics dem „Lonesome Cowboy“ mittlerweile die einst obligatorische Zigarette gestrichen. Stattdessen klemmt sich der Mann, der schneller als sein Schatten schießen kann, jetzt immer einen Blümchenstengel zwischen die Zähne. Sogar Neuauflagen alter Comichefte seien dahingehend geändert worden, berichtet Hank. Wenn er Recht hat, könnte ich die von meinem Onkel abgestaubten uralten Lucky Luke-Comics eventuelle als Raritäten verkaufen?
Hank verneint. Aber er gibt mir einen guten Rat: „Guck dir mal bei YouTube die alte Werbung der Zigarettenmarke HB an. Ein früher Zeichentrick, bei dem das HB-Männchen Bruno durch sein eigenes Unvermögen immer wieder in schwierige Situationen gerät und – ganz Comic – in die Luft geht. Dazu der passende Slogan: ‚Halt, mein Freund, wer wird denn gleich in die Luft gehen? Greife lieber zur HB. Dann geht alles wie von selbst!‘ Übrigens der Running Gag in allen HB-Reklamen“, fügt Hank noch an.

Manipulation der Nerven

„Und das haben die Leute geglaubt?“, frage ich Hank pflichtschuldigst. Die Antwort kenne ich: Wohl kaum. Aber manchmal hilft es ja schon, einer Illusion nachzuhängen, um die Wirklichkeit auszublenden. Wobei ich aber keinesfalls in eine unwirkliche Welt der Illusion abdriften will, auch nicht die Probleme des Alltags überblenden möchte, indem ich – wie auch immer – biochemisch von außen auf meine Nerven einwirke. Eine Stresssituation, zitternde Hände in Großaufnahme, das Kramen nach der Zigarette, das Anzünden mit zittrigen Fingern, das tiefe Inhalieren und sofort entspannt sich der Körper? Wirklich sofort? Zu einem Zeitpunkt, in dem das Nervengift noch gar nicht wirken kann? Da kann ich mir auch andere Entspannungstechniken anerziehen. Insofern bin ich ganz dankbar, dass mir diese Form der suggestiven Werbung vorenthalten wird. So kann ich meine Freiheit, meine Unabhängigkeit vom blauen Dunst ausleben, ohne ständig durch Werbung manipuliert zu werden. Außer eben in den Filmproduktionen der letzten Jahre… Aber da muss ich durch. Irgendwie. Vor allem ohne Zigaretten.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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