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Arbeiten, um zu leben? Oder leben, um zu arbeiten (27. Juni)

Während Sie sich jetzt vielleicht gemütlich auf Ihrer Sonnenliege strecken und den arbeitsfreien Sonntag genießen, gibt es Menschen, die heute, um diese Zeit, arbeiten. Taxifahrer, Busfahrer, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienste, überhaupt Ärzte, Pflegepersonal und viele andere, die, die Schichtdienst haben oder Dienstleister sind. Gut, das muss eben so sein, kann man denken. Damit die Welt sich auch in aller Ruhe weiterdreht, auch bei einem Notfall nichts oder möglichst wenig aus den Fugen gerät. Durch Corona haben wir ja ein neues Wort

gelernt, nämlich das der „systemrelevanten Berufe“. So können wir unterscheiden, was lebensnotwendig ist und was nicht. Aber ehrlich: Ich bin froh, dass auch die Kneipen, Cafés und Restaurants schrittweise wieder zur Normalität zurückfinden. Wenngleich das eben auch zur Folge hat, dass wieder viel mehr Menschen auch sonntags arbeiten müssen.

Selbstausbeutung

Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Wissenschaftler warnten: Menschen leben mehr und mehr für die Arbeit. Die Selbstausbeutung träfe nun auch Angestellte, konnte man lesen. Wer zu wenig Anerkennung oder Liebe bekäme, der suche seine Selbstbestätigung in einer immer größeren Arbeitsleistung. Herzinfarkte, Depressionen, Hörstürze und Magengeschwüre seien die Folge, ja, sie nähmen rasant zu. Und wer dann aus dem Arbeitsleben aussteige, der falle in ein Loch: Nirgendwo auf der Welt, so die Untersuchung, sterben so viele Menschen in den ersten zwei Jahren nach Erreichen des Ruhestands wie in Europa!

Kein Ende finden

Ich kenne auch ein paar Leute, die sich ausschließlich durch ihren Beruf definieren. Zwei, drei aus meinem unmittelbaren Arbeitsumfeld habe ich direkt vor Augen. Die konnten mit der Rolle des Rentners absolut nichts anfangen. Statt für mich und andere jüngere Menschen einen attraktiven Job freizumachen, klebten die an ihrem Sessel. Hauptsache kein Bedeutungsverlust! Wie schlimm wäre das, wenn man keinen Einfluss mehr nehmen könnte! Was soll man denn ansonsten auch mit seiner Zeit anfangen? Ob Sie es glauben oder nicht: Zwei von diesen dreien haben mehr als ein ganzes Jahr nach dem Eintritt ins Rentenalter immer noch an ihrem Job festgehalten. Nicht, weil sie es vielleicht aus finanziellen Gründen mussten – nee, finanziell waren beide abgesichert genug. Ausschließlich aus Prestigegründen. Schließlich war man ja in seinem Job irgendwer. Und, na gut, weil man sich das ganze Leben nur um den Beruf gekümmert hatte, gab es auch sonst nichts, was reizvoll gewesen wäre. Für mich unvorstellbar!

Selbstoptimierung als neue Sucht?

Wobei es ja in diesen Fällen „nur“ Menschen nicht gelingt, aus ihren alten Mustern auszubrechen. Ich frage mich, welche Muster generieren wir eigentlich selbst, wenn wir uns mit digitalen Armbändern ständig kontrollieren und alles tun, um unsere Selbstoptimierung


noch weiter voranzutreiben. Ist das nicht dasselbe: Selbstausbeutung und Selbstoptimierung? Ist hier nicht der eine, der hässliche Begriff, durch den anderen, einen euphemistischen, abgelöst? Zumindest gibt es wohl noch keine Untersuchungen darüber, ob die so genannte Selbstoptimierung im Extremfall am Ende nicht sogar krank macht anstatt das Leben zu verbessern. Ha, vielleicht schreibe ich in zwanzig Jahren ja dazu mal einen Text. Warten Sie’s ab!
Savoir-vivre

