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Über 60 Jahre kein Wort gesprochen – sich verlieren, sich selbst begegnen (11. Oktober)

Tommy Albert war bereits 105 Jahre alt, als auch in unseren Medien ein Zeitungsartikel über ihn erschien. In Preston lebte er, irgendwo im Nordwesten Englands. Auf die Frage, was ihn dieses nahezu biblische Alter erreichen ließ, gab der Mann keine Antwort. Nicht weil er dazu nichts hätte sagen können. Auch nicht, weil er – einem uralten Witz folgend – sich noch nicht entschieden hatte, ob er mit einer Firma für Knoblauchpillen, einen Kräuterdestillat oder einem Sportartikelhersteller einen Vertrag abschließen wollte. Tommy Albert sagte nichts, weil er schon seit 62 Jahren kein einziges Wort mehr gesprochen hatte.

Der Geheimnisvolle

„Den Geheimnisvollen“ nennen sie ihn die Senioreninnen und Senioren im Altenheim im Preston. Und die Pflegerinnen und Pfleger tatet es ihnen gleich. Keiner von ihnen wusste, warum der Mann nicht sprach. Auf Fragen schüttelte er nur den Kopf oder nickte, je nachdem, ob er nein oder ja sagen wollte. Erst kurz nach seinem 105. Geburtstag wurde das Geheimnis angeblich gelüftet: Im Ersten Weltkrieg erlitt Tommy Albert eine Verwundung. Und möglicherweise verlor er dadurch sein Gedächtnis. Aber stellt man deswegen das Sprechen ein?

Untergetaucht im Kloster: Gerd

„Solch einen Fall kenne ich. Hautnah“, sagte mir einmal ein katholischer Ordensmann. Und erklärte mir, dass unmittelbar nach dem Krieg ein junger Mann plötzlich zum Kloster gekommen sei, der kein Wort gesprochen habe. Keine Papiere, kein Ausweis, keine sonstigen Anhaltspunkte, um seine Identität zu klären. Niemand wusste, wer er war. Niemand kannte ihn. Aus seinem gesamten Verhalten konnte man erschließen, dass er Schreckliches erlebt hatte. Er übernahm klaglos Dienste in der Klosterküche und blieb jahrzehntelang, ohne dass seine Identität jemals geklärt wurde. Wurde er von den Behörden gesucht? Hatte er etwas Schlimmes verbrochen? Wurde er vermisst? Antworten auf diese Fragen gab es keine. Auffällig war nur, dass er die Menschen floh. Kamen Besucher ins Kloster, war Gerhard nicht zu sehen. Ihn „Gerhard“ zu nennen – darauf hatten sich die Mönche und Brüder schließlich festgelegt. Jeder Mensch muss einen Namen haben.

Sