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Wir schaffen das – auch angesichts der Entwicklungen in Afghanistan (20. August)

Die aktuellen Bilder aus Afghanistan sind schrecklich. Auch wenn man aus den Sozialen Medien und dem Fernsehen viel gewohnt ist – was dort jetzt zu sehen ist, ist echt. Ist kein Krimi, bei dem man weiß: alles nur gespielt, alles nur Fiktion. Was jetzt in Afghanistan geschieht, ist bittere Realität. Deshalb bitter, weil es um Menschenleben geht. Die Freiheit wird am Hindukusch verteidigt? Dass es dann mit unserer Freiheit nicht allzu viel her sein kann, ist das Gefühl, das sich aufdrängt. Zumindest wenn man bedenkt,

Schwere Niederlage des Westens

wie die Taliban einst gewütet haben. Nicht nur die Fanatiker des IS haben Bildnisse gesprengt, die ihrer Meinung nach eine falsche Religionsauffassung verkörperten. Selten, dass der Westen so eine bittere Niederlage in Sachen Kultur und modernem Lebensstil einstecken musste. Fatalerweise musste er nicht nur die Waffen strecken, wie es so schön heißt. Genau die Waffen, die den Westen stark machten, sind jetzt in der Hand derjenigen, die man eigentlich damit bekämpfen wollte. Dass die Taliban damit überhaupt nicht umgehen können, heißt ein Ammenmärchen, das jetzt die Runde machen und beruhigen soll. Bis wir morgen oder übermorgen erfahren, dass dieselben Militärs, die vor der „Mopedbande“, wie jemand bei uns kommentierte, davongelaufen sind, nun genau dort einen „festen Job“ antreten. Die gesamte Diskussion ist müßig. Zumindest im Moment.

Abwarten

Nachdem der Westen das „Spielfeld“ geräumt, seine Optionen im Land aufgegeben hat und nun von außen auf das Land blickt, bleibt erst einmal nur eins: abwarten und zusehen, wer die heutigen Taliban sind. Noch ist zu wenig darüber bekannt, wie ihre Politik aussieht, welche Spielräume den Menschen im nun von den Besatzern befreiten Land erhalten bleiben. Dabei stets zu sagen, „Aber damals haben die Taliban…“, mag ein Zeichen der Ungeduld sein, auch ein Zeichen böser Vorahnungen. Fakt ist aber, dass die Vergangenheit selten deckungsgleich mit der Gegenwart ist. Dass die Taliban Selfies mit Bürgern machen, hätte vor über 20 Jahren ihrer Ideologie widersprochen. Dass sie ein Gesellschaftssystem einführen werden, das den Frauen Gleichberechtigung und die Freiheiten der Männer entzieht, scheint vorprogrammiert. Dennoch gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass auch die Taliban dazugelernt hätten. Dass sie schon lange Schulen erlauben, in denen Mädchen dieselbe Bildung erhalten wie Jungen; dass sie genau wissen, dass es ohne eine adäquate Frauenbildung nie Ärztinnen geben wird.

Vakuum wird gefüllt

Um nicht falsch verstanden zu werden: Mir gefällt unser Gesellschaftssystem deutlich besser, ja, ich glaube sogar, dass dort noch Einiges zu verbessern ist, gerade was Frauenrechte anbelangt. Aber der Westen hat ein Vakuum geschaffen, das die Taliban gefüllt haben. Dass die Geschwindigkeit der Taliban für Überraschung sorgt, ist das, was mich am meisten überrascht. So schnell, wie ein Vakuum geschaffen wird, so schnell wird es doch auch gefüllt. Manchmal auch schneller. Noch bevor der Westen vollends aus Afghanistan abgezogen war, füllte China die entstehende Lücke: In Nordchina traf ein hochrangiger Taliban-Anführer den chinesischen Außenminister. Und auch Russland und Nachbar Pakistan tun alles, um die westlichen Verbündeten zu ersetzen. Dass es aus westlicher Sicht besser wäre, wenn der Westen Einfluss auf die Taliban hätte, versteht sich von selbst. Das ist aber nun mal nicht so.

