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Comeback des Schneewittchensargs – der Messerschmitt Kabinenroller kommt wieder (7. Oktober)

Als Opa das erste Mal erzählte, dass er einen „Schneewittchensarg“ besessen habe, schauten wir Enkel ihn ungläubig an. In unseren Köpfen spukten die Bilder einer jungen und schönen, aber leider toten Prinzessin, aufgebahrt in einem gläsernen Sarg. Und dabei so friedlich, dass es aussah, als ob sie schliefe. Opa löste unser Staunen schnell auf: Schneewittchensarg – das war der Kosename für den Messerschmidt Kabinenroller. Ein Kleinwagen zwar nur, aber ein Zeichen für die unglaubliche Aufbruchsstimmung nach dem Krieg: Wie auf einem Motorrad saßen Fahrer und Beifahrer hintereinander, sprichwörtlich „immer der Sonne entgegen“: Denn über sich hatten sie lediglich eine Plexiglaskuppel, die den Blick in den freien Himmel erlaubte. Zum Ein- und Aussteigen ließ sich diese Haube einfach wegklappen. Und irgendwie wurde dadurch das aerodynamische Gefährt im Volksmund zum „Schneewittchensarg“.

Größer, höher, weiter…

Opa ist lange tot und auch die seinerzeit rund 40.000 produzierten Kabinenroller gingen zum größten Teil den Gang alles Irdischen: zum alten Eisen geworfen, verrostet, verschrottet, weil der automobile Winzling irgendwann den Ansprüchen der Wirtschaftswunder-Generation nicht mehr genügte. Größer, höher, weiter… und vor allem komfortabler – das war der Trend der Zeit.
Der sich bis heute fortgesetzt hat: Mit einem tonnenschweren Siebensitzer, besetzt von einem einzigen Menschen, der sich auf dem Weg zur Arbeit im Stau im wahrsten Sinne des Wortes „breitmacht“ – das ist die Gegenwart. Im Grunde das krasse Gegenteil von dem, was der „Schneewittchensarg“ seinerzeit war. Dessen Aufgabe bestand darin, möglichst eine Person oder auch zwei von A nach B zu befördern. Möglichst preiswert. Und vor allem trocken.

Preiswerter Zwerg

Viel Platz beanspruchte der Zwerg unter den Automobilen dabei nicht: Drei Meter lang, gerade einmal 1,27 Meter breit. Verglichen mit manchem SUV-Panzer, der die Länge von fünf Metern überschreitet und 1 ½ mal so groß ist wie der „Schneewittchensarg“, war der tatsächlich ein Winzling. Und verbrauchte auch nur schlappe drei Liter Sprit. Ein Leopard-Panzer benötigt angeblich schon 20 Liter allein zum Anlassen. Seine aktuellen „zivilen Brüder“ auf einhundert Kilometer oft genug vier- bis fünfmal so viel wie der „Schneewittchensarg“, manche mehr. Die dann allerdings mit Katalysator. Den gab es zu Zeiten des Kabinenrollers noch gar nicht. Genauso wie man damals noch keinen Gedanken an die Umwelt und das Klima verschwendete.

“Schneewittchensärge“

1953 begann der Aufstieg des Kabinenrollers, 1955 wurde aus dem KR 175 der größere Bruder KR 200. 1964 war der ganze Spuk dann schon wieder vorbei. Größer, höher, weiter… komfortabler – aber das hatten wir schon. Dass in den 1970er der Volvo P1800 ES wegen seiner Glaskuppel im Heck den Namen „Schneewittchensarg“ übernahm, dass sogar der Porsche 924 aus demselben Grund plötzlich ebenso betitelt wurde – Opa konnte das nie verstehen. Sein Standardspruch: „Hast du schon einmal einen so breiten Sarg gesehen?“ Für Nostalgiker ist und bleibt der Messerschmitt Kabinenroller der einzig wahre „Schneewittchensarg“.

Neuer „Schneewittchensarg“: Piëchs L 1

Die Chancen, heute noch einen echten „Schneewittchensarg“ auf der Straße zu sehen, sind verschwindend gering. Das gilt auch für ihre Pseudo-Nachfolger: 2002 präsentierte der damalige VW- Vorstandschef Ferdinand Piëch einen Enkel des echten Schneewittchensarges, bei dem Fahrer und Beifahrer hintereinander unterwegs waren: Mit dem Prototyp eines Ein-Liter-Autos fuhr der findige Unternehmer medienwirksam vom VW-Stammwerk in Wolfsburg zur Hauptversammlung der Aktionäre nach Hamburg. „Der richtige Weg in die Zukunft“, so urteilte damals der Verkehrsclub Deutschland (VCD) über das kleine Gefährt. Schon das Nummernschild unterstrich clever, wohin die Reise gehen sollte: „WOB L 1“ – das Ein-Liter-Auto aus Wolfsburg. Ein echter Wagen für das Volk. Piëch

ging in Rente, sein Nachfolger Bernd Pischetsrieder verabschiedete sich schon 2006 wieder bei VW. Der „L 1“ war zwischenzeitlich still und heimlich gestorben. Kaufen konnte man ihn nie.
Vom XL 1 zum Twizy

