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Mensch ärgere dich nicht oder Freddie Mercury und Queen? (28. Juli)

Winterzeit – Spielezeit, heißt es immer so schön. Das trifft auch auf uns und unsere Clique zu. Aber wir nutzen auch die lauen Sommerabende, um Gesellschaftsspiele zu spielen. Gestern zum Beispiel: nach Corona bedingt längerer Zeit wieder einmal „Mensch ärgere dich nicht“.
Der Name ist ja alles andere als Programm: Wer bei „Mensch ärgere dich nicht“ NICHT versucht, die Mitspieler zu ärgern, und wer sich über die kleinen Attacken der Mitspieler NICHT selbst ärgert, hat den Sinn des Spiels irgendwie NICHT verstanden. Zumindest sollte man sich so sehr ärgern wie der griesgrämig dreinschauende Kerl auf dem knatschroten Pappdeckel des Spiels. Wie der guckt, geht der grundsätzlich zum Lachen in den Keller. Das genaue Gegenteil des Spielenamens.

Wer knapp davor ist, hat noch lange nicht gewonnen

Es ist schon erstaunlich, dass dieses Spiel ein Welterfolg wurde. Ein Spielbrett mit 40 Kreisen, Mitspieler, die würfeln, was das Zeug hält, die schnell ziehen, noch schneller erkannt haben, wer mit der gewürfelten Augenzahl rausgekegelt werden kann – um dann mit einem schadenfrohen und mitleidslosen Grinsen das Püppchen des Gegenspielers vom Brett zu nehmen. Wer als erster alle seine Figuren im „Stall“ hat, hat gewonnen. Wer knapp davor ist, hat noch lange nicht gewonnen.

Trotz 35 Pfennigen Kaufpreis ein Ladenhüter

Hank, in unserer Clique der Mann, der einfach immer alles weiß, spulte auch gestern Abend die Hintergrundinfos zum Spiel herunter. Aus einer Hutschachtel und groben, selbstgeschnitzten Figuren bastelte Josef Friedrich Schmidt so um 1908 den Prototypen für seine drei Kinder, seine Frau und sich selbst. Der Spaß war unglaublich. Konsequent beschloss Schmidt, das Spiel zu vermarkten, ließ eine Kleinserie herstellen. Doch kein Spielehersteller biss an. Also versuchte es Schmidt komplett auf eigene Rechnung. Wiederum ohne Erfolg. Schließlich schrieb man das Jahr 1914: Kriegsbeginn, da hatten die Menschen andere Dinge im Kopf, als sich die Zeit mit einem Brettspiel zu vertreiben. Und 35 Pfennige, so der Kaufpreis, scheinen heute eine Kleinigkeit zu sein, waren aber damals angesichts der Umstände doch eine ganze Menge Geld. Immerhin konnte man für dieselbe Summe auch ein Pfund Zucker kaufen – und der erschien den Menschen wichtiger zu sein als ein Spiel für den Zeitvertreib. Wie das eben in schwierigen Zeiten so ist…

Vom Lazarett in die Wohnstuben

Und wie Hank eben so ist: Er kennt immer mehrere Varianten einer Geschichte. Eine besagt, dass Schmidt schlagartig auf 3000 Ladenhütern saß und aus der Not eine Tugend machte. Eine andere, dass er nun erst ganz gezielt 3000 Exemplare des Spiels produzieren ließ. Das Ergebnis ist dasselbe: Schmidt verschenkte 3000 Exemplare seines „Mensch ärgere dich nicht“ an die Lazarette für Frontsoldaten. Die Verletzten hatten eh Zeit genug, wussten nicht, womit sie sich die Zeit vertreiben sollten. „Mensch ärgere dich nicht“ war da eine willkommene Abwechslung. Und irgendwie wundert es nicht, dass das Spiel – Hank wird in solchen Momenten immer ziemlich pathetisch – „seinen Weg von den Lazaretten bei den Schützengräben“ seinen Weg in die Wohnstuben fand: Was im Lazarett so viel Ablenkung und Freude bereitete, musste man doch unbedingt, kaum wieder zu Hause, auch mit der eigenen Familie spielen. Und so ging Schmidts „Mensch ärgere dich nicht“ plötzlich über den Ladentisch wie warme Semmeln.