Als ich vor ein paar Jahren, damals noch mit meinen Eltern, auf einem Campingplatz in Frankreich, irgendwo an der Dordogne, meinen Sommerurlaub verbrachte, habe ich Anderes kennengelernt. Die Küche auf dem Campingplatz war – man glaubt es kaum – überragend. Der Koch irgendwie ziemlich süß. Jeden Tag kam Arno, so hieß er. im späten Vormittag zum Campingplatz, zauberte wirklich ein großartiges Essen auf die Teller, verschwand im frühen Nachmittag und kehrte im späten Nachmittag zurück. Als er an einem sonnigen Tag nach einer Mittagsschicht am Ausgang des Campingplatzes auf einem Stein saß, habe ich ihn angesprochen. Er wartete, dass er abgeholt würde. Einen eigenen Führerschein? Nein, den hätte er nicht. Wenn mal das Geld dafür da war, dann hatte er keine Zeit für die Fahrschule. Und wenn er Zeit für die Fahrschule hatte, dann fehlte ihm das Geld. Savoir-vivre, verstehen zu leben nennen das die Franzosen wohl.

Leben um zu arbeiten? Oder arbeiten um zu leben?

Was er denn sonst so machen würde, wollte ich wissen. Er verstand überhaupt nicht, was ich meinte. Na ja, die paar Stündchen auf dem Campingplatz würden ja finanziell kaum ausreichen. Zumal der Campingplatz nur von Mai bis Oktober geöffnet sei. Arno verstand immer noch nicht, was ich meinte? Sonst noch? Arbeiten? In diesem Moment bog ein uralter, klappriger Peugeot in die Zufahrt vom Campingplatz ein und Arno verabschiedete sich freundlich von mir. Er würde jetzt mit Frau und Kind auf der Dordogne Kanu fahren. Wir könnten ja gelegentlich mal weiterreden. Aber jetzt hätte er keine Zeit mehr dazu. Schließlich müsse er ja auch halbwegs pünktlich wieder zurücksein. Es sei denn, ich und die übrigen Campinggäste wollte heute auf unser Abendessen verzichten.

Wie sagten doch die Wissenschaftler? Wir leben immer mehr dazu, um zu arbeiten. Arno arbeitete eindeutig ausschließlich dazu, um zu leben. Etwas, was man den Franzosen, vor allem im Süden, vor allem im ländlichen Bereich ja schon immer nachsagt. Und Frankreich ist nach meiner bescheidenen Erfahrung abgesehen von ein paar Metropolen sehr ländlich, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Lebensarbeitszeit

Ohnehin unsere französischen Nachbarn! Durchschnittlich knapp über 35 Jahre arbeiten sie durchschnittlich, bevor sie sich in die Rente verabschieden. Damit liegen sie unter dem Durchschnitt in der EU. Und da der Durchschnitt immer ein Mittelwert ist, bedeutet das: In einigen Ländern arbeiten die Menschen durchschnittlich länger, in anderen weniger lang. Spanier, Ungarn, Luxemburger, Slowaken und Rumänen arbeiten maximal 34 Jahre, die durchschnittliche Lebensarbeitszeit in Polen, Bulgarien und Belgien beträgt weniger als 34 Jahre. In Griechenland, Kroatien, Montenegro, Italien und Nordmazedonien – das sind die mit den guten Fußballern. Sorry, auch wenn das vim Thema wegführt: diesen Seitenhieb konnte ich mir nicht verkneifen – liegen die Zahlen noch darunter. Unerreicht ist laut Statistik die Türkei: 27,3 Jahre weist die aktuelle Statistik als Lebensarbeitszeit für Türken aus. Unglaublich. Vor allem wenn man dann unsere Lebensarbeitszeit dagegensetzt: 39,1 Stunden. Bevor Sie sich aufregen: Es gibt auch ein paar Länder, in denen die durchschnittliche Lebensarbeitszeit deutlich länger ist als bei uns. Estland, Norwegen und Dänemark liegen bei maximal 40 Lebensjahren, die Niederländer bei 41, Schweden und Schweizer arbeiten 42 bzw. 42 ½ Jahre. Den Vogel schießen die Isländer ab: 44,9 Jahre arbeiten die durchschnittlich, bevor sie „in die Rente gehen“. Aber auch bei uns denkt man ja schon darüber nach, den Eintritt ins Rentenalter noch einmal anzuheben…

Dicke Rente, aber wie lange?

