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Gold für Deutschland: Olympia-Splitter (22. Juli)

Bronze, Silber, Gold für Deutschland – diese Meldungen hören wir mit Blick nach Tokio in den nächsten Tagen und Wochen am liebsten. Und sind stolz auf unsere Athleten, die tagsüber Siege erringen und am Abend auf dem Treppchen stehen. Die Hoffnung: Nahezu jeden Tag kommen Medaillen hinzu. Auch wenn Experten im Vorfeld vor übertriebenen Erwartungen warnen, sagen, dass Deutschland international den Anschluss verloren habe. Na ja, immerhin sind „wir“ dabei, haben die Chance auf Medaillen.

Ohne uns

Guinea zum Beispiel hat dies nicht. Noch nie hat dieses Land bei Olympischen Spielen eine Medaille errungen. Jetzt hat Guinea kurzfristig seine Teilnahme komplett abgesagt. Wie lautete doch eine Glückspielwerbung? „Wer nicht mitmacht, hat schon verloren.“ Zumindest die Hoffnung verloren, vielleicht doch gewinnen zu können.
Nordkorea hat den Beschluss, keine Athleten nach Tokio zu entsenden, bereits im Frühjahr mitgeteilt. Den Asiaten wie den Westafrikanern fällt es leicht, ihre Absage zu begründen: Corona lässt grüßen. Und so zeigen die Absagen, wie verantwortungsvoll doch der Staat mit seinen Athleten umgeht. Ob Nordkorea auch ohne Corona an den Start gegangen wäre? In die politische Gemengelage passt das nicht. Und Guinea, hoffnungslos bitterarm, spart sich Ausgaben, die man ohnehin kaum bezahlen könnte. Nachvollziehbar und verständlich. Aber trotzdem schade.

Erste Coronafälle, erstes Doping

Schade auch, dass mit den Athleten auch Corona ins Olympische Dorf eingezogen ist – hoffentlich bleibt es bei diesen „ersten Fällen“; schade auch, dass mit einem australischen Springreiter der erste Dopingfall bereits feststeht. Allerdings hat der nicht auf die bekannten leistungsfördernden Mittelchen zurückgegriffen. Stattdessen hat er sich als kleiner Kokser erwiesen. Was allerdings auch gegen die Regeln verstößt, die nun einmal für faire Spiele sorgen sollen. Denn merke: Jede Art von Zaubertrank, egal ob per Spritze, durch die Nase oder sonst wie, ist verboten. Übrigens, falls Sie den Namen des Dopingsünders vermissen: Selbst dieses kleine bisschen Ruhm, hier namentlich genannt zu werden, gönnen wir ihm nicht. Weil – alte journalistische Regel – man am Ende zwar den Namen kennt, aber irgendwann den Namen nicht mehr mit einem negativen Verhalten verbindet.

Erste Verlierer

Bleiben wir beim „Schade“: dass Fußballtrainer Stefan Kuntz noch nicht einmal mit einem kompletten Kader nach Tokio reisen konnte, ist mehr als schade. Das ist traurig. Vier Spieler mehr hätte er mit nach Tokio nehmen können – wenn denn die Heimatvereine der Fußballer denen die Freigabe erteilt hätten. Haben sie aber nicht. Oder aber die Sportler haben die gelungene Vorbereitung im Verein von sich aus der Teilnahme an den Olympischen Spielen vorgezogen. Frei nach dem Motto: Nimmst du an der Vorbereitung nicht teil, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass du in den ersten Ligaspielen vielleicht nur auf der Tribüne sitzt. Der Entwicklung des Marktwertes junger Fußballer ist das sicherlich nicht zuträglich. Nicht die Teilnahme am Kräftemessen der Jugend der Welt steht im Vordergrund, sondern der schnöde Mammon. Naiv, wer anders denkt.

Schon vorab: Schiffbruch mit Totalschaden

Und noch ein „Schade“: Schon beim Verladen erlitt der deutsche Vierer-Kajak „Schiffbruch“. Zumindest wenn man den Umstand, dass die Ladegabel eines Gabelstaplers das Boot zerstört hat, so nennen kann. Aber es gibt ja zwei dieser Hightech-Boote. Mit etwas Glück kommt das Ersatzboot noch rechtzeitig bis zum Rennen in Tokio an. Bis dahin trainieren unserer vier Medaillenanwärter mit einem Prototypen. Nicht schön, aber eben nicht zu ändern.

Weise Entscheidungen?

Ein letztes „Schade“: Angelique Kerber hat zwar nicht „Rücken“, dafür aber Probleme mit dem Oberschenkel. Dass unsere beste Tennisspielerin auf eine Teilnahme in Tokio verzichtet, hatte sie ja schon vor kurzem bekanntgegeben. Auch wenn ich jetzt gemein klinge: Irgendwie erinnert mich das an Marco Reus. Der verzichtete freiwillig auf seine Teilnahme an der Fußball-EM, was sich im Nachhinein sogar als weise herausstellte. So hatte er mit dem Kader der Enttäuschenden und Enttäuschten am Ende nichts zu tun. Weise, wer vorher einschätzt, dass er keine Chance hat, mehr als einen alten Blumentopf zu gewinnen. Puh, Glück gehabt. Auch Angelique Kerber könnte zurzeit

wohl nur mehr verlieren als noch gewinnen. Aber wie gesagt, das ist irgendwie gemein von mir…
Noch nicht einmal Blech

Jetzt aber wirklich das letzte, quasi das allerletzte „Schade“: Mir tun jetzt schon die Sportlerinnen und Sportler leid, die haarscharf den Sprung aufs Treppchen verpassen. Die sind bei den Jubelrufen der anderen schnell vergessen. Ab Platz vier reicht es nicht einmal mehr für „Blech“ – nach der Bronzemedaille ist einfach Schluss. Weshalb man ja auch immer vom „undankbaren vierten Platz“ spricht. Ich bin ohnehin für eine Alternative: Neben den Medaillen für die drei ersten Sportlerinnen und Sportler würde ich ein internationales Ranking einführen. 100 Punkte für den ersten, 99 für den Zweiten und so weiter. Dann bekäme selbst die oder der 100. noch einen Punkt, käme zwar ohne Medaille, aber immer noch mit etwas Zählbarem nach Hause.

