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Optische Täuschungen – was ist Wahrheit? (22. August)

Ich liebe optische Täuschungen. Bilder, die einen an die Grenzen des Sehbaren führen. Bilder, die mich gefangen nehmen, weil mein Verstand sie nicht so sehen kann, wie ich es gerne möchte. Die bekannteste dieser optischen Täuschungen kennen Sie wahrscheinlich auch: die Zeichnung von einer Frau. Je nachdem, wie ich auf das Blatt Papier schaue, handelt es sich entweder um eine junge Schönheit oder um eine alte Hexe. Einfach nur großartig. Vexierbild nennen das die Experten: ein Bild, in das gleich mehrere Figuren oder Darstellungen eingezeichnet sind, wobei man aber meistens nur eine auf den ersten Blick erkennt. Und hat sich das Gehirn einmal auf eine der möglichen verschiedenen Darstellungen eingeschossen, ist es kaum noch in der Lage, sich von dieser Wahrnehmung zu lösen und die andere Seite des Gezeichneten zu erkennen. Also: Wer auf den ersten Blick die alte Hexe sieht, hat es schwer, im selben Bild die junge Schönheit zu entdecken.

Hexe oder junge Frau, Ente oder Hase

Ganz ähnlich funktioniert das in der einfachen Zeichnung von der Ente: Schaut man ein wenig anders auf dieses Blatt, dann wird aus der Ente ein Hase. Und bei den zwei Personen, die sich direkt in die Augen schauen, erkennt man klar und deutlich links eine Frau mit langem weißem Haar, rechts einen Mann mit Schnauzbart und Glatze. Wer die beiden tatsächlich erkennt, dem fällt es schon schwerer festzustellen, dass der Raum zwischen den beiden Gesichtern die Form einen bis ins Detail dargestellten Kelches besitzt. Oder meinetwegen auch die Form einer Blumenvase.

Googlen Sie mal. Es gibt Tausende solcher Darstellungen im Internet: Vierecke, die gleichgroß sind, aber unterschiedlich groß wirken; Kreise, die zu pulsieren scheinen, obwohl sie mit Stift und Farbe auf ein Blatt Papier gezeichnet sind und gar nicht pulsieren können; Bilder, die Sie nur beim Blick auf eine weiße Wand sehen, wenn Sie vorher ganz konzentriert auf irgendein unauflösliches Durcheinander von gezeichneten Linien und Konturen gestarrt haben. Ja, das geht weit über Vexierbilder hinaus, hat aber ähnliche Hintergründe.

Eine Frage des Blickwinkels

Das Faszinierende an der ganzen Sache: Obwohl ich mal Hexe oder Schönheit, mal Ente oder Hase, mal Gesichter oder Kelch entdecke, ändert sich das, was da gemalt oder gezeichnet ist, kein bisschen. Was sich ändert, ist meine persönliche Wahrnehmung. Das, was mein Hirn von dem, was nun einmal als unveränderliche Zeichnung existiert, wahrnimmt. Und diese Wahrnehmung hängt von meinem persönlichen Blickwinkel, von meiner individuellen Perspektive ab, mit der ich auf die Zeichnung schaue. Für mich einfach nur faszinierend, was mein Gehirn da mit mir anstellt.

Jetzt sehe ich es auch

Mit Schülerinnen und Schülern habe ich mir oft und gerne optische Täuschungen angeschaut. Und ich gebe zu: Wenn dann eine Schülerin nur die alte Frau, ein Schüler nur die junge Frau sehen konnten, dann war das für mich das Beste, was in meinem Unterricht passieren konnte. Wie sie sich abmühten, sich gegenseitig zu erklären, was sie sahen. Warum konnte der andere das nicht sehen? Es war doch eindeutig da! Dabei hat das nichts mit Dummheit zu tun, nichts mit Unfähigkeit. Eben nur damit, ob es gelingt, den persönlichen Blickwinkel zu verändern, eine einmal erfasste Situation auch anders wahrzunehmen.
Und dann der erlösende Aufschrei: „Jetzt sehe ich es auch!“ Ganz ehrlich: Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, plötzlich Dinge zu sehen, die man die ganze

Zeit über nicht wahrgenommen hat.
Was sind Wirklichkeit und Wahrheit?