Mehr als ein 30jähriger Krieg

Klar ist: Der Westen hat es nicht geschafft, sein politisches und kulturelles System auf Afghanistan zu übertragen. Und tritt nun genauso den Rückzug an wie die Sowjets, die ab dem Frühjahr 1988 ihre Truppen aus Afghanistan abzogen. Nach einem ungeheuer teuren Krieg, der leider auch Menschenleben kostete. Viel zu viele Leben. Und der viel Not und Leid über das Land brachte. Kaum vorstellbar, aber wahr: Alle Afghanen, die 40 Jahre alt sind, haben in ihrem Leben nichts anderes erlebt als Krieg. In diesen 40 Jahren sind die Zeiten einer pro-sowjetischen Vasallenregierung in Afghanistan noch nicht einmal mitgerechnet. Über unsere Vorstellungen von einem ewigen, weil „Dreißigjährigen Krieg“ könnten die Afghanen vermutlich nur lachen. Wenn sie nicht so traurig wären.

19. August 1989

Szenenwechsel: Manchmal entscheiden Sekunden darüber, ob man sein Leben grundlegend verändert oder nicht. Geht man ein Wagnis ein? Oder lässt man es? Die über 500 DDR-Bürger, die sich am 19. August 1989 für „Risiko“ entschieden, taten das Richtige. Etwas, das nicht nur ihr Leben grundlegend veränderte. Sondern auch das von Millionen von Menschen in Ost und West. Denn ihre Entscheidung war der Anfang vom Ende der deutschen Teilung – mit Auswirkungen für jedermann bis heute.
Wegen einer länderübergreifenden Friedensdemonstration waren damals viele DDR-Bürger nach Ungarn gereist. Plötzlich blieb wegen der Demo ein Grenzübergang von Ungarn nach Österreich geöffnet. Für drei Stunden. Drei Stunden, in denen Männer und Frauen mit ihren Kindern vom Ostblock in den Westen konnten. Mit dem wenigen an Hab und Gut, was sie mit auf den ungarischen Campingplatz gebracht hatten. Das war nicht viel. Denn ursprünglich war ja nur ein „paneuropäisches Picknick“ an der ungarisch-österreichischen Grenze geplant. Anschließend sollte es zurückgehen nach Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Thüringen.

Deutsche Einheit

Der Dank galt und gilt den ungarischen Grenzposten, die überhaupt nichts taten, um die Massenflucht zu verhindern. Erstmals hatte die Grenze zwischen Ost und West Löcher. Noch im Sommer 1989 stellten 120.000 DDR-Bürger einen Ausreiseantrag. Monate später war die deutsch-deutsche Grenze Geschichte.
Es hätte auch anders kommen können: Bis zu acht Jahren Freiheitsstrafe verhängte das alte DDR-Regime für sogenannte Republikflucht! Und, so unpopulär das klingen mag: Die Menschen in der damaligen Bundesrepublik hätten sich gegen die Neuankömmlinge wehren können, hätten sagen können: Wir können nicht jeden aufnehmen. Das Boot ist voll. 120.000 ausreisewillige DDR-Bürger – das sprengt all unsere Kapazitäten. Einem maroden Staat mit über 16 Millionen Menschen den Anschluss an die reiche Bundesrepublik zu gewähren, erst recht. Gott-sei-Dank haben die Bundesdeutschen damals anders entschieden!

