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Es gibt kein Bier auf Hawaii? Falsch. Aber vielleicht im Paradies (25. Juni)

Von dieser Geschichte träumen wohl Hunderttausende: Man dreht in der Küche den Wasserhahn auf und heraus kommt … würziges, frisch gezapftes Bier. Gibt es nicht? Doch, gibt es. Und um mal eine alte Bierwerbung zu zitieren: nicht immer, aber immer öfter.

Sucht man nach dem Ursprung dieser Idee, landet man in,
nein, nicht auf Hawaii. Aber in Oslo. Dort vertauschten schon vor einigen Jahren Klempner zwei Leitungen. Versehentlich. Mit der Konsequenz, dass in der Kneipe nebenan Leitungswasser in die Gläser rauschte… und in der Küche eines gewissen Haldis Gunderson Gerstensaft aus dem Hahn floss. Angeblich kam sich Haldis vor wie im Paradies. Bestenfalls fehlten ihm noch die gebratenen Hähnchen, die ihm direkt in den Mund flogen. Davon wurde damals aber nichts berichtet.

Urban Legend?

Völlig egal, ob die Nummer in Oslo nun tatsächlich passiert ist oder ob es sich um eine Urban Legend handelt – in Brüssel verlegte eine Brauerei tatsächlich eine vier Kilometer lange Bierpipeline. Von der Brauerei direkt in eine Kneipe. Auf diese Weise konnte man sich den Transport der Gerstenkaltschale in Fässern auf Lastwagen durch die engen Gassen bis zur Gaststätte sparen. Na gut, ähnliche Aktionen kennen wir von Musikfestivals. Da stehen die Fässer auch nicht unbedingt direkt am Zapfhahn, aus dem das kühle Blonde gezapft wird. Dass aber eine Aktion wie die in Brüssel per Crowdfunding finanziert wurde und die Rückzahlung in Naturalien erfolgt, war sicher neu. Immerhin ein Finanzier hatte so viel Bares in die Leitung gesteckt, dass er nun bis zum Ende seines Lebens täglich kostenlos Bier bekommt. Allerdings nur eine Flasche pro Tag.

Bier aus dem „Wasser“hahn – im Hotelzimmer

Wer kein Bier aus der Flasche haben möchte, sondern direkt vom Fass, der sollte sich den Namen „Dog House“ merken. So nennen sich nämlich gastronomische Betriebe der BrewDog Unternehmensgruppe, einer immer größer werdenden Craft Beer Brauerei. In deren Hotels fließt nämlich tatsächlich in den Gästezimmern Bier aus dem Wasserhahn. Wodurch der Wasserhahn logischerweise zum Zapfhahn wird. Das erste Hotel dieser Art eröffnete BrewDog im fernen US-amerikanischen Ohio, das zweite im schottischen Aberdeen. Hank, ein geliebter Freund und Kollege, war schon da und schwört Stein und Bein darauf, dass das eine großartige Sache sei. Die Idee kam so gut an, dass BrewDog weitere Dog Houses mit diesem Service ausstatten wollte. In Deutschland kennt aber noch nicht einmal Hank ein Hotel, in dem Dog House-Craft Beer tatsächlich aus der Leitung kommt. Und


das will etwas heißen! Aber wenn Hank in Berlin oder auf St. Pauli ist, trinkt er zumindest dort ein paar Bierchen dieser Marke – auch wenn es dort ganz normal aus dem Zapfhahn der Kneipe kommt.

„Vergiss das Hotel Malzmühle in Köln nicht“, raunt mir Hank noch zu, weil er mitbekommen hat, woran ich gerade schreibe. „Kölsch aus dem Wasserhahn, der ein Bierhahn ist“ – gerade bei diesen kleinen Gläschen ist ja eine Art Standleitung direkt ins Hotelzimmer gar nicht so schlecht.

Einmalig: sogar in Indien

Und, haben Sie jetzt Lust auf ein Bier bekommen? So etwas wie die Einwohner einer Stadt im südindischen Bundesstaat Kerala werden Sie aber vermutlich nie erleben. Dort sollten Arbeiter 6000 Liter Bier, außerdem Brandy und Rum entsorgen, wohl weil das Haltbarkeitsdatum überschritten war. Glaubt man’s? Auf jeden Fall gruben die eine Loch und kippten alles dort hinein. Und weil angeblich eine Vermischung mit dem Grundwasser erfolgte, kam bei etlichen Haushalten eine Bierbrühe mit Spirituosengeschmack aus der Leitung. Na, wenn Sie mich fragen…

Bierbad

Sollten Sie an Gicht, einer anderen rheumatischen Erkrankung oder unter Durchblutungsstörungen leiden – ein Bad im heißen Bier soll Wunder wirken. Ich hätte ja Angst davor, aus Versehen etwas davon zu verschlucken. Bier muss richtig kalt sein, dann schmeckt es mir. Aber heiß? Welche Verschwendung! Dabei schwören wohl etliche Leute darauf, erst äußerlich in heißem Bier zu baden, dann ein anständiges gezapftes Helles zu trinken. Etliche Hotels bieten derartige Bierkuren an.

Bierbrunnen

Und da es nichts gibt, was es nicht gibt, ist das hier ja vielleicht noch etwas für Sie: Im slowenischen Zalec können Sie sich am Bierbrunnen des Ortes bedienen. Das Bier ist kostenlos und Sie können dort sogar zwischen fünf verschiedenen Biersorten wählen. Allerdings hat die Sache gleich zwei Haken: ohne Glas geht nämlich gar nichts – und das müssen Sie dort erst kaufen. Am Glas befindet sich zudem noch ein Mikrochip. Und der dreht ihnen elektronisch den Zapfhahn zu, sobald Sie eine Sorte verkostet haben. Liebe Slowenen, da müsst ihr noch mal kräftig nachbessern.