Ja, ich weiß, natürlich muss man berücksichtigen, wie hart in den jeweiligen Ländern gearbeitet wird, wie gesund oder besser: krank die Menschen bei Eintritt ins Rentenalter sind. Und vor allem wie hoch ihre Rente am Ende ist. Wobei ich mich zu erinnern meine, dass bei uns längst feststeht, dass immer mehr Rentner mit dem, was die Rentenkasse monatlich ausschüttet, nicht mehr auskommen. Aber ganz nebenbei: Was nützt eine „dicke Rente“, wenn man so kaputtgearbeitet ist, dass man aus gesundheitlichen Gründen gar nicht genießen kann. Oder dass man sich so zeitig ins Jenseits verabschiedet, dass die hohe Rente zwar für die Statistik zählt, nach kurzer Zeit aber schon nicht mehr ausgezahlt werden muss. Wie warnten Wissenschaftlicher? Sich zwei Jahre nach Erreichen des Ruhestandes in die ewigen Jagdgründe verabschieden? Nein, danke. Das muss nicht sein. Vom Durchschnitt her betrachtet stimmt das nicht: Die Lebenserwartung steigt immer noch an. Trotzdem nehmen die Fälle derer zu, die sich kurz nach dem Abschied aus dem Berufsleben auch aus dem sonstigen Leben verabschieden. Eben innerhalb von zwei Jahren, wie gesagt. Ich wäre ganz froh, wenn meine Eltern und, soweit überhaupt noch am Leben, meine Großeltern noch einige Jahre vor sich hätten. Und ich natürlich auch – auch wenn es bis zu meiner Rente noch ein weiter Weg ist.

Besserer Ansatz?

Mittlerweile frage ich mich, ob die jungen Menschen in unserer Gesellschaft nicht einen besseren Lebensansatz haben: Statt nur „schaffe, schaffe Häusle bauen“, wie es auf einer alten Platte meiner Eltern heißt, lieber jetzt Zeit nehmen zum Leben. Lieber jetzt feiern, das Leben genießen, als am Ende nichts mehr genießen zu können. Lieber jetzt mal Kanu fahren gehen, als darauf zu warten, dass man als Rentner Zeit dazu hat. Und es dann nicht mehr kann? Arno macht es besser, denke ich. Und viele meiner Altersgenossen auch. Auch wenn es da natürlich den einen oder anderen gibt, der gewaltig übertreibt und gar nicht an morgen denkt. Oder unbewusst denkt: Der Staat wird’s schon richten.

Sonntag als Auszeit?

Was mir immer wieder auffällt: Wie weit voraus uns doch vergangene Generationen waren! Schon vor ein paar Tausend Jahren führten die alten Israeliten den arbeitsfreien Sabbat ein. Runterkommen, Atemholen, Zeit zum Verschnaufen, Zeit für eine Auszeit an einem Tag der Woche – das war Lebensphilosophie. Na gut, auch Religion. An diesem Tag ganz besonders an Gott denken, sich mit ihm verbunden fühlen. Und dadurch eine Verbindung zu sich selbst herzustellen. Sich zu erden, wie ich mal gelesen habe. Ein gutes Wort, finde ich. Mit beiden Füßen auf der Erde stehen, im Leben stehen dadurch, dass man sich bewusst eine Auszeit pro Woche nimmt. Einen Tag Kraft tanken. Einen Tag, an dem man nicht im Hamsterrad läuft und läuft und läuft. Dazu ist dann morgen wieder Zeit genug. Gar nicht so dumm, auf was die Alten da schon gekommen sind. Blöd sind wir, die wir derartige Lebenserfahrung mir nichts dir nichts über Bord werfen. Oder uns an einem verkaufsoffenen Sonntag ins Getümmel stürzen, um ja nichts zu verpassen, was es am nächsten Tag auch zu kaufen gäbe. Sich freiwillig der Jagd nach materiellem Gewinn unterwerfen und damit die Atempausen zum Leben freiwillig aufgeben? Na, ich weiß nicht! Und diejenigen, die nun unbedingt an einem Sonntag arbeiten müssen? Für die würde gelten, sich unbedingt an einem anderen Tag ihre Auszeit zu nehmen.

Jetzt geht‘s los – das Atemholen

Aus dem Sabbat der alten Israeliten – und bis heute aller Juden – ist in unseren Breiten der arbeitsfreie Sonntag hervorgegangen. Den werde ich jetzt genießen! Und während ich mich in Gedanken schon auf meiner Liege in der Sonne räkele, beschließe ich: Auch die Texte für den Sonntag werde ich in Zukunft schon samstags schreiben. Zumindest will ich es versuchen. Zum Glück ist dieser Text jetzt fertig. Die Liege lockt! Aber wenn ich ganz ehrlich bin: Noch viel lieber würde ich jetzt auf der Dordogne Kanufahren…

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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