Zehn Jahre später präsentierte derselbe Konzern den XL 1. Aber da saßen die beiden Insassen schräg versetzt hintereinander. Haben Sie dieses Auto schon mal irgendwann auf der Straße gesehen? Eben!
Renault machte es da besser: 2011 brachten die Franzosen den schnuckeligen Twizy auf den Markt. Hier waren die zwei Sitze wie beim Kabinenroller hintereinander angeordnet. Allerdings wird Renaults Kleinster gar nicht als Pkw geführt. Er gilt als Leichtfahrzeug, als Quad, bekommt also trotz elektrischen Antriebs keine staatlichen Zuschüsse wie eben „echte Elektro-Pkw“. Das macht ihn ziemlich teuer für das, was er bietet. Kein Wunder, dass die Franzosen mittlerweile die Produktion nach Asien verlagert haben.

Meistens nur der Fahrer

Statistisch ist bei einem fahrenden Auto in den allermeisten Fällen eh nur der Fahrersitz belegt. Die Idee, zwei Sitze hintereinander anzuordnen, macht sich folglich in der Praxis kaum bemerkbar. Aber sie macht das Fahrzeug schmal und windschlüpfrig, es verbraucht weniger Sprit und beansprucht nur einen halben Parkplatz. Eine Wohltat in älteren innerstädtischen Parkhäusern. Kleiner Witz am Rande: Stehen drei SUV im Parkhaus nebeneinander. Wer steigt da noch ein oder aus?
Wohl unter diesem Aspekt zeigte Seat schon 2019 den Prototyp des Minimó. Der sieht aus wie Twizy nach einem Facelifting. Wenn er denn überhaupt aussieht. Oder haben Sie diesen Wagen schon mal auf der Straße gesehen? Vielleicht ja noch in diesem Jahr, vielleicht im nächsten. Vielleicht nie? Noch weiß man das nicht.

Alte Namen, neue Größen

Wohin steuert die automobile Zukunft? Diejenigen mit dem meisten Know How, nämlich Smart, setzen – ach wie innovativ – in Zukunft auf SUVs wie jeder andere Hersteller. Der eigentliche Mini sollte sich angesichts seiner aktuellen Abmessungen für seinen Namen schämen. Der kleine Fiat 500 ist längst ein ganz Großer. Zwar plant Renault mit dem R 5 und mit dem R 4 elektrische Neuauflagen alter Publikumslieblinge – aber die Dimensionen haben mit den Vorgängern nun aber auch gar nichts mehr zu tun.

Das Aus für die Kleinwagen

Angeblich verteuern die immer schärferen Abgasnormen die Kleinwagen, so die Massenhersteller. Deshalb müssen die Kleinwagen immer größer werden? Oder ganz verschwinden? Zumindest bei den Massenherstellern ist das so. Schon merkwürdig. Ich habe immer gedacht, dass man bei kleineren Fahrzeugen die Gewinne über die Masse einfährt.

Mircolino

Aber wo sich durch den Rückzug der Etablierten Lücken auftun, gibt es andere, die diese Lücken füllen. Autoliebhaber freuen sich momentan über den Microlino. Auch wenn der Hersteller das nicht gern hört: Der Microlino sieht nämlich aus wie die gute, alte Isetta. Nur dass sie den Sprung ins Elektrozeitalter geschafft hat. 2,50 Meter lang, immerhin 1,50 Meter breit ist die neue Knutschkugel, soll ab etwa 13.000 Euro kosten und helfen, den Verkehrskollaps in den Städten zu verhindern. Gab es nicht irgendwo einen Werbespruch nach dem Motto „Reduced to the Max“? Hier würde er passen.

City Transformer und City One

Spannend wird die Frage, ob sich eine Idee aus Israel durchsetzen kann: Der „City Transformer“ – geiler Name, oder? „Transformer“! Ha!!! Arnie lässt grüßen – ist normalerweise 1,40 Meter breit. Auf Knopfdruck kann er aber schmaler werden: Mit dann nur noch einem Meter Breite dürfte dieser Mini-Stromer in der City in so manche Parklücke passen, an die ein SUV vorbeifahren muss.
Ein Münchener Start Up hat den City One entwickelt – ein Fahrzeug, bei dem man Zusatzakkus einschieben und somit die Reichweite vergrößern kann. Auch eine Idee!

Ami und Rocks-e

Und, siehe da, die ersten etablierten Automobilhersteller halten es mittlerweile für möglich, dass sich das Umdenken ihrer Kundschaft demnächst auch bei ihrer Kaufentscheidung bemerkbar machen könnte. Wer da nichts anbieten kann, kann nichts verkaufen! Anders ist es kaum zu erklären, dass Citroën mit dem „Ami“, dem wahren kleinen Freund, ein Fahrzeug angekündigt hat, das – baugleich mit dem Opel Rocks-e aus demselben Großkonzern – den Hauptsinn und -zweck eines Automobils erfüllt: Seine Nutzer trocken und möglichst kostengünstig von A nach B zu bringen. Und, dieser Gedanke ist im Gegensatz zu den 1950er Jahre-Kleinwagen neu, dabei die Umwelt schonen.