Schon die alten Babylonier brauten Bier

Was mich immer schon fasziniert hat: Die alten Babylonier hatten schon so einiges drauf. So hat man Schädel gefunden, die wohl geöffnet waren und anschließend wieder zusammenheilten. Was nicht nur darauf schließen lässt, dass diese Typen bereits damals Hirnoperationen vornehmen konnten, sondern dass deren Patienten auch überlebten. Wäre der Patient verstorben, hätten die Schädelknochen kaum noch zusammenwachsen können. Was das mit Bier zu tun hat? Ich rede mir ein: eine ganze Menge. Denn man weiß, dass die Babylonier auch schon Bier gebraut haben. Da ich eine Reihe von Wild-West-Filmen gesehen habe, weiß ich, dass man sogar Amputationen mit einem Stück Holz im Mund und einer anständigen Ladung Alkohol überstehen kann. Vielleicht hatte das Bier der Babylonier ja eine entsprechende Umdrehungszahl. Na gut, streichen Sie das. Beweisen kann ich das eh nicht.

Bier auch in der Fastenzeit – vom Papst erlaubt!

Und so danke ich lieber den mittelalterlichen Mönchen, die mit ihrem Bier nicht nur der Gefahr verunreinigten Trinkwassers wirkungsvoll begegneten, sondern auch ein leckeres und nahrhaftes Getränk für die Fastenzeit erfanden. Angeblich brachte man ja sogar dem Papst ein Fass zum Probieren – vermutlich auf Eselskarren über die Alpen, Wind und Wetter ausgesetzt, kräftig geschüttelt, nicht gerührt. Als der Papst die Plörre vorgesetzt bekam, war die natürlich längst verdorben. Wahrscheinlich hielt er die Mönche insgeheim für Helden und richtig fromme Büßer, wenn sie eine derartige Brühe trinken wollten. Und so erlaubte er den Mönchen das Bier als Fastenspeise. Schließlich konnte er nicht ahnen, dass das Bier ohne einen Transport über die Alpen wesentlich wohlschmeckender war. Womit übrigens auch bewiesen wäre, dass der Papst in Fragen, die nicht existentielle Glaubensfragen sind und die er nicht ex cathedra entscheidet, alles andere als unfehlbar ist.

Schlaraffenland oder Paradies?

Was mir allerdings die ganze Zeit über im Kopf herumspukt: Nehmen wir einmal an, die Geschichte mit den vertauschten Leitungen in Oslo wäre keine Urban Legend und hätte sich tatsächlich so zugetragen. Dann kann sich der norwegische Bierzapfer Haldis Gunerson, dem nur noch die gebratenen Hähnchen fehlten, gar nicht wie im Paradies gefühlt haben, sondern allenfalls wie im Schlaraffenland. Das ist nicht dasselbe! Dieses Schlaraffenland ist– leider, leider – lediglich ein fiktiver Ort, der in vielen Märchen zu finden ist, sogar schon im Spätmittelalter! Dort wird von den gebratenen Hähnchen berichtet, die einfach so durch die Luft fliegen. Das Paradies hingegen hat seinen Ursprung in der Bibel. Anfangs ist es ein Garten, in dem es genug für jeden gibt, man sich nur nehmen muss und in dem es auch friedlich und gesittet zugeht. Bier wird dort allerdings nicht erwähnt.

Milch und Honig? Oder doch lieber Bier?

Später wird das Paradies auch als „ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ umschrieben. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob Milch und Honig für mich das Richtige wären. Bei den Temperaturen, wie wir sie gerade mal wieder haben, würde die Milch wohl sauer und der Honig klebrig. Okay, okay, mir ist schon klar, dass dieses „Land, in dem Milch und Honig fließen“ ein Bildwort ist. Und dass es meint: Hier gibt es ein Leben im Überfluss. Ohne Stress, ohne Sorgen, ohne Streit und ohne Leid. Das wäre ganz nach meinem Geschmack. Vor allem, wenn dann zusätzlich auch noch aus dem Zapfhahn in Küche oder Bad ein kühles Bier käme. Dann kann ich mir sogar gut vorstellen, dass noch mehr Menschen ihr Leben so einrichten würden, dass sie am Ende in diesem Paradies landen. Sie merken: Irgendwie hat diese Geschichte vom Jenseits und Weiterleben nach dem Tod kein inhaltliches Problem, sondern ein Marketingproblem. Ein paar wichtige Dinge werden einfach nicht benannt. Na ja, ich wäre in jedem Fall dabei. Und Sie?

Die Hoffnung bleibt

Wenn Sie jetzt einen schlauen Satz erwarten wie etwa: „Und es gibt noch viel mehr Gründe, ein anständiges Leben zu führen“, dann muss ich Sie enttäuschen. So einen Satz werden Sie in diesem Text nicht finden. Oder etwa doch? Hmm.
In jedem Fall hoffe ich, dass meine Idee mit der Bierleitung im Paradies auf fruchtbaren Boden fällt. Damit es Ihnen und mir eines Tages im Paradies nicht so geht wie Haldis Gunerson. Für den haben nämlich die eiligst erneut herbeigerufenen Klempner innerhalb kürzester Zeit die „paradiesischen Zustände“ schon wieder beendet.

In diesem Sinne: Prost!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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