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Das „Rote Telefon“ (20. Juni)

Im nächsten Jahr sind es im Oktober genau 70 Jahre, dass die Sowjets auf Kuba Atomraketen stationieren wollten. Und damit direkt vor der Haustür der USA. Die hatten natürlich etwas dagegen – und beinahe wäre aus dem „Kalten Krieg“ wieder ein heißer geworden. Einer, der Millionen von Menschenleben gekostet hätte. Zum Glück wurde daraus nichts. Aber die kritische Situation zeigte allen Beteiligten deutlich: Man müsste mehr, schneller und effizienter miteinander reden.

Als Resultat aus der so genannten Kubakrise gab es eine ganz wichtige Errungenschaft: das „Rote Telefon“. Eine Art Hot Line zwischen den Mächtigen im Moskauer Kreml und im Weißen Haus in Washington. Vereinbart am 20. Juni 1963.

Heißer Draht bzw. Rotes Telefon

Ein paar Monate später, am 30. August 1963, wurde dieser heiße Draht tatsächlich freigeschaltet. Macht nichts, dass das „Rote Telefon“ nicht rot war, macht auch nichts, dass es damals noch nicht einmal ein Telefon war. In Wirklichkeit handelte es sich nämlich anfangs um eine Telegrafenverbindung. Egal, das Wichtigste war, die Jungs in Moskau konnten sich mal eben schnell melden und sagen: „Hey, was ihr da macht, das gefällt uns nicht. Lasst es, sonst müssen wir auch was machen!“ Und die Jungs in Washington können seitdem zurückmelden: „Okay, wir lassen das jetzt mal. Aber dafür müsst ihr das und das auch lassen.“
Das Schöne daran ist: Solange man noch miteinander redet, solange haut man sich nicht auf die Mütze. Und wirft dem anderen auch keine Bomben aufs Dach.

NATO-Truppen vor der russischen Haustür

Genau das ist das Problem in diesen Tagen: Beim Blick in die Ukraine wächst schnell der Eindruck, dass die Großmächte längst hinter das zurückgefallen sind, was sie am heutigen Tag vor vielen Jahren beschlossen haben… und was bis heute eigentlich ganz gut funktioniert hat: miteinander zu reden. Genau aber das ist notwendig, um den Frieden zu bewahren – oder im Fall der Ukraine: um ihn wieder herzustellen.

Wobei ich als „Nachgeborene“ ja vor allem eines nicht verstehe: Dass die USA seinerzeit keine Atomraketen direkt vor ihrer Haustür haben wollten, ist mir klar. Hätten Sie Lust darauf, im Garten Ihres Nachbarn etwas zu haben, was innerhalb kürzester Zeit Ihren Garten in Schutt und Asche legen könnten? Hätten Sie nicht.

Im Zusammenhang mit der Deutschen Wiedervereinigung gab es, wenn ich das richtig recherchiert habe, das Versprechen von Kanzler Helmut Kohl, dass niemals deutsche Truppen an die Grenze zur Sowjetunion verlegt würden. Die Ost-Erweiterung der EU und der NATO hat aber genau das Gegenteil bewirkt: Jetzt stehen europäische Truppen im Garten der Russen. Und könnten theoretisch dort beträchtlichen Schaden anrichten. Irgendwie konsequent, dass die Russen das nicht wollen, oder?

Besetzung der Ostukraine

Ob allerdings die Besetzung eines Teils der Ostukraine ein adäquates Mittel ist, um die vermutete Bedrohung abzuwehren, steht auf einem anderen Blatt. Vielmehr scheint es so, als sei die ohnehin verfahrene Situation nun noch festgefahrener. Und, wie es scheint, reden die Mächtigen in Ost und West viel zu wenig miteinander. Wenn sie es aber doch tun, dann hauen sie sich verbal auf die Mütze. Oder sorgen in der Ukraine in immer neuen Scharmützeln dafür, dass sich ihre jeweiligen Bündnispartner auf die Mütze hauen. Was ja nun nicht gerade dazu beiträgt, irgendetwas zur Entspannung der Situation zu tun. Eher im Gegenteil.

Wieder im Gespräch

Insofern verstehe ich das Ganze nicht. Außer natürlich ich unterstelle, dass der eine dem anderen tatsächlich Böses will. Dann ist es aber nur eine Frage der Zeit, bis ein Pulverfass explodiert. Alles große Politik, bei der jeder Zug zur Größe fehlt, dafür aber umso mehr Misstrauen vorhanden ist – auf beiden Seiten. Mal sehen, ob der neue US-Präsident Joe Biden da im Laufe seiner Amtszeit etwas dazu beitragen kann, die verfahrene Situation aufzubrechen. Sein erstes Gespräch mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin hat ja immerhin zur Folge, dass beide Mächte ihr Botschaftspersonal zurück in das jeweils andere Land schicken. Wenn Sie so wollen: ein erstes Anzeichen dafür, dass man die zerrissenen Kommunikationsfäden wieder zusammenflickt. Bitte weiter so!

„Rotes Telefon“ statt Zugzwang und Gesichtsverlust

Welche Möglichkeiten sich ansonsten bieten, dass beide Seiten ohne Gesichtsverlust aus der Misere hervorgehen? Ich weiß es nicht. Wie bei jedem Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Standpunkten kommt es wohl darauf an, überhaupt zu Kompromissen bereit zu sein. Wenn beide Seiten gleichermaßen nachgeben, kann niemand den anderen als Unterlegenen und sich selbst nicht als Sieger im diplomatischen Streit bezeichnen. Bis dahin aber ist es vermutlich noch ein langer Weg. Aber wer weiß: Vielleicht nutzen Putin und Biden in Zukunft wieder vermehrt die Möglichkeit, mal eben schnell miteinander über das „Rote Telefon“ miteinander zu kommunizieren. Mal eben schnell zum Hörer greifen, wenn man etwas vorhat, was vielleicht den anderen misstrauisch machen könnte, was aber ohne Gegenmaßnahmen bleibt, weil der die Hintergründe kennt. Oder am besten: bestimmte Maßnahmen vorher miteinander abstimmen. Dann gibt es hinterher keine bösen Überraschungen. Und keine Situation, die dem jeweils anderen einen massiven Gesichtsverlust beibringen würde.

Lieber reden als Unfug machen

Ja, ich weiß, Politik folgt oftmals anderen Regeln. Insofern ist mein Wunschdenken irgendwie naiv. Und trotzdem bleibe ich dabei: Lieber reden als Unfug machen. Vielleicht kann das „Rote Telefon“ dabei ein bisschen helfen. Man muss es nur wollen! Einfach miteinander reden, den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen.

Eine Methode, die übrigens auch bei Problemen zwischen Nachbarn, Kollegen und in Familien funktioniert. Voraussetzung: Alle Beteiligten wollen auch, dass sie funktioniert.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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