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33. Früchteteppich in Sargenzell eröffnet: Daniel in der Löwengrube (4. September)

Neun Löwen in einer Grube, mehrere kahle menschliche Schädelknochen, eine Handvoll abgenagter, ebenfalls menschlicher Knochen… und mittendrin ein Mensch, unversehrt, lebendig, unversehrt. Seine linke Hand liegt nahezu liebevoll auf dem Rücken eines der Tiere, die die zweifelsfrei Schreckensszenerie angerichtet haben. Das Ganze ist ein Bild, eines, das

Gemälde auf dem Fußboden

der US-amerikanische Maler und Illustrator Dan Burr vor zehn Jahren gemalt hat. Dieses Bild liegt in der wahnwitzigen Größe von rund 30 Quadratmetern auf dem Fußboden der ehemaligen Kirche in Sargenzell bei Fulda. Seit langem experimentiert Dan Burr damit, nicht nur selbst zu malen, sondern auch am Computer Bilder zu erstellen. Die sind so realistisch, dass sogar vermeintliche der Pinselstrich des Malers in Burrs fertigem Werk zu sehen ist – auch wenn zu keinem Zeitpunkt ein Pinsel zum Einsatz kam.

Kopie aus Milliarden von Samen und Körnern

Burrs Bild liegt nicht im Original in Sargenzell. Was dort vorliegt, orientiert sich an Burrs Bild, hat – um die Szenerie noch ein wenig gespenstischer zu gestalten – ein paar zusätzliche Schweineknochen am Bildrand. Und es ist deutlich größer. Vor allem aber: Dieses Bild entstand nicht sitzend am Computer. Um dieses Bild zu erstellen, haben ein knappes Dutzend Frauen monatelang auf dem Boden gekniet und Präzisionsarbeit geleistet. Denn das Material für dieses Bild besteht aus 70 Körner- und Samenarten. Die sind millimetergenau platziert, erzeugen durch unterschiedliche Körnungen und winzige Farbnuancen eine unglaubliche Tiefe. Wer genauer hinschaut hat den Eindruck, einer der Löwen würde ihn mit einer gewissen Begierde anstarren – so echt, dass zarten Gemütern durchaus eine Gänsehaut über die Haut laufen kann.

33. Früchteteppich in Sargenzell

Zum 33. Mal haben Frauen in der alten Sargenzeller Kirche einen Früchteteppich gelegt. Eigentlich im 34. Jahr, so hört man mit ein bisschen Wehmut. Denn im letzten Jahr musste die Aktion coronabedingt entfallen. Vor ein paar Jahren hat die Federführung gewechselt. Die legendäre Ria Noll, viele Jahre künstlerische Leitung und treibende Kraft, die den Früchteteppich lebte wie keine Zweite, wurde durch Heike Richter abgelöst. Seitdem orientieren sich die Früchteteppiche – so der offizielle Name – „nur noch“ an den jeweiligen Vorlagen, während sie vorher um eine originalgetreue Abbildung der Vorlage bemüht waren. Aber was heißt schon „nur noch“, wenn Millionen von Körner, Samen und oft genug auch fein zermahlene Stäube zu einem großen Ganzen zusammengefügt werden. Wir großartig die Früchteteppiche Jahr für Jahr sind, zeigen immer wieder die Besucher. Die kommen aus „nah und fern“, längst bieten Busunternehmen Reisen an. 50.000 Besucher, gerne auch (wie früher) mehr – das erhoffen sich in diesem Jahr die Macher des Früchteteppichs. Denn die Saison ist kurz: Am 31. Oktober wird der letzte Tag sein, an dem der Früchteteppich zu besichtigen ist. Und in diesem Jahr erschweren die aktuellen Coronabestimmungen den Besuch.

