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45 Jahre BAP – Gott sei Dank! (16. Juli)

Im Juli 1977 ist es gewesen, dass ein Kunststudent und Gelegenheitsmusiker und zwei Kumpels die Bühne im Kölner Mariensaal enterten. Der Kunststudent machte sich innerhalb kürzester Zeit auch ohne seine Kollegen als Maler einen Namen. In der Kölner Musikszene allerdings war er zu diesem Zeitpunkt bereits als „Bob Dylan der Südstadt“

Rebus: Spitzname minus „p“ gleich Bandname

bekannt. Wolfgang Niedecken, so der bürgerliche Name des Kunststudenten, trug schon zu diesem Zeitpunkt einen merkwürdigen Spitznamen: Weil er seinen Vater, im Kölschen normalerweise „Papp“, in einem speziellen Kölner Plattdeutsch etwas weicher „Bapp“ nannte, wurde genau auch das zum Spitznamen des Musikers. Der sollte auch zum Namen der neugegründeten Band werden. Allerdings waren sich die Bandmitglieder schnell einig, dass der Namenszug auf der Bassdrum mit zwei „p“ ziemlich bescheuert aussähe. Also strich die Band ein „p“ weg – BAP waren geboren.
Wer nun rechnet und sagt: Hmmm, vom Juli 1977 bis jetzt sind es doch nur 44 Jahre… Stimmt! Allerdings hatte Niedecken mit wechselnder Besetzung bereits 1976 Musik gemacht. Wie es später hieß, traf man sich im Probenkeller, um „eine Kiste Bier leerzuproben“. Irgendwann 1976 also plus das ungefähre Datum des ersten Auftritts im Mariensaal macht nach Adam Riese und Daniel Schürmanns Rechenbuch zusammen: 45 Jahre BAP. Ob Niedecken das auch so sieht? Vielleicht.

Kölsch

Damals, in der Anfangsphase, fielen Niedecken und seine Männer vor allem durch die geschickte Kombination von kernigem Rock und intelligenten deutschen Texten auf. Wobei… deutsch? Was die Männer seit mittlerweile 45 Jahren zu Gehör bringen, basiert auf echtem Kölsch, geht aber manchmal darüber hinaus, so dass der Eindruck entsteht, in Wirklichkeit handele es sich um eine Kunstsprache mit kölschen Wurzeln. Aber vielleicht kommt das auch nur einem unwissenden Kölner so vor. Wie auch immer: Kölner wie Nichtkölner finden auf Niedeckens Webseite die Songtexte aller fast 300 Songs – im Original und in einer hochdeutschen Übersetzung. Danke schön dafür.

‘t iss net alles Driss

Als echter Kölner wurde Niedecken katholisch erzogen. Besonders der Vater war sehr religiös. Er war es auch, der den kleinen Wolfgang in ein katholisches Internat steckte – so hatten die Eltern Zeit für ihren kleinen Lebensmittelladen und Klein-Wolfgang war gut versorgt. Er habe eine sehr schöne Kindheit gehabt, meinte Niedecken später in Erinnerung an Zeltlager und Schlittschuhlaufen in freier Natur. Dass im Internat fehlende Vokabelkenntnisse mit schallenden Ohrfeigen bestraft wurden und

dass das Thema Missbrauch in katholischen Einrichtungen auch damals schon sehr real war, hat Niedecken am eigenen Leib erfahren. Etwas, was ihn in jungen Jahren prägte. Vielleicht ist er ja deshalb in seinen Songs immer auf der Suche nach Gerechtigkeit, singt gegen Gewalt und Rassismus an, überhaupt gegen alles, was den Menschen schadet. Und verbreitet trotzdem die Gewissheit, dass „nit alles Driss ess“, auch wenn es manchmal so aussieht.
Kritisch wegen eigener schlechter Erfahrungen?

Es ist schon verwunderlich, dass persönlich gemachte, schlechte Erfahrungen immer wieder zu einer Triebfeder im Kampf für Gerechtigkeit werden. Ob der mittlerweile 70jährige Musiker, der sich nach wie vor kein “X für E U” vormachen lässt, das unterschreiben würde? Er sei gut aus dem Internat herausgekommen, kommentiert Niedecken ziemlich gelassen eine mögliche Prägung in seiner Jugend. Dass er nach dem Wechsel zu einem „normalen Gymnasium“ sein Abitur nicht gebaut hat, mag etwas mit dem einmal geweckten Widerstand zu tun zu haben. Er sei eher eine Art Gasthörer gewesen, so Niedecken in etlichen Interviews. Dass er trotzdem ein Kunststudium aufnehmen konnte, ist dann doch schon etwas Besonders.

Kirchenaustritt

Apropos „herausgekommen“: Irgendwie „herausgekommen“ ist er dann auch aus der Katholischen Kirche. Der Umgang der so genannten Amtskirche mit Kirchenkritikern gefiel ihm überhaupt nicht, der Pflichtzölibat war ihm ein Dorn im Auge. Heute würde er möglicherweise die Stichworte „Missbrauch“, „Frauen in der Kirche“ und „Umgang mit gleichgeschlechtlichen Beziehungen“ als weitere Argumente einbringen. Aber trotz allem: Auch wenn er kein Kirchenmitglied mehr ist – Niedecken selbst bezeichnet sich immer noch als „restkatholisch“. Schließlich sei diese Haltung in seiner DNA grundgelegt.