Bald zehn Millionen verkaufter Exemplare

Schon knapp zwei Jahre nach dem Krieg war die erste Million Exemplare dieses Spiels verkauft. Und ist bis heute ein Kassenschlager. Irgendwann in naher Zukunft wird das Brettspiel wohl die Marke von zehn Millionen verkauften Exemplare knacken. Dass es schon lange ein Kartenspiel gibt, das die ursprüngliche Spielidee nachempfindet, natürlich auch längst

eine App, die zu den meist geladenen Spieleapps gehört, – überraschend ist das nicht. Eher schon, dass sich das alte Brettspiel immer noch rund 400.000 Mal pro Jahr verkauft. Jeder kennt „Mensch ärgere dich nicht“ oder zumindest eine seiner zahlreichen Varianten. Wobei Pachisi, ein uraltes indisches Spiel, zwar eine Variante der Spielidee darstellt, aber wohl älter ist als Schmidts Spiel, dem Familienvater möglicherweise sogar als Vorlage gedient haben mag. Ich sag’s ja: Hank weiß einfach alles.
Meisterschaften und Rekorde

Auch, dass es jährliche deutsche Meisterschaften, ja sogar alle zwei Jahre Weltmeisterschaften im „Mensch ärgere dich nicht“-Spiel gibt, dass es schon rund 35 Stunden am Stück unter Wasser gespielt wurde und dass der Rekord im „Mensch ärgere dich nicht“-Dauerspielen bei über 200 Stunden liegen soll. Und dass die Spielfiguren wirklich offiziell Pöppel heißen…
Zugegeben: Gestern war mir das alles egal. Denn ich habe mal wieder nichts wie verloren. Und habe mich maßlos geärgert. Kurz bevor ich meine letzte Figur mit einem letzten Würfeln in den Stall bringen konnte, kegelte Hank mich raus. Mensch ärgere dich nicht? Welch ein Hohn!

Pädagogisch wertvoll

Am eigenen Leib habe ich mal wieder erfahren: Sich nicht zu ärgern, wenn die eigenen Püppchen kurz vor dem Ziel vom Feld gekegelt werden, ist gar nicht so leicht. Vielleicht ist „Mensch ärgere dich nicht“ gerade deshalb ein so unglaublich pädagogisch wichtiges Spiel, besonders für Kinder. Die müssen erst einmal lernen, dass man auch mal Verlierer sein kann. Und Erwachsenen geht‘s oft nicht besser. Im Spiel und im richtigen Leben. Man müht sich, alles sieht nach einem Erfolg aus – und in letzter Sekunde kommt etwas dazwischen. Am liebsten würde man mit der Faust auf den Tisch knallen, dass die Puppen nur so tanzen.

Gelassenheit und Gottvertrauen

Wie anders war da doch damals Josef Friedrich Schmidt: Er bewies Gottvertrauen und Eigeninitiative und blieb gelassen. Irgendeine Idee wird man schon haben. Irgendwie wird es schon weitergehen. Oder wie Hank es gestern noch formulierte: Um das Ende eines Weges zu sehen, muss man ihn erst einmal gehen. Manchmal eben auch durch Widrigkeiten, durch Lazarette und Schützengräben. Auf diese Weise ist Josef Friedrich Schmidt sogar mehrfacher Millionär geworden. Und Schmidt-Spiele ein Unternehmen, das lange über den Tod seines Gründers hinaus mit über 1000 Spielen im Angebot überaus erfolgreich ist.

Heute Abend spielen wir wieder. Dieses Mal Monopoly. Ich habe vor ein paar Jahren die Fan-Edition mit Queen und Freddie Mercury gekauft. Da gewinne immer ich. Und falls mal nicht, ist das auch nicht so schlimm. Schließlich habe ich durch gestern Abend etwas gelernt: Mensch ärgere dich nicht!

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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