Medaillen und Wertungspunkte

Und da ich nicht alle Disziplinen übersehe und nicht ausschließen kann, dass es einmal mehr als 100 Starter geben sollte, könnte man auch gleich 1000 Punkte für den ersten, 999 für den Zweiten vergeben. Das aber sollte nun wirklich reichen. Denn dass mehr als 1000 Teilnehmer in einer Disziplin an den Start gehen, dürfte selbst bei Riesenevents wie den Olympischen Spielen ausgeschlossen sein.
Ach ja, und wenn wir schon mal beim Reformieren sind: Wenn jemand im – sagen wir mal – Einer mitrudert und später noch mal im Zweier, darf er die Punkte aus beiden Disziplinen dann natürlich addieren. Mal Gold, mal Silber, mal Platz 65, dann mal Platz 17… da kommt dann doch schon etwas zusammen. Vielleicht könnte man das sogar für alle Wettbewerbe einführen, an denen Athleten im Verlauf einer Saison teilnehmen. So eine Art Weltcup, bei dem aber – im Gegensatz zum Biathlon – dann natürlich auch die Punkte von den Olympischen Spielen mitgezählt werden. Aber mich fragt ja keiner. Deshalb wird es weiterhin nur drei Glückliche auf dem Treppchen geben. Für mich ist das irgendwie… schade. Genau!

Kein Neid – der Bessere soll gewinnen

Die Athletinnen und Athleten, die den Sprung aufs Treppchen haarscharf verpassen, tragen es nach außen hin meistens mit Fassung: „Dabei sein ist alles“, lautet oft die Standardantwort. Und dass sie, ganz klar, den Besseren den Sieg von Herzen gönnen. Das gehört schließlich auch irgendwie zum olympischen Codex.
Aber ist das wirklich so klar? Jede Athletin, jeder Athlet, gibt ihr bzw. sein Bestes, hat sich monatelang auf den Kampf um olympisches Edelmetall vorbereitet. Und da gibt es kein bisschen Neid, kein bisschen Eifersucht auf die, die vielleicht schon wieder besser waren? Vermutlich doch. Denn wer möchte nicht gewinnen? Lieber der Erste sein, statt sich mit einem undankbaren Verliererplatz zu begnügen. Das gilt doch in allen Belangen des Lebens. Warum dann ausgerechnet nicht bei olympischen Wettkämpfen? Weil da wirklich „Dabeisein ist alles“ als wesentliche Komponente zählt? Zumindest spendet diese Aussage eine Menge Trost.

Dabeisein ist wirklich alles

Höchste Zeit, an dieser Stelle endlich noch einmal den olympischen Gedanken, zumindest was die Spiele der Neuzeit anbelangt, zu aktualisieren: Wer sich im sportlichen Wettstreit miteinander misst, kann sich gar nicht aus dem Schützengraben gegenseitig beschießen, kann nicht “einen echten Krieg” gegen den anderen führen. Auch wenn es Situationen geben mag, in denen auch Sportlerinnen und Sportler gegeneinander kämpfen – es geht nicht um Leben und Tod. Es geht um Beziehungen, um das Miteinander, darum, von den anderen zu wissen, den anderen ein bisschen kennenzulernen. Das macht es leichter, ihn zu achten und zu respektieren. Das sorgt für Beziehungen, ja sogar für Freundschaften über die sportliche Rivalität hinweg. Ich weiß, das klingt jetzt sehr banal, aber trotzdem stimmt es: Wenn ich jemanden persönlich kenne, fällt es mir deutlich schwerer, ihn totzuschießen. Begegnung also als Hemmschwelle gegen Unmenschliches. Olympische Spiele sind also – wie oft das Kräftemessen im Sport – nicht nur etwas Verbindendes, ja sogar etwas Friedenstiftendes. Und tatsächlich ist dann das Ergebnis, die persönliche Platzierung zweitrangig. In diesem Sinne gilt nämlich tatsächlich: Dabeisein ist alles.

Trotzdem bleibt das Ziel: möglichst gewinnen

Und notfalls kann man seinen Trostreflex ja auch noch mithilfe niederer Instinkte füttern: dass unsere französischen Nachbarn beim ersten Fußballspiel der Olympischen Spiele von Mexiko soeben mit 4:1 heftig eins auf die Nase bekommen haben, lässt unserer eigenen Fußballkünstler vor ihrem Spiel gegen Brasilien irgendwie besser aussehen. Fair, wie wir sind, wünschen wir uns also: Möge der Bessere gewinnen. Und, natürlich, mögen am Ende „unsere Jungs“ die Besten sein. All unsere Männer und Frauen, egal in welchen olympischen Disziplinen. Alles andere würde zwar nicht dazu führen, dass sich unser Planet plötzlich nicht mehr weiterdreht. Aber irgendwie wäre es … na ja, Sie ahnen es schon: schade!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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