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Wo waren Sie? 9/11 – ganz persönlich. (11. September)

Die Frage wird ja öfter mal gestellt: Wo warst du, als… Mein Großvater konnte sich genau erinnern, wo er war und was er tat, als jenes Tor fiel, das kein Tor war und das England zum Fußballweltmeister machte. Für Opa war das ein klarer Fall von Betrug. An den er sich zeitlebens genau erinnerte. Ebenso wie damals, als die Nachrichten meldeten, dass John F. Kennedy ermordet worden war.

Auch mein Vater hatte solch ein Erlebnis. Dass er mit dem Fahrrad einen Ausflug zu seiner Patentante gemacht hatte, als die Nachrichten die Auflösung der Beatles meldeten. Und dass er da ein paar Tränchen verdrückt hätte. Überhaupt Musik: „The Day John Kennedy Died“ ist einer der Songs von Lou Reed, den er mir mit einer gewissen Brüchigkeit in der Stimme ankündigte, bevor er ihn mir vorspielte. Bis heute weiß ich nicht, ob mich Lou Reed, sein Song oder die Betroffenheit meines Vaters mehr berührt haben.

Wo waren Sie?

Es kann gut sein, dass Ihnen heute diese Frage begegnet, die eben gerne bei solchen Anlässen gestellt wird: Wo waren Sie… heute vor 20 Jahren? Was haben Sie gerade gemacht, als Terroristen Flugzeuge entführten, in Hochhäuser lenkten und zu Massenmördern wurden? 9/11, so der Kurzname für diesen Akt der Barbarei, liegt mittlerweile 20 Jahre zurück. Ein Tag, der die Welt veränderte. Ein Tag, ohne den ein Krieg im Irak möglicherweise nie entstanden wäre. Und ohne den uns vielleicht der MonaPrev, der “most narcissistic president ever”, also der narzisstischste Präsident aller Zeiten, erspart geblieben wäre. Auf jeden Fall ein Terrorschlag, gegen den die Ermordung einer einzelnen Person, und sei sie auch noch so wichtig, verblasst. Ein durch Betrug errungener WM-Titel sowieso.

Bilder des Grauens

Ich saß mit einer Freundin in meinem Zimmer, als meine Mutter leichenblass und sehr viel ernster als sonst hereinkam. Ohne ein Wort zu sagen schaltete sie meine Musik aus, sah uns durchdringend an. Sichtlich bemühte sie sich um Fassung, sprach stockend von einem schrecklichen Ereignis. Erst dann stellte sie den Fernseher an. Und nun sahen meine Freundin und ich die Bilder, die ich mir bis dahin in meinen schlimmsten Träumen nicht hätte vorstellen können. Bilder des Grauens. Kein Spielfilm, sondern brutale Realität! Ein Frontalangriff auf die Symbole von Freiheit und Demokratie, eine Attacke gegen westliches Denken und Leben. Vor allem aber: ein barbarischer Akt gegen die Menschlichkeit. Bis heute ist für mich unbegreiflich, welcher Fanatismus, welcher menschenverachtende Hass, welche Verblendung notwendig sind, um zum Unmenschen zu werden.

Wie Bruce Springsteen

Wo also waren Sie vor 20 Jahren? Und was haben Sie gedacht, was haben Sie getan? Ich habe gebetet. Irgendetwas in der Art: „Oh Gott, das kann doch nicht wahr sein! Das kannst du doch nicht zulassen!“ Eine ganze Reihe von Stoßgebeten habe ich losgelassen. Heute bin ich davon überzeugt: Ich habe gebetet, weil ich glaube: Es gibt Situationen, die ich als Mensch nicht mehr tragen kann. Situationen, in denen ich dankbar bin, Halt bei Gott zu finden. In denen ich meine Sorgen bei ihm abladen darf. Ihn um Beistand bitten kann, weil ich selbst überfordert bin. Weil ich nicht begreife, was andere Menschen tun. Gebetet wohl wie Bruce Springsteen. Der ist, nachdem er das Unglaubliche gehört hatte, in eine Kirche gegangen. Und hat gebetet. Hat das, was er einfach nicht glauben, einfach nicht verarbeiten konnte vor Gott getragen. Und erst viel, viel später seinen Gefühlen und Gedanken mit seiner Musik Ausdruck verliehen.

Kein Eingreifen Gottes

Natürlich hat sich nichts geändert. Die Twin-Towers blieben trotz meiner Gebete am Boden, die Opfer, die den Tod gefunden hatten, blieben tot. Tatsächlich habe ich noch nie begreifen können, warum sich ein großer, allmächtiger Gott in den Unsinn reinhängen sollte, den wir Menschen verzapfen. Er hat uns den Verstand gegeben, damit wir zwischen Gut und Böse unterscheiden können. Und die Kraft, uns gegen das Böse zu entscheiden. Wer böse ist, kommt in die Hölle? Ich denke eher: Wer sich für

das Böse entscheidet, bereitet anderen Menschen die Hölle. Und oft genug auch sich selbst.
Mit der Drohbotschaft zum Guten bewegen?

