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Existentielle Erfahrung: Blind über 2000 Kilometer zu Fuß unterwegs (17. August)

Mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs in der Natur – etwas Schöneres gibt es kaum. Mehr oder weniger langsam unterwegs entstehen viel intensivere Eindrücke von Formen und Farben, entstehen quasi bei jedem Schritt neue Perspektiven. Außer wenn man blind ist. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Insofern war es für mich eine große Überraschung, als ich vor zwei Jahren las: Siggi Kroning, Julia Baumgardt, Mutter und Tochter, die eine blind, die andere stark sehbehindert wandern vom hessischen Rosenthal bei Marburg aus bis nach Sizilien. Zu Fuß! Unglaublich? Vielleicht. Aber wahr.

Unterwegs sein

2100 Kilometer wollten die beiden auf Schusters Rappen zurücklegen. Und dabei genau die Erfahrungen machen, die jeder macht, der sich die Zeit dazu nimmt: Beim Wandern kommst du zur Ruhe, kannst die Gedanken fliegen lassen, auch über dich selbst nachdenken. Und entdeckst dabei manchmal Seiten an dir, von denen du gar nicht gewusst hast, dass es sie bei dir gibt. Wer dann noch bereit ist, über das eigene Ich hinauszugehen, macht aus dem Wandern schnell ein Pilgern. HaPe Kerkeling lässt grüßen: „Ich bin dann mal weg“ schildert eindrücklich seine Erlebnisse auf seiner Pilgerwanderung nach Santiago de Compostela. Dem Ort im äußersten Nordwesten Spaniens, zu dem seit Jahrhunderten Millionen von Menschen gepilgert sind. Einerseits, um am Zielort die vermuteten Gebeine des heiligen Jakobus zu erreichen. Andererseits auf der Suche nach sich selbst.

Mehr als man für Geld kaufen kann

Aber es muss nicht immer Santiago de Compostela sein. Wer sein Herz an einen anderen Ort verloren hat, pilgert oder wandert eben dorthin. So wie Siggi Kroning und Julia Baumgardt, die nach Sizilien kommen wollten. Und, um das vorweg zu nehmen, ihr Ziel auch erreicht haben. Das Eine oder Andere konnte zumindest die stark sehbehinderte Julia Baumgart sehen – das Meer zum Beispiel, wie es plötzlich vor ihnen lag und in der Sonne glänzte. Aber auch Siggi Kroning machte tiefgehende Erfahrungen: Düfte, Gerüche und Geräusche – wenn einer der Sinne versagt, nehmen die anderen das Umfeld umso intensiver wahr, sagt man. Siggi Kroning freute sich zudem über freundliche, hilfsbereite Menschen – mehr als man für Geld kaufen kann.

Spendenlauf

Apropos Geld: Von vornherein hatten die beiden mit einem festen Budget geplant. Mit dem wollten sie unbedingt auskommen. Klar war aber auch: Sollten sie dieses Budget nicht ausschöpfen, würde das Restgeld an die Frühförderung für sehbehinderte und blinde Kinder gehen. Die Blista, eine Schul- und Fördereinrichtung in Marburg und damit vor der Haustür der beiden, konnte sich später über einen Scheck in Höhe von 4500 € freuen. Zum Plan gehörte, dass die beiden Frauen mit Handicap möglicherweise bei hilfsbereiten Mitbürgern kostenlos übernachten wollten, um so Geld zu sparen. Die Hilfsbereitschaft war groß – so groß, dass die beiden auch Spenden vereinnahmen konnten.

Klopfet an – Win-win-Situation

Von Durchschnorren allerdings kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Wer den beiden Tür und Tor öffnete und einen Platz zum Schlafen anbot, hatte auch etwas davon. Denn er erfuhr hautnah etwas vom Mut der beiden Frauen, von dem kleinen Schuss Verrücktheit in ihrem Leben. Wenn Mutter und Tochter über ihre Erlebnisse von unterwegs berichteten, öffnete sich auch für die Gastgeber eine neue Welt der Wahrnehmung. Und manch einer kam auf den einen oder anderen Gedanken, der ihn selbst bereicherte. Schon merkwürdig: dass das biblische „Klopfet an, so wird euch aufgetan“ nicht einseitig ist, sondern eine Win-win-Situation ist, habe ich bislang nicht so gesehen. Insofern haben mich die beiden auf den ersten Blick verrückt anmutenden Wandervögel schon aus der Ferne weitergebracht.