Meinen Schülerinnen und Schülern haben diese optischen Täuschungen geholfen. Geholfen bei der Frage: Wirklichkeit und Wahrheit – was ist das eigentlich? Da sehen zwei dieselbe Wirklichkeit, aber erkennen doch etwas völlig anderes. Unbegreiflich? Nein, menschlich!
Hinzu kommt: Wenn man einmal eine Sichtweise als real, als wirklich, als wahr erkannt hat, fällt es umso schwerer, eine andere Sichtweise einzunehmen. Eine, die auch real, wirklich und wahr ist. Wunderbar ablesbar an der alten Hexe, die, einmal wahrgenommen, den Blick für die junge Schönheit verstellt.

Mehrere gleichberechtigte Wahrheiten

Bei intelligenten, jungen Menschen kam das Schwierigste aber erst danach: Nämlich zu akzeptieren, dass es auch jenseits meiner Taschenspielertricks Dinge und Wirklichkeiten gibt, die sich der Wahrnehmung auf den ersten Blick entziehen. „Im richtigen Leben also“, wie ich gerne sage. Dass ein und derselbe Verkehrsunfall von einem angefahrenen Radfahrer, einer jungen Mutter, die in einigen Metern Entfernung ihren Kinderwagen daherschob, und einem Autofahrer, der sich nicht erklären kann, wo das Fahrrad so plötzlich herkam, ganz unterschiedlich wahrgenommen und dementsprechend unterschiedlich zu Protokoll gegeben wird, war schnell nachvollzogen.

Komplexe Wirklichkeiten

Aber wie ist das bei politischen Aktionen, militärischen Auseinandersetzungen oder selbst banal anmutenden Nachbarschaftsstreitigkeiten? Ist es da immer richtig, blitzschnell eine Seite als die böse zu identifizieren? Oder gibt es nicht auch da möglicherweise eine andere Sichtweise, die ebenfalls ihre Berechtigung hat? Weil sie einfach auch eine Möglichkeit der Wahrheit ist? Wahrheit als subjektive Wahrnehmung? Ja, was denn sonst?
Ein gewaltiger Erkenntnisgewinn ist es, wenn man für sich selbst akzeptieren kann: Die Welt ist nicht ganz so einfach, wie wir sie gerne hätten. Erst recht nicht so einfach, wie wir sie uns oft machen, um überhaupt mit ihr umgehen zu können. Diese Erkenntnis dann auch noch bei seinen persönlichen Handlungen zu berücksichtigen – das ist wohl höchste Lebenskunst.

Offen sein für mehrere Wahrheiten

Keine Frage: Ich habe die Weisheit nicht mit dem Schaumlöffel gefressen, wie man so sagt. Trotz meiner festen Überzeugung, dass es bezüglich einer einzigen Sache immer zwei, wenn nicht gar viele Wirklichkeiten gibt, fällt es mir schwer, von einer einmal gefundenen, vielleicht sogar liebgewonnenen Wahrnehmung Abstand zu nehmen und eine neue, andere zu sehen. Zumindest zu akzeptieren, dass es sie gibt, auch wenn meine kleine Wahrheit eine andere ist. Und dass es viele andere Sichtweisen geben könnte. Aber zumindest bemühe ich mich darum, auch wenn es, wie gesagt, schwerfällt. Schließlich könnte es ja sein, dass ich – im übertragenen Sinne – statt des Bildes der alten Hexe tatsächlich auch das einer jungen Schönheit entdecke. Und irgendwie wäre es schade, wenn ich mir diese Möglichkeit mit einer fetten Portion Engstirnigkeit und Ignoranz verbauen würde.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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