Wir schaffen das – Bekenntnis zu Humanismus und Nächstenliebe

Zurück nach Afghanistan. Oder vielleicht erst zurück ins Jahr 2015. Das darf sich nämlich nicht wiederholen. Die große Menschlichkeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die deutlicher denn je zeigte, dass sie als Pfarrerstochter den Begriff „Nächstenliebe“ kennengelernt hatte, öffnete den Menschen, die auf der Flucht waren, die Grenzen. „Wir schaffen das“, so beschwor Merkel 2015 die Bundesbürger. Dass man viel schaffen kann, wenn man will, hatten die Menschen in diesem Land doch erst ein paar Jahre zuvor eindrucksvoll bewiesen, als sich ein heruntergewirtschafteter Staat mit über 16 Millionen Menschen der reichen Bundesrepublik anschloss. Nachzulesen in dem Einigungsvertrag, den die Volkskammer der DDR am 20. September 1990 unterzeichnete.

deutsch-deutsche Narben

Wer glaubte, dass der Anschluss eines souveränen Staates an einen anderen, zumal beide mit unterschiedlichen politischen Systemen, unterschiedlicher wirtschaftlicher Entwicklung und vielen Unterschieden mehr, völlig reibungslos über die Bühne gehen würde, war damals schon weltfremd. Über 40 Jahre zwei souveräne Staaten

auf deutschem Boden mit völlig unterschiedlichen Entwicklungen – das braucht schon etliches an Zeit, um die Spuren der Trennung zu überwinden. Kein Wunder also, dass in etwas mehr als 30 Jahren deutscher Einheit noch immer nicht das vollkommen überwunden ist, was in mehr als 40 Jahren deutsch-deutscher Trennung an Unterschieden gewachsen ist. Und wie das bei geschlagenen Wunden nun einmal ist: Auch wenn sie längst verheilt sind, schmerzen sie gelegentlich. Und vor allem: Die meisten Narben bleiben für immer.
Nicht mühelos

Auch wenn sich viele die von Helmut Kohl in Aussicht gestellten „blühenden Landschaften“ noch blühender vorgestellt haben – viele Menschen im Ruhrgebiet wären dankbar, wenn sie Straßen hätten, die auch nur halbwegs dem Zustand der neu gebauten Infrastruktur in der ehemaligen DDR entspräche. Auch dort ist der Strukturwandel an den Menschen nicht spurlos vorübergegangen. Und längst winken Menschen im Saarland und in Bremen mit ihren Fähnchen als wollten sie sagen: Vergesst uns nicht! Aber: Wir schaffen auch das! Nicht alles mühelos, nicht alles ohne Sand im Getriebe, nicht alles ohne die neuen Belastungen zu bemerken. Aber am Ende schaffen wir das.

Wir schaffen das: Bundeswehrhelfer und ihre Familien

Was das Ganze mit Afghanistan zu tun hat? Dass sich 2015 nicht wiederholen darf – dieses Schlagwort macht in diesen Tagen die Runde. Nächstenliebe darf sich nicht wiederholen. Wir dürfen nicht wieder die Türen für Flüchtlinge aus einer fremden Kultur aufmachen. Das schaffen wir eben nicht, müsste die Aussage in einer sprachlichen Zuspitzung lauten. Wirklich? Wenn jetzt all die Menschen, die in der Vergangenheit für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet haben, mit ihren Familien tatsächlich nach Deutschland kämen – wir würden es wirklich nicht schaffen? Wir, das Land, das zwei Weltkriege verloren hat, dass auf den Trümmern einer fehlleitenden Ideologie aufsetzte und zu einem der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt wurde, dass sogar, zumindest in Teilen, davon schwärmte, „auferstanden aus Ruinen“ zu sein – wir würden es wirklich nicht schaffen?

