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Sexueller Missbrauch und kein Ende – wieder Thema bei der Bischofskonferenz in Fulda (21. September)

Gestern reisten sie an, starteten mit einem Gebet in der Bonifatiusgruft im Fuldaer Dom, heute nehmen sie ihre Beratungen auf: die 67 deutschen katholischen Bischöfe aus 27 deutschen Diözesen treffen sich wie jedes Jahr zu ihrer Herbsttagung in Fulda. Eine altehrwürdige Einrichtung, die 1867 zum ersten Mal in Fulda zusammentrat. Im Frühjahr an wechselnden Orten, im Herbst immer in Fulda – dort befindet sich nämlich das Grab des heiligen Bonifatius. Neben Gottes Segen hoffen die Kirchenoberen auf Eingebungen durch den Hauch des großen Geistes des Heiligen. Denn der verpasste der deutschen Kirche im 8. Jahrhundert einen Frischzellenkur, machte den schwächelnden Glauben beim Kirchenvolk wieder lebendig und straffte die Kirchenverwaltung. Mit Anspielung auf die Schöpfungserzählung in der Bibel könnte man auch sagen: Er hauchte der Kirche neues Leben ein.

Sinkflug

Genau das, so scheint e, hat die katholische Kirche bitter nötig. Die Zahl der Gläubigen befindet sich in einem nie gekannten Sinkflug, es scheint nur noch ein Thema zu geben, mit dem sich die Bischöfe seit Jahren beschäftigen: nämlich der Missbrauch in der katholischen Kirche. Längst hat unsere Gesellschaft vergessen, dass sexueller Missbrauch und sexuelle Gewalt überall vorgekommen ist und immer noch vorkommt: in Sportvereinen, in Institutionen und sonstigen Einrichtungen, in Schulen, vor allem in Familien. Egal wo, entschuldbar ist das nicht. Aber wenn Missbrauch ausgerechnet in einer Organisation aufgedeckt wird, deren Praxis es über Jahrzehnte, wenn nicht über Jahrhunderte und Jahrtausende war, mit dem moralinsauren Finger die Sexualität zu einem Reizthema zu erheben, ist die Schadenfreude besonders groß. Kein Wunder, dass sich Betroffene auskotzen und ihre Verletzungen, ihre Wut und ihren Hass über die Institution und ihre Stellvertreter ausschütten.

Fehler der Entscheidungsträger

Nicht zuletzt auch deshalb, weil die oft genug schlichtweg falsch reagiert haben: Selbst wenn Missbrauchsfällt bekannt wurden, haben die Bischöfe in vielen Fällen das Mäntelchen des Schweigens um ihre Mitbrüder gelegt. Dass sie sich dabei geifernd nicht nur die Hände gerieben haben, wie manche Foristen in Online-Publikationen unterstellen, ist zwar nicht auszuschließen – was ist schon auszuschließen? – aber doch eher der Fantasie der Foristen zuzuschreiben. Was noch schrecklicher ist, ist die Weltfremdheit der Bischöfe.

Die glaubten allen Ernstes, mit einer Versetzung und ein paar nachdrücklichen Worten das Problem gelöst zu haben. Haben sie aber nicht.
Glaube an kirchliche Hierarchie

Aber das passiert nun einmal, wenn man so sehr in jenseitigen Höhen schwebt, dass man die Wirklichkeit nicht mehr so wahrnimmt, wie sie nun einmal ist. Konkret: Der Glaube, dass das Sakrament der Priesterweihe dessen Empfänger zu edlen, nahezu unfehlbaren Menschen macht, ist schlichtweg falsch. Ebenso der Glaube, dass der in der Kirchenhierarchie übliche Gehorsam allmächtig ist. „Das machst du aber nicht wieder“ – das reicht nicht aus. Aber viele Bischöfe haben das fest geglaubt. Und haben so ganz nebenbei den Blick auf die Opfer „völlig vergessen“, ja, sogar erlaubt, dass dieselben Täter oft genug neue Opfer suchten und fanden. Kein Wunder, dass die Volksmeinung da zu dem Ergebnis kommt: Die Bischöfe sind selbst zu Tätern geworden. Auch Nichtstun ist ein Versäumnis. Vor allem dann, wenn es weitere Taten ermöglicht. „Bloß kein Skandal, um jeden Preis öffentliches Aufsehen und Schaden von der Kirche abwenden“ – die katholische Kirche zahlt seit Jahren einen hohen Preis für die Haltung ihrer weltfremde Kirchenoberen.

