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Gegen den Hunger in Afrika: Vor 36 Jahren Live Aid (13. Juli)

Kann man mit Medien und Musik die Welt verändern? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht! Aber was der britische Fernsehsender BBC 1984 ausstrahlte, hat zumindest Wirkung hinterlassen: eine Dokumentation über hungernde Menschen in Äthiopien. Mittendrin flimmert eine 23jährige Krankenschwester über den Bildschirm. Sie muss 300 Menschen auswählen, die
in einem Flüchtlingslager etwas zu essen bekommen. 300 von 10.000 Menschen – zu mehr reichen die Vorräte nicht. Das ist grausam, das ist für uns unvorstellbar. Für die Auserwählten auch. Voller Scham drehen sie sich zur Seite, schämen sich ihrer bevorzugten Situation. Denn sie wissen: Die, die nichts zu essen bekommen, werden verhungern. Die Hungernden wissen das auch. Und ergeben sich in ihr Schicksal. Den sicheren Tod vor Augen sitzen sie bewegungslos da und schauen den Essenden zu.

Band Aid

Einer, der auch zuschaut, ist Bob Geldof, Kopf der britischen Band Boomtown Rats. Und der weiß: Das, was ihm da das Fernsehen zeigt, ist kein Horrorfilm – das ist schlimmer! Das ist bittere Realität. Geldof könnte heulen, den Kopf in den Sand stecken. Doch er tut das Gegenteil. Er telefoniert, spricht, plant, redet, überzeugt. Das Ergebnis: „Do They Know It’s Christmas“ – ein simpler Popsong, an dem sich fast 50 damals angesagte Künstler beteiligen. Band Aid, so nennen die beteiligten Musiker ihr Projekt, hat eine gleich doppelte Bedeutung: Natürlich ist es ein Hilfsprojekt („Aid“), das durch den Zusammenschluss von Musiker („Band“) möglich wird. Aber das Projekt übernimmt auch den Namen eines im Vereinigten Königreich bekannten Heftpflasters. Was wohl andeutet, dass es sich angesichts der nahezu unermesslichen menschlichen Tragödie nur um eine kleine Hilfe handeln kann.

USA For Africa

Auch wenn der Song vielleicht nicht ihren Musikgeschmack trifft: In 13 Ländern Europas schießt der Song kurz vor Weihnachten 1984 auf Platz 1 der jeweiligen Charts. Und spielt auf diese Weise Millionen ein. Millionen für die hungernden Menschen in Afrika. Fünf Jahre später gibt es mit „Band Aid II“ eine Neuaufnahme des Songs, mit „Band Aid 20“ und „Band Aid 30“ folgen weiteren Neuaufnahmen 20 bzw. 30 Jahre nach dem Original, jeweils mit veränderten Musikerkonstellationen. Auch bemerkenswert: 1985 schließen sich auch US-amerikanische Künstler zusammen und spielen als „USA For Africa“ ihr „We Are The World“ ein.

Live Aid in London und Philadelphia

Doch das alles reicht nicht – auch Bob Geldof nicht. Längst hat er einen abenteuerlichen Plan gefasst: Er möchte mit so vielen bekannten Musikern wie möglich ein Konzert veranstalten. Oder gleich am besten zwei: eines in London und eines jenseits des großen Teichs, in Philadelphia. Was wie ein unerfüllbarer Traum erscheint, gelingt tatsächlich: Heute vor 36 Jahren versammelt Bob Geldof eine noch nie dagewesene Zahl an Musikern, die ohne Gage gegen den Hunger in Afrika spielen. Es handelt sich um das bis dahin größte Konzert der Rockgeschichte. Kein Wunder, dass es in London das Fassungsvermögens des (alten) Wembley-Stadions sein muss, in Philadelphia das berühmte John F. Kennedy Stadium. Mit dabei ist die Crème de la Crème der damaligen Pop- und Rockmusik.

Doppelter Phil Collins

Ein paar Namen? Bryan Adams, The Beach Boys, David Bowie, Eric Clapton, Phil Collins, Dire Straits, Duran Duran, Bob Dylan, Bryan Ferry, Mick Jagger, Elton John, Judas Priest, Madonna, Paul McCartney, Queen, Sade, Santana, Simple Minds, Status Quo, Tina Turner, The Who, U2, Neil Young und etliche andere. Und es gab ein paar Besonderheiten: Extra für Live Aid standen The Who wieder auf der Bühne, ebenso Crosby, Stills, Nash & Young, die seit 1982 bzw. seit 1974 nicht mehr zusammengespielt hatten. Sogar Black Sabbath rauften sich mit ihrem seit Jahren geschassten ehemaligen Lead-Sänger Ozzy Osbourne wieder zusammen. Die größte Anerkennung kommt allerdings vielleicht Phil Collins zu: Der spielte in London sein Set, setzte sich dann in den Überschallflieger Concorde und kam rechtzeitig in Philadelphia an, um Robert Plant, Jimmy Page und John Paul Jones von Led Zeppelin am Schlagzeug zu verstärken. Dass Phil Collins dann auch noch Eric Clapton begleitete, ist da fast schon „nur noch“ eine Randnotiz.

Hilfsappell an 1.5 Milliarden Menschen

Rund 1,5 Milliarden (bitte noch einmal lesen: MILLIARDEN!) Radiohörer und Fernsehzuschauer verfolgten die Konzerte und ließen sich ermutigen, sich für Menschen in Not einzusetzen. Umgerechnet über 180 Millionen Euro brachte diese von Bob Geldof generalstabsmäßig geplante Spendengala für hungernde Menschen in Afrika ein.

Grund genug übrigens, es 2005 beim G8-Gipfel in Edinburgh noch einmal fortzusetzen, wenn auch einige Nummern kleiner. Spenden wurden dabei keine gesammelt. Dafür aber Unterschriften, die man den versammelten Mächtigen der Welt übergab und mit denen die Organisatoren für einen Schuldenerlass der ärmsten afrikanischen Länder forderten. Trotzdem gab es auch einen musikalischen Höhepunkt: ein Reunion-Konzert von Pink Floyd mit ihrem Bassisten und Mitbegründer Roger Waters.
Wer es nicht versucht, hat schon verloren

Rund 20 Jahre später erscheint ein zehnstündiges DVD-Set, das einen Teil der Auftritte zeigt… und ebenfalls eine Menge Geld einspielte. Live Aid heute vor 36 Jahren war ein großes Ereignis, eines, das sich aber auch ein Stückweit dem Zugriff der Organisatoren entzog. So wurden später verschiedene Vorwürfe laut, eingespielte Hilfsgelder sowie Spenden seien nur zum Teil dort angekommen, wo sie auch wirklich gebraucht wurden, zum Teil zweckentfremdet in „obskure Kassen“ geleitet worden. Wie immer, wenn Gelder veruntreut oder abgezweigt werden, die den ärmsten der Armen zukommen sollen, ist das ekelerregend. Zu vermeiden ist es wohl nicht. Denn es gibt immer Menschen, die skrupellos sind, denen das Leben anderer völlig egal ist. So schlimm das ist, so menschlich ist es auch. Leider! Trotzdem gilt: Zumindest ein Teil der Gelder kam an. Und sie retteten das Leben vieler Menschen, die ohne die ganze Aktion garantiert nicht gerettet worden wären.

Kann man mit Medien und Musik die Welt verändern? Ganz ehrlich: Ich weiß es immer noch nicht. Aber man kann, ja man sollte es zumindest versuchen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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