Die Drohbotschaft mit der Hölle mag ja ein probater Ansatz sein, um schwankende Menschen in ihrer Entscheidung quasi in letzter Sekunde zu beeinflussen. Wer sich aber längst für Hass, Gewalt und die Durchsetzung seiner Eigeninteressen entschieden hat, ist so nicht aufzuhalten. Lassen Sie es mich mal etwas pathetisch formulieren: ausgerechnet mit einer Drohung dem Guten zum Sieg zu verhelfen – ist das nicht in sich ein Widerspruch?
Einmal abgesehen davon, dass die Vorstellungen von einer Hölle im Jenseits eben sprachliche Bilder sind, deren Hintergrund sich mit unserem Verstand kaum erschließen lässt. In der Ferne Gottes sein? Wenn ich mir schon ein Leben in der Nähe Gottes, also den Himmel, nicht vorstellen kann, wie soll ich mir dann die Hölle als ein Leben in der Ferne Gottes vorstellen? Hier sind neue Übersetzungen der alten Inhalte lange überfällig.

“Deus vult!“ Wirklich?

Abgesehen davon fühlen sich diejenigen, die Böses tun, oft genug auch noch von ihrem Gott geleitet. Das gilt für die Kreuzritter, die mit dem Ausspruch „Deus vult“, „Gott will das“, jeden Nichtchristen, den sie vor ihre Schwerter bekommen konnten, niedermetzelten und so ein friedliches Zusammenleben im Nahen Osten zerstörten. Das gilt auch für die Mächtigen, die in der langen Geschichte Europas ihre Schulden bei jüdischen Geldverleihern „beglichen“, indem sie kurzerhand Pogrome initiierten. Und für die Männer, die aus Angst um ihren Einfluss, aus Eitelkeit und Machtgehabe weise Frauen als Hexen denunzierten und um ihr Leben brachten. Selbstverständlich gilt dies auch für diejenigen, die Terroranschläge durchführen, um anderen Menschen zu schaden.

Buhlen um Aufmerksamkeit

Sie alle buhlen auch um Aufmerksamkeit „für ihre Sache“. Dass wir heute, 20 Jahre danach, immer noch über 9/11 sprechen, die Nachrichten voll davon sind und Berichte, Dokus und Filme über diesen Terrorschlag in Endlosschleife im Fernsehen zu laufen scheinen, ist für mich der größte Sieg der Terroristen und Mörder von damals. Sie bekommen die Aufmerksamkeit, die sie bekommen wollten. Sie sind Gesprächsthema. Immer noch! Und „ihre Sache“ rückt neben ihrer Unmenschlichkeit immer wieder aufs Neue in den Fokus.
Vielleicht wäre das die wichtigste Reaktion auf den Terror: die Berichte darüber drastisch einzuschränken, weniger Aufhebens darum machen. Ob es helfen würde? Keine Ahnung. Zumindest würden Terroristen damit immerhin eines ihrer Hauptziele nicht erreichen. Vielleicht ist dieser Gedanke ja nur ein Ausdruck meiner Hilflosigkeit. Genauso wie die Feierlichkeiten, das öffentliche Totengedenken eben auch ein Ausdruck von Hilflosigkeit sind. Sicher auch viel, viel mehr, Andenken, Erinnerung, Mahnung. Aber eben auch Hilflosigkeit.

Egal, mit welchem Namen

Wo also waren Sie, als Terroristen Flugzeuge entführten, in Hochhäuser lenkten und zu Massenmördern wurden? Was hat das Ganze mit Ihnen gemacht? Wo ich war, wie es mir ging und was dieser Akt der Barbarei mit mir gemacht hat, habe ich Ihnen bereits ja erzählt.
Lediglich auf die Frage, warum Gott ein derartiges Leid zulässt, habe ich keine Antwort bekommen. Zumindest keine, die das Leid abschafft. Aber dennoch habe ich Trost erfahren. Weil christliche Theologen und manch muslimischer Gelehrter davon ausgehen, dass Gott mitleidet, wenn sich seine Geschöpfe gegenseitig die Hölle auf Erden bereiten. Wenn das so ist, dann sind jedes „Deus vult“ und jeder Terrorschlag, der sich gegen Menschen richtet, eine Beleidigung Gottes. Jeder! Denn wenn Gott mehr als ein kleingeistiger Mensch ist, wenn er wirklich Gott ist, dann ist es ihm ziemlich egal, mit welchem Namen ihn seine Geschöpfe anrufen. Hauptsache ist, sie schlagen sich nicht gegenseitig den Schädel ein.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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