Walking Blinds

Stichwort Wandervögel: Den Projektnamen „Walking Blinds“ haben sich die beiden selbst verpasst. Und liegen sowohl mit diesem Namen, wie auch ihrer Unternehmung voll auf der Lebenslinie des Philosophen Erasmus von Rotterdam. Dem wird im 14. oder 15. Jahrhundert der Aphorismus nachgesagt: „Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“ Na also!

Nicht alles problemlos

Allerdings muss auch angemerkt werden: Nicht alles lief so, wie die beiden es geplant und sich erhofft hatten. Schon am ersten Tag gab es Probleme mit der Handy-App, was die beiden Frauen allerdings erst bemerkten, als sie einen falschen Zielort ansteuerten. Und ebenfalls am ersten Tag trat Julia Baumgardt in ein Schlagloch – glücklicherweise ohne zu stürzen

oder sich ernsthaft zu verletzen.
Bereits in Italien angekommen wurden die beiden Zeugen gleich zweier schwerer Unfälle: In einem Fall raste ein Motorrollerfahrer auf einem Zebrastreifen in eine Mutter mit ihren zwei Kindern, wobei wohl ein Kind mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus kam. Details konnten die „Walking Blinds“ nicht erkennen. Vielleicht auch besser so. Aber die Schreie des Entsetzens setzten sich in ihren Hirnwindungen fest.
Italien und der Verkehr

Ohnehin wurde es in Italien schwierig für die beiden Frauen. Ohne Stock und ohne Blindenhund, lediglich mit der gelben Binde mit den drei schwarzen Punkten am Ärmel, war der Verkehr in Italien eine größere Hürde als in Deutschland. Und vor allem weitaus gefahrvoller. Zudem standen die Frauen trotz guter Wegeplanung immer wieder vor eingezäuntem Privatbesitz, der einen Durchgang unmöglich machte. Immer wieder zurückgehen zu müssen, um eine alternative Route zu finden, war nicht nur körperlich ermüdend, sondern zehrte auch am seelischen Korsett. Möglichkeiten zum kostenlosen Übernachten gab es keine mehr – im Gegenteil:

Abzocke im Hotel

Obwohl sie von zu Hause aus die Kosten für ein vorab gebuchtes Hotel bezahlt hatten, bat man sie dort ein zweites Mal zur Kasse. Der Hoteleigentümer meinte wohl, die beiden blinden Frauen bequem abzocken zu können.
Und weil sich die beiden auf der Suche nach Geldautomaten schwertaten, marschierte der Barbestand in der Geldbörse irgendwann mit großen Schritten Richtung Null.
Als Mutter und Tochter dann noch beinahe von einem Taxi umgemäht wurden, stand der Entschluss fest: Für die restlichen Etappen geht es statt zu Fuß mit dem Zug weiter. „Wir hatten viele Schutzengel, aber man muss es nicht weiter herausfordern“, kommentierte Julia Baumgardt diesen Entschluss später. Sie hätte auch sagen können: Ein Schuss Verrücktheit ist in Ordnung. Aber sein Leben zu riskieren, geht zu weit. An ihr Ziel gekommen sind sie trotzdem. Und haben von Sizilien aus das Meer gesehen und gespürt.

Dem Schicksal die Rote Karte gezeigt

Was wohl unvergessen bleibt und was, zugegeben, auch mich am meisten beeindruckt: Die beiden Frauen zeigten dem Schicksal die rote Karte, ließen sich nicht von einem selbstbestimmten Leben abhalten, auch wenn sie stark gehandicapt sind. Und mehr oder weniger nur hell von dunkel unterscheiden zu können, ist ein schweres Handicap. Vor allem, wenn man 2100 zu Fuß unterwegs sein will – und das auf sich alleingestellt. Chapeau!

Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?

Das Motto ihrer großen Wanderung „Lass dich nicht von deiner Behinderung behindern!“ hat Vorbildcharakter, übrigens nicht nur für die Menschen, die man immer beim Stichwort „Menschen mit Behinderungen“ im Blick hat. Sind wir nicht alle „behindert“, sprich: haben unsere Grenzen? Erlebt nicht jeder Mensch Beschränkungen, die ihn aufhalten, vor denen er glaubt, kapitulieren zu müssen? Sich nicht zu schnell ausbremsen zu lassen, seine persönlichen Grenzen auszudehnen oder dies zumindest zu versuchen – das ist das, was den „Walking Blinds“ gelungen ist.
Sie haben gezeigt, dass man allen Widrigkeiten zum Trotz sein Ziel erreichen kann – auch, wenn man gelegentlich dafür Wege gehen muss, die man in dieser Form nicht eingeplant hatte. Und genau damit werden sie zum Vorbild für alle: für Menschen mit Behinderungen und auch für die Menschen, die gemeinhin als „Menschen ohne Behinderung“ gelten.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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