Vegetarier

Schon lange ist er Vegetarier. Irgendwann habe er einen Bericht über Tiertransporte in Europa gesehen und dabei sei ihm endgültig der Appetit vergangen. Wie wir an vielen Stellen mit der Kreatur umgingen, widerspräche allem, was ihm und anderen als Kindern beigebracht worden sei, so seine Argumentation. Da ist sie wieder, diese „restkatholische Lebenshaltung“, die Schöpfungsverantwortung von uns Menschen fordert. Und eben eine Haltung. Haltung zu allem, was es in der Welt gibt. Niedecken hat sie. Zeugnis davon geben seine rund 300 Songs.

Wenn et Bedde sich lohne däät

Sogar über das Beten hat der musikalische Philosoph schon gesungen: „Wenn et Bedde sich lohne däät, wat meinste wohl, wat ich dann bedde däät“, textete Niedecken schon vor fast 40 Jahren. Vorsorglich die Übersetzung – man weiß ja nie: „Wenn das Beten sich lohnen täte, was meinst du, wofür ich dann alles beten täte“. Lange her? Vielleicht. Aber als Niedecken rund 25 Jahre nach diesem Song gleich ein ganzes Bündel voller Anfragen wegen dieses Stücks erhielt, war wahrscheinlich auch ihm klar, wie aktuell dieser Text nach wie vor ist. Nicht nur für die Bonner Schulklasse, die ihm geschrieben hatte.
„Meinen Sie, es sollte alles sofort durch göttliche Macht passieren, was wir uns ‚von oben’ wünschen? Das wäre doch ein bisschen viel verlangt“, meinte ein Zehntklässler damals kritisch. Und eine Mitschülerin schrieb: „Was mir noch aufgefallen ist, ist dein direkter Anruf von Gott. Du redest zu ihm und offenbarst dadurch, dass du möglicherweise gottgläubig bist und das Beten auch im Zusammenhang mit Gott siehst.“

Nicht nur auf der großen Bühne

Zugegeben: Ich wüsste gern, was BAP-Chef Niedecken den Schülerinnen und Schülern geantwortet hat. Dass er ihnen geantwortet hat – davon bin ich überzeugt. Denn Niedecken ist keiner, der nur „den großen Medien“ Interviews gibt. Kurz vor seinem 70. Geburtstag hat er ja sogar den Verfassern des Pfarrbriefs einer katholischen Kirchengemeinde Rede und Antwort gestanden. Dass dies ausgerechnet die Pfarrei war, in dem sich auch das Internat aus Niedeckens Jugendzeit befand – wahrscheinlich nur Zufall.

Denen eine Stimme geben, die nicht gehört werden

Bleiben wir noch einen Moment beim Beten: Zu beten heißt genaugenommen, mit Gott in Kontakt zu sein und sich auch mit ihm auseinanderzusetzen. Auch mal mit ihm böse ins Gericht zu gehen, zu schimpfen, sich zu beschweren, wie Hiob das schon im Alten Testament getan hat. Aber Hauptsache in Kontakt zu bleiben. Es scheint so, als habe Niedecken genau dies auch in 45 Jahren BAP immer wieder getan – vielleicht auch oft, ohne es zu merken. Aber seine Lieder für den Atomausstieg, gegen Nazis in Deutschland, gegen die atomare Abrüstung und immer auf der Seite der so genannten kleinen Leute – das alles zeigt seine Liebe zu den Menschen, auch und gerade zu denen, die ansonsten keine Stimme haben und die nicht gehört werden. Hinter einem wie Wolfang Niedecken können sie sich versammeln, so wie damals, an jenem legendären „Zehnten Juni“. Wenn Sie nicht wissen, was gemeint ist: Hören Sie sich einmal die Anmoderation zum gleichnamigen Song auf dem BAP-Live-Album „Bess demnähx“ an – spätestens dann verstehen sie es.

Der Vater ist immer dabei

Von den bislang 23 BAP-Alben schafften es zwölf Alben auf Platz 1 der deutschen Charts – genauso viele wie von den Beatles, wenngleich die auch weniger Alben dazu brauchten als die Kölner. Aber immerhin: ein Rekord, den BAP demnächst einstellen dürften. Alles nur noch eine Frage der Zeit.
Ironie der Geschichte: Mit jeder Veröffentlichung hat Niedecken seinen Vater buchstäblich vor den Augen – auch wenn der auf den Platten- bzw. CD-Covern nur mit einem „p“ erscheint. Es scheine so, als reiche man sich über alles, was zwischen Vater und Sohn stand, nun doch immer wieder die Hände, so Niedecken. Und bestätigt damit ungewollt: Ein bisschen „restkatholisch“ ist er mit dieser Denke tatsächlich noch.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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