Ziel: Erhalt der Alten Kirche

Angefangen hat alles, als die alte Kirche in Sargenzell nicht mehr für gottesdienstliche Veranstaltungen gebraucht wurde – nicht zuletzt, weil die Unterhaltskosten für das alte Gemäuer zu hoch waren. Kurzzeitig war sogar von Abriss die Rede. Doch wer das ernsthaft in Erwägung zog, hatte nicht mit den alten Sargenzellern gerechnet. Denn schließlich geht ihre Kirche auf das Jahr 1747 zurück, wie der mittlerweile entstandenen Online-Chronik zu entnehmen ist. Innerhalb kürzester Zeit gründeten die einen Förderverein, übernahmen einen Großteil der auszuführenden Renovierung in Eigenarbeit. Und dann kam die Idee, durch gezielte Aktionen die Kirche einem neuen Zweck zuzuführen. Einem Zweck, der durch Spenden den weiteren Unterhalt der Kirche sichern konnte. Eine regelmäßige Krippenausstellung rund um die Weihnachten fand schnell Interessenten. Mittlerweile haben sich auch eine Weihnachtsmarkt und eine Osterausstellung in der Alten Kirche in Sargenzell etabliert. Der alljährliche Früchteteppich auf dem Boden der Kirche aber entwickelte sich zu einem Publikumsmagneten ungeahnten Ausmaßes. Seit 34 Jahren – eben mit der einen corona-bedingten Ausnahme im letzten Jahr – zieht dieser in September und Oktober immer wieder Menschenmassen in seinen Bann. Eintritt frei, Spende erbeten – eben für den Unterhalt der alten Kirche in Sargenzell. Ein Konzept, das aufgeht.

Jahr für Jahr Klassiker

Der Engel, der in diesem Jahr in der Löwengrube zu sehen ist und den ich bislang unterschlagen habe, macht deutlich, welcher Art die Motive sind und woher die Motivation der Menschen kommt. Denn Jahr für Jahr bildet der Früchteteppich in Sargenzell religiöse, ja, biblische Motive ab. So wie eben in diesem Jahr „Daniel in der Löwengrube“. Zu sehen waren auch schon

„Klassiker“ wie die „Versöhnung von Esau und Jakob“, im Original gemalt vor rund 400 Jahren von Peter Paul Rubens. Wer das legendäre Kunstwerk „Die Verklärung Christi“, gemalt von Raphael, neben Michelangelo und Leonardo da Vinci der wohl bedeutendste Maler der Hochrenaissance, ansehen wollte, musste dazu nicht extra bis nach Rom reisen… und schon vor dem Museum „Pinacoteca Vaticana“ stundenlang in der Schlange stehen. Ein Ausflug nach Sargenzell tat es auch – zumal das Bild dort noch größer war als das Original. Wenn eben auch nicht gemalt, sondern aus Samen, Körner und Früchte gelegt.
Präzisionsarbeit mit dem Zahnstocher

Immer wieder fantastisch ist die Art und Weise, wie so ein Bild entsteht: Ist die Auswahl erst einmal getroffen, steht als erstes die Umsetzung des Bildes auf Leinwand an – in diesem Schritt der Vorbereitungen noch in Originalgröße. In einem zweiten Schritt wird die Vorlage auf die endgültige Größe, ebenfalls auf Leinwand, übertragen. Einmal so vorgezeichnet, sind zumindest die Umrisse klar. Dann folgt die eigentliche Präzisionsarbeit: Millimetergenau legen die Frauen Mohnsamen, Linsen, Hirse, Leinsamen, Reis und eine Reihe anderer Körner und Samen, so dass ein plastisches Bild entsteht. Korn um Korn, viele mit einem Zahnstocher. Milliarden von Körnern.

Falten und Schatten

Auf diese Weise schufen sie Ochs und Esel, Schaf und Ziege, ein Pferd, Kamele und andere Tiere, natürlich Kinder und Erwachsene, Pflanzen, Gebäude und ganze Landschaften. Oder wie in diesem Jahr eben Löwen in einer Löwengrube, also einer kleinen Senke, in der sich die Tiere auch in der Wüste geschützt fühlen. Wie dabei der Faltenwurf der Kleidung, Schatten und Fellschattierungen nachgebildet werden, ist fantastisch. Und selbst wenn solch ein Wort abgedroschen klingt: Wer es nicht selbst gesehen hat, erahnt nicht einmal, um welch eine großartige Arbeit es sich hier handelt. Nur durch Beschreibungen wie diese hier ist nicht widerzugeben, was man in Sargenzell mit seinen eigenen Augen sehen kann.