Zwergenaufstand und Trendwende

Der Zwergenaufstand ist in vollem Gange. Noch werden zwar mehr SUV verkauft als je zuvor, noch läuft die Werbung für „rollende Wohnzimmer“ auf vollen Touren. Aber eine Trendwende scheint in Sicht. Städte und Kommunen siechen am Verkehrskollaps dahin, Mobilität hat ursprünglich etwas mit „mobil sein“ zu tun und weniger mit „im Stau stehen“. Und selbst wenn die Parkplatzsuche immer intelligenter wird: Mehr Parkplatze für immer mehr, zudem immer größere Fahrzeuge gibt es in den Innenstädten nicht. Witz: siehe oben! Hinzu kommt die aktuelle politische Entwicklung in Deutschland. Da kommt einiges in Fluss. Das wissen auch die Autohersteller.

Elektrischer „Schneewittchensarg“

Als potenzielle Kunden haben wir, Sie und ich, es in der Hand, ob die Trendwende kommt oder nicht. Dabei könnte sogar auch Opas „Schneewittchensarg“ eine Rolle spielen. Ich sage nur KR-202 E. Na gut, ein klangvoller Name ist das nicht. Aber einer, der eine Tradition aufnimmt und fortsetzt. Der KR-202 E stammt aus dem spanischen Malaga, sieht aus wie ein Messerschmitt Kabinenroller… und ist auch einer. Ein echter „Schneewittchensarg“. Aber ein elektrischer, produziert von Messerschmitt, deren Werke sich nun in Spanien befinden. „Die Produktion ist angelaufen“, heißt es stolz auf der Homepage. Und, na klar, dieser Zusatz darf nicht fehlen: „Der KR 202-E kann jetzt sofort bestellt werden!“

Hat seinen Preis…

Ganz billig wird das Vergnügen allerdings nicht. Knapp über 16.000 Euronen kostet die kleinste Version, bis sie bei Ihnen vor der Tür steht. Beinahe 19.000 Euronen werden für die nächstgrößere Ausführung fällig. Wollen Sie dann noch „Kleinigkeiten“ von der USB-Buchse über das Bluetooth-Radio bis hin zur elektrischen Zwei-Stufen-Heizung und vor allem ein 2. Batterieset dazukaufen, können Sie schnell noch einmal bis zu 4.000 Euronen nachlegen. Dafür bekommen Sie dann aber „Opas Schneewittchensarg ganz neu“. Einer aus den 1950er Jahren wäre eh deutlich teurer. Wobei die wenigen Exemplare, die es heute noch gibt, meistens ohnehin unverkäuflich sind.

Keine Pkw, sondern Leichtfahrzeuge

Was man der Ehrlichkeit halber anfügen muss: Die „neuen Kleinwagen“ sind in der Regel keine Pkw, sondern firmieren als Leichtfahrzeuge. Sie sind tatsächlich bezahlbar, weil sie auf eine Menge verzichten, was ein „normaler Pkw“ bietet: In puncto Reichweite, Geschwindigkeit, Assistenzsysteme und Crashsicherheit bleiben diese Leichtfahrzeuge hinter „einem richtigen Pkw“ deutlich zurück. Sie dürfen das auch, weil sie eben keine „richtigen Pkw“ sind. Manch eine Neuentwicklung verzichtet sogar auf Airbags – angesichts des angedachten Einsatzortes im städtischen Bereich vielleicht vertretbar. Auf der Landstraße bin ich mir da nicht so sicher. Klar ist aber: Keines dieser kleinen Fahrzeuge hat eine ausrollbare Leinwand, wie sie ein Massenhersteller unlängst für die Studie eines neuen „rollenden Wohnzimmers“ vorgestellt hat. Beim Nachladen der Akkus soll man sich die Zeit mit dem Anschauen von Filmen versüßen können. Na ja…

Image und Prestige

Oft genug entscheidet beim Autokauf nicht der Kopf, sondern der Bauch. Und oft genug steht hinter der Fahrzeugwahl auch die Frage des Prestiges. Für mich persönlich ist klar: Wenn der Tod meine alte Möhre und mich eines Tages voneinander scheidet, dann werde ich wohl statt in einem „SUV-Panzer“ wohl eher in einer hippen “Pseudo-Isetta“ oder einem „Schneewittchensarg“ durch die Gegend sausen. Schließlich haben die kleinen Knirpse ein unglaublich positives Image und bedienen Erinnerungen. Opa wird mir, da bin ich sicher, „von oben“ irgendwie zulächeln und sich so richtig freuen. Die Umwelt, unser Klima und die verstopften Innenstädte ganz sicher auch.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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