Aus dem Blick: Missbrauch als gesamt-gesellschaftliches Problem

Der Vertrauensverlust ist immens, ist längst zu Wut, Hass und zu einem anti-kirchlichen Trend umgeschlagen. Wann haben Sie die letzte Meldung von einem aktuellen Missbrauchsfall in der katholischen Kirche gelesen? Worüber – zu Recht – heiß und innig diskutiert wird, liegt in der Regel jahrelang, wenn nicht jahrzehntelang zurück. Das macht es nicht besser. Aber es führt auch dazu, dass sexueller Missbrauch als gesamtgesellschaftliches Problem aus dem Blick geraten ist. Wo bleibt der Aufschrei, wenn sexueller Missbrauch, um nur ein Beispiel zu nennen, im Sport auffliegt? Eine Meldung in den Medien, Entlassung des Verantwortlichen, anschließend weiter Attacken gegen die Kirche. Bis eine kochende Volksseele sich wieder abkühlt – das dauert eben eine lange Zeit.

Synodaler Weg

Deshalb ist auch aus dem Blick geraten, dass das Schwerpunktthema der Bischofskonferenz in Fulda ein ganz anderes ist: Es geht schlichtweg um die Zukunft der Kirche. Es geht darum, wie der Sinkflug, der längst unaufhaltsam zu sein scheint, doch noch gestoppt werden kann. Das Vertrauen, dass selbst die Pforten der Hölle nicht den Untergang der Kirche herbeiführen können, ist längst geschwunden – wenn man den Blick auf die deutsche Kirche richtet. Dass, was Kirchenobere vielleicht nicht direkt als Hölle, aber dann doch als flammendes Inferno, als Flächenbrand selbst herbeigeführt haben, ist mit „Niedergang“ sehr euphemistisch beschrieben. Und löst schon die nächste Zerreißprobe aus. Heftig uneins sind sich die Bischöfe nämlich darüber, wie dem Niedergang zu begegnen ist. Die einen meinen, Reformen seien dringend notwendig. Die anderen halten Reformen für Teufelszeug und sehen in dem, was so schön kirchlich, und völlig volksfremd als „Synodaler Weg“ gefährdet wird, schon einen Verrat an Gottes Plan.

Alter Wein in alten Schläuchen oder Teufelszeug?

Beide scheinen nur bis zum eigenen Tellerrand zu blicken. Die einen bemerken nicht einmal mehr, dass Reformversprechen seit der Würzburger Synode – und die begann vor genau 50 Jahren – selten in ihrer Wirkung über „heiße Luft“ hinausgingen und die Probleme der Zeit nie lösen nachhaltig konnten. Die anderen glauben, dass ein starres Festhalten an Überkommenem die Spreu vom Weizen trennt und anschließend alles wieder gut ist, spüren das Feuer an ihrer Kehrseite nur deshalb nicht, weil der Wind durch immens schnellen Absturz sämtliche Hitze abführt. Eine gewisse Katharsis gehört nun einmal zu den Lehren der Kirche.

Der Geist des Bonifatius

Zu beneiden sind die Bischöfe ganz sicher nicht. Die Entscheidungen, die sie treffen müssen, entscheiden darüber, wie es mit der katholischen Kirche in Deutschland weitergeht. Und weil genügend evangelische Christen wegen Mixa und Tebartz-van Elst aus ihrer Kirche ausgetreten sind, dürften auch die evangelischen Kirchenoberen mit einem leicht bangenden Auge nach Fulda schauen. Insofern kann man nur hoffen, dass sich Fulda als gute Wahl für die herbstliche Bischofskonferenz erweist. Falls es dem Geist des Bonifatius gelingen sollte, aus seinem steinernen Sarkophag heraus die Bischöfe zu erreichen. Denn dem gelang es ja bekanntlich, eine Kirche im Niedergang nicht zur aufzufangen, sondern sogar zu einer nie gekannten Größe zu führen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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