Rentner testet Echtheit

Und selbst dann reicht die Wahrnehmung nicht aus. Vor Jahren zweifelte ein Rentner daran, tatsächlich nur Samen und Körner vor sich zu haben. Folglich setzte er zu einer kleinen Prüfung mit seinem Krückstock an. Sehr „zur Freude der Macher“, die anschließend in mühevoller Kleinarbeit den Schaden wieder reparieren mussten. Denn obwohl Körner und Samen fixiert sind, lassen sie sich doch verschieben. Was natürlich sofort eine Beschädigung des Früchteteppichs nach sich zieht. Aus dieser Tatsache ergibt sich auch der Albtraum der beteiligten Frauen: ein Hund oder eine Katze, die sich irgendwie unter die Besucher mogeln… – nicht auszudenken! Und bislang zum Glück auch noch nie passiert.

Frohe Botschaft

Biblische Motive – für die Sargenzeller ist das selbstverständlich. Zum einen wollen sie den Charakter ihrer alten Kirche unterstreichen und mit der Auswahl ihrer Motive an die Tradition der Biblia Pauperum des Mittelalters anschließen. Als „Bibel der Armen“ galten die vielen gemalten Bibelszenen. Die verkündeten denen, die nicht lesen konnten, auf andere Weise das Evangelium, die „Frohe Botschaft“. Die Motive mit Körner, Samen und Früchten darzustellen, hat viel mit der Jahreszeit zu tun: Schließlich ist der erste Sonntag im Oktober traditionell der Tag, an dem Christen ihrem Gott für die gute Ernte danken. Und so zeigt der Früchteteppich einen Ausschnitt von dem, was nach christlicher Vorstellung Gott den Menschen zum Leben schenkt.

Daniel in der Löwengrube: Interpretation

Die jeweilige Motivwahl hat ihre je eigene stets eigene Botschaft. Daniel in der Löwengrube – für den Fuldaer Stadtpfarrer Stefan Buß passt dieses Motiv besonders gut in die von Corona geprägte Zeit. Daniel, ein rechtschaffender Mann, wird aufgrund von Heimtücke in eine Löwengrube geworfen. Sein Schicksal gilt damit als besiegelt. Doch trotz der lebensbedrohlichen Situation zweifelt Daniel nicht eine Sekunde an seinem Gott, der ihn durch seinen Engel vor den Löwen rettet. Die klare Botschaft also: Auch wenn es so scheint, dass nichts mehr weitergeht – für den, der auf Gott vertraut, gibt es Rettung. Eine Situation, die sich für Pfarrer Buß auch auf uns heute übertragen lässt: Wer die Erfahrung von Krankheit, Arbeitslosigkeit, Schuld, vielleicht sogar der Bedrohung des eigenen Lebens gemacht hat, hat möglicherweise auch ungeahnte Hilfe erfahren. Wer an Gott glaubt, so der Fuldaer Pfarrer, muss keine Gefahren fürchten.

Auch ohne Religion lohnenswert

Auch für den, der die religiöse Botschaft weniger in den Mittelpunkt stellt, ist der Besuch des Sargenzeller Früchteteppichs lohnenswert. Allein schon wegen der Milliarden von Körnern und Samen, die die Gruppe talentierter Frauen in einer unglaublichen Präzisionsarbeit zusammengefügt hat. Eine Art Mega-Puzzle mit unzählbar vielen Teilen von zum Teil kaum wahrnehmbarer Größe. Beim Betrachten kann jeder auf seine eigenen Ideen kommen.
Wer die Fahrt nach Sargenzell scheut, findet alle bisherigen Früchteteppiche auch auf der Webseite zum Früchteteppich. Dort lassen sich auch Bildpostkarten, Poster und sogar eine DVD über die Herstellung des Früchteteppichs erwerben.

Alte Kirche Sargenzell bei Hünfeld / Fulda, 4.9. – 31.10., täglich 10.30 – 16.30 Uhr, Eintritt frei, Spende erbeten.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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