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Vergessener Gedenktag für Opfer von Diktaturen (23. August)

Nichtrauchertag, Kindertag, Tag des weltweiten Lachens – jeder Tag belegt irgendeine Organisation mit irgendeinem Attribut, an jedem Tag können wir irgendein Ereignis feiern. Manches scheint sinnvoll, Manches fragwürdig. Und Manches irgendwie ein wenig aus der Mode gekommen. So wie der heutige Gedenktag. Und das liegt nicht nur an seinem sperrigen Namen. Denn offiziell heißt dieser Gedenktag „Europäischer Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“. Klingt danach, als ob er irgendwie kurz nach dem zweiten Weltkrieg eingeführt worden wäre – und der ist Gott-sei-Dank schon seit bald 90 Jahren beendet. Tatsächlich aber gibt es diesen Gedenktag erst seit 2009. Und seitdem wird er immer am 23. August begangen. Wobei „begangen“ ein großes Wort ist. Bei uns in Deutschland, aber auch im sonstigen Westeuropa wird dieser Tag vielleicht gerade noch erwähnt. Im Grunde ist er ein zwar noch junger, aber letztlich schon wieder vergessener Gedenktag.

Bewusst am Jahrestag des Hitler-Stalin-Pakts

Dass dieser Tag ausgerechnet am 23. August eines jeden Jahres gefeiert wird, ist, wie meistens bei diesen derartigen Gedenktagen, kein Zufall. Am 29. August 1939 unterzeichneten der damalige Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetisches Pendant Wjatscheslaw Molotow einen Nichtangriffspakt. Historiker benennen ihn entweder nach den beiden Unterzeichnern Molotow-Ribbentrop-Pakt oder aber nach den beiden Staatschefs im Hintergrund Hitler-Stalin-Pakt. Verkürzt bedeutete dieser Vertrag:

Aufteilung Osteuropas

Wenn Deutschland Polen angreife, würde sich die Sowjetunion neutral verhalten. Polen würden sich die beiden Großmächte untereinander aufteilen; einer Besetzung Litauens werde sich die Sowjetunion nicht in den Weg stellen. Im Gegenzug würde Deutschland die sowjetische Vereinnahmung von Finnland, Estland, Lettland sowie des östlichen Teiles Polens akzeptierten. So teilten die beiden Großmächte nicht nur die Länder zwischen ihren Staatsgrenzen untereinander auf. De facto öffneten sie mit diesem Vertrag dem Zweiten Weltkrieg die Türen.

Wurzel des Terrors

Der „Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ kennzeichnet bewusst den Hitler-Stalin-Pakt als Wurzel von Unrecht und Gräueltaten in Europa: In Osteuropa begann mit diesem Pakt eine bis zur Auflösung der Sowjetunion 1991 anhaltende Terrorgeschichte ungekannten Ausmaßes, die in nahezu jeder Familie der besetzten Länder Opfer forderte. In Deutschland war der Pakt auch der Beginn der planmäßigen Verfolgung und Ermordung von Millionen von Juden.

Havel und Gauck

Konsequent soll der „Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ an die Opfer von Staatsterror und Massenmord durch die beiden damaligen Diktaturen erinnern. Die Anregung zu diesem Tag ging von Menschen baltischer Staaten aus, die gerade noch rechtzeitig dem Terror der beiden Staaten entfliehen konnten. 2008 unterzeichneten ehemalige politische Häftlinge, Historiker und Politiker die sogenannte „Prager Erklärung“, die einen Gedenktag für die Opfer

verbrecherischer diktatorischer Regime in Europa anregte. Mitunterzeichner waren der damalige tschechische Staatspräsident Václav Havel und das deutsche Staatsoberhaupt Bundespräsident Joachim Gauck. Ein Jahr später erfolgte eine Einführung dieses Tags auf europäischer Ebene.
Kritische Würdigung

Bis heute ist die Kritik an diesem Tag nicht verstummt. Kritiker sehen die Gefahr, dass die unterschiedlichen Intentionen der beiden damaligen Diktaturen verschwimmen, was vor allem den Opfern des Holocaust nicht gerecht würde. Andererseits sehen Kritiker die Tendenz, alle staatlichen Gräueltaten in Europa mit einem einzigen Gedenktag, quasi in einem Abwasch, abzuhandeln, als problematisch an: Das Leid der Osteuropäer werde dabei nicht genügend gewürdigt.
Vielleicht sind gerade diese beiden widersprüchlichen Positionen einer der Gründe dafür, dass der „Europäische Tag des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ bei uns kaum Beachtung findet: aus lauter Angst, von der einen oder der anderen Seite kritisch beurteilt zu werden. Übrigens: Zwar kehren Deutschland, Großbritannien und Frankreich diesen Tag mehr oder weniger „unter den Tisch“. Schweden, viele kleinere Staaten Osteuropas sowie im Süden Europas fixieren diesen Tag als wichtig und vielbeachtet in ihren Terminkalendern.

Erinnerungskultur

Stalinismus und Nationalsozialismus haben sich, abgesehen von ein paar Ewig-Gestrigen, überlebt, sollte man meinen. Stimmt aber nicht so ganz. Gerade die seit 2015 anhaltende Diskussion über Flüchtlinge lässt rechte, menschenverachtende Positionen auch bei uns im Land, aber auch überall auf der Welt wieder aufflammen. Unter dem Deckmäntelchen „wir zuerst“ werden andere, auch wenn sie sich in Not befinden, auf die hinteren Plätze verwiesen. Oftmals damit auch auf die Plätze, wo es zum Leben nicht mehr reicht. Erst recht nicht zu einem Leben, dass sich alle Unterzeichnerstaaten der Charta für Menschenrechte auf die Fahnen geschrieben haben: ein Leben in Frieden und Freiheit nämlich.
Da ist es ganz sinnvoll, einen Moment innezuhalten und an die Opfer von Massendeportation und Massenvernichtung zu erinnern. Denn das kann und soll dazu beitragen, die „Demokratie zu stärken sowie Frieden und Stabilität auf unserem Kontinent zu fördern“, so die Begründung für diesen Tag. Damit Vertreibung und Verfolgung von Menschen zumindest bei uns im Land nicht wieder vorkommen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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