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Ernest Hemingway, Steve Harley und eine atemberaubende Kurzgeschichte mit großer Wirkung (23. September)

In der Schule hat das immer genervt: Einleitung – Hauptteil – Schluss. Wenn es sich um eine Kurzgeschichte handelt, dann muss der Schluss ganz schnell nach dem Höhepunkt folgen. Und so kurz wie möglich sein. Erst später, als ich mehr über den Zusammenhang von Inhalten und Form gelernt hatte, vor allem, als ich diesen Zusammenhang verstanden hatte, habe ich manche Texte als Meisterwerke empfunden. Und selbstkritisch festgestellt: Viele meiner Texte haben die Eigenart, eine recht lange Einleitung zu haben. So auch dieser hier. Mittlerweile haben Sie rund 45 Sekunden gelesen und wissen immer noch nicht, worauf ich hinaus will. Tödlich für Texte im Internet, sagt man. Mag sein. Mag auch sein, dass ich mich einfach weigere, mich dem Diktat des Internets zu fügen.

Lange Einleitung

Um Ihre Geduld noch ein bisschen mehr zu strapazieren, werfe ich zwei Namen in den Raum: Ernest Hemingway und Steve Harley. Der eine ist ein Schriftsteller, gestorben vor 50 Jahren, und mit „Der alte Mann und das Meer“ immerhin Literaturnobelpreisträger. Der andere ein britischer Rock- und Popmusiker, der seine größte Zeit in den 1970ern hatte, bis heute immer wieder neue Songs schreibt und den ich wegen seiner durchgequirlten Stimme und seiner anspruchsvollen Texte liebe. Ein paar Mal hatte ich Steve vor dem Mikrophon. Und ab jetzt, das verspreche ich Ihnen, führe ich die drei Erzählfäden dieses Textes – Schule, Ernest Hemingway und Steve Harley – zusammen.

Interview mit Steve Harley

Es war nämlich Steve Harley, der mich in einem Interview auf die kürzeste Kurzgeschichte der Welt aufmerksam machte. Ich hatte damals Steve nach seinen Intentionen einiger seiner Songs gefragt. Als wir zu „For Sale. Baby Shoes. Never Worn“ kamen, war Steve entsetzt. „Das kennst du nicht? Das ist doch von Hemingway!“ Aha. Wieder was gelernt. Und dann sprudelte er, der Rockstar, los, erzählte mir die rund 100 Jahre zurückliegende Story von Hemingway und dieser Kurzgeschichte: dass der Amerikaner mit einer Reihe seiner Kollegen gewettet haben soll, er könne die kürzeste Kurzgeschichte der Welt schreiben. Eine Kurzgeschichte, die – natürlich – sämtliche Regeln für eine Kurzgeschichte befolgen musste. Also: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Und vor allem den extrem kurzen Schluss direkt nach dem Höhepunkt. Hemingway gewann seine Wette.

Die kürzeste Kurzgeschichte der Welt

„So entstand die kürzeste Kurzgeschichte der Welt“, sagte Steve. Und fügte fast schon feierlich hinzu: „For Sale – Punkt. Baby Shoes – Punkt. Never worn – noch ein Punkt.“ Auf Deutsch: Zu verkaufen. Baby-Schuhe. Niemals getragen!

Was für eine Geschichte! Ein Text, bei der die Phantasie Purzelbäume schlägt: Da sind also Eltern, freuen sich auf ihr Kind. Haben vielleicht schon das Kinderzimmer eingerichtet. Haben schon Babyschuhe gekauft. Nur: Das

Kind wird diese Schuhe niemals tragen. Der Text lässt offen, warum. Ist das Kind gestorben, bewor es geboren wurde? Eine Wahnsinnsgeschichte! Hemingway erzählt sie mit nur diesen sechs Wörtern: „For Sale. Baby Shoes. Never Worn.“ Gänsehaut pur!

Ein ganzes Leben

Denn diese sechs Wörter erzählen ein ganzes Leben. Erzählen alles, was das Leben enthalten kann: unendliche Freude, megagroße Trauer. Liebe, Hoffnungen, Freude, Enttäuschungen, Leid, Verzweiflung, vielleicht sogar Zerbrechen und Trennung – wer weiß das schon? Vielleicht sieht die Geschichte, die diese sechs Wörter erzählen, bei Ihnen ja ganz anders aus. Schließlich hat auch Steve Harley seine eigenen Vorstellungen mit Hemingways sechs Worten verknüpft, als er diese sechs Wörter als Leitfaden für einen seiner Songs verwandte.

Wirkung über den Text hinaus

„For Sale. Baby Shoes. Never Worn.“ Sechs Wörter, je zwei für Einleitung, Hauptteil und Schluss. Ein extrem kurzer Schluss, bei dem allerdings das Ganze dann noch lange nicht zu seinem Ende gekommen ist. Denn ein guter Text wirkt weiter, regt zum Nachdenken an, löst Emotionen aus. Er macht etwas mit der Leserin und dem Leser, das weit über das gute, alte Kopfkino hinaus geht: Er hinterlässt Spuren, beeinflusst unter Umständen sogar spätere Handlungen von Leserin und Leser.

Literaturnobelpreis

Zugegeben: Was meine Art, Texte zu schreiben, anbelangt, habe ich nicht viel von Hemingway gelernt. Meine Einleitungen sind lang, Hauptteile und Schlüsse gehen so, selbst wenn sie natürlich meilenweit von der Vorlage Hemingways mit nur zwei Wörtern abweichen. Der schwache Trost: Ich bin ja auch kein Literaturnobelpreisträger. Und selbst diesen Preis hat Hemingway ja nicht für eine Kurzgeschichte erhalten, sondern für einen Roman. Immerhin: „Der alte Mann und das Meer“ ist ein Kurzroman. Aber Wirkung zeigt Hemingways Kurzgeschichte bei mir bis heute. Deshalb wollte ich sie Ihnen erzählen. Vielleicht löst sie ja auch bei Ihnen etwas aus.

Danke Steve Harley, danke Ernest Hemingway. „For Sale. Baby Shoes. Never Worn.“ Viel mehr als nur eine Wahnsinns-Geschichte. Dass die ganze Sache mit der Wette eine Urban Legend zu sein scheint, dass selbst Hemingway, so sein Literaturagent Peter Miller später, diese „six words“ nie geschrieben hat, spielt am Ende überhaupt noch nicht einmal eine Rolle. Diese sechs Wörter und ihre Wirkung bleiben auch so bestehen.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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