Andere schaffen das

Werfen Sie mit mir einen Blick in den Libanon: In diesem seit Jahrzehnten von Krisen und Bürgerkriegswirren geschüttelten Land leben noch nicht einmal sieben Millionen Libanesen. Aus dem Bürgerkriegsland Syrien haben mehr als zwei Millionen Menschen im Libanon eine Zuflucht gefunden. Und selbst wenn man nur die registrierten Flüchtlinge zählt, sind dies noch weit über eine Million. Jeder achte Mensch auf libanesischem Boden stammt also aus Syrien. Wenn man günstig rechnet. Rechnet man realistisch, dann ist jeder Vierte ein Bürgerkriegsflüchtling.
Die Zahlen für Jordanien sind kaum besser: Zehn Millionen Einwohner und mehr als 1,2 Millionen Flüchtlinge, davon mehr als die Hälfte registriert. Was die Einwohnerzahl anbelangt, sind das kleine Staaten.
Aber die Türkei hat mit ihren rund 82 Millionen Bewohnern eine ähnlich hohe Einwohnerzahl wie wir in Deutschland. In der Türkei leben etwa 3.5 Millionen Flüchtlinge. Bei uns kommen auf rund 83 Millionen Einwohner lediglich rund ½ Million Flüchtlinge. Ein Siebtel von dem, was die Türkei schultert. Wobei dank deutscher Gründlichkeit die Anzahl der registrierten von den nicht-registrierten Flüchtlingen vielleicht 20 Prozent ausmacht – nicht, wie im Libanon oder Jordanien, satte 100 Prozent.
Andere schaffen das – auch wenn es nicht leicht ist. Und nun sagen wir: Wir schaffen es nicht, weitere Flüchtlinge aus Afghanistan aufzunehmen? Vielleicht sollten wir sagen: Wir schaffen noch nicht einmal ein Bruchteil von dem, was Länder wie der Libanon, Jordanien oder die Türkei leisten. Das wäre dann wenigstens einmal eine klare Ansage, die zeigen würde, wo wir wirklich stehen.

Buhlen um Wählerstimmen

Natürlich schaffen wir das. Und wir schaffen auch noch viel mehr. Wenn wir wollen. Oder besser: Wenn wir wollen würden. Aber die Kräfte in unserem Land, die das eben nicht wollen, sind so groß, dass die, die es schon irgendwie machen würden, vor ihnen einknicken. Schließlich wird bei uns regelmäßig gewählt. Und da könnte man die Quittung bekommen. Da lassen wir doch lieber ein paar Tausend Menschen in einem fernen Land über die Klinge springen. Oder?
Was wäre eigentlich, wenn all diejenigen, die sich aufgrund ihrer humanistischen und / oder christlichen Weltanschauung bei den nächsten Wahlen denen verweigern würden, die sich jetzt der Humanität und der Nächstenliebe verweigern? Wer dann noch wählbar wäre? Ups, jetzt haben Sie mich tatsächlich auf dem falschen Bein erwischt.

Wer einmal enttäuscht, dem vertraut man nicht

20 Jahre lang war die Bundesrepublik an der Seite der USA in Afghanistan, wollte dort die westlichen Vorstellungen von Menschlichkeit, Kultur und Gesellschaft implementieren. Das ist, wie die Ereignisse der letzten Tage und Wochen zeigen, krachend gescheitert. Tausende Afghanen aber haben über zwei Jahrzehnte den Zukunftsversprechungen des Westens geglaubt. Sie haben ihr Leben und das ihrer Familien gefährdet, weil sie dem Westen vertrauten. Ihnen nun zu sagen, wir können euch nicht helfen, wir können euer Leben nicht schützen, wir wollen euch auch gar nicht in unserem Land haben – das ist ehrlos. Und ganz nebenbei: Es erschwert es ganz sicher, in der Zukunft Menschen zu finden, die den Versprechungen des Westens glauben. Wer sich selbst unmenschlich zeigt, wird kaum Menschen begeistern können, für diese Vorstellungen von Menschlichkeit, Kultur und Gesellschaft einzutreten. Frei nach einem Sprichwort, das etwas mit dem Lügen zu tun hat: Wer einmal enttäuscht, dem vertraut man nicht! Eine Riesenbürde für eine künftige Politik, wer auch immer dafür verantwortlich sein mag.

Wir schaffen das – wenn wir wollen

Das Schlagwort, dass sich 2015 nicht wiederholen darf, geht an der Wirklichkeit vorbei. Es geht ja nicht darum, die Grenzen für alle und jeden aufzumachen – das war übrigens auch 2015 nicht der Fall. Es geht darum, Menschen, die uns, dem Westen, vertraut haben, jetzt nicht zu sagen: Wir schaffen das nicht! Richtig ist: Wir schaffen das. Und genau das müssen wir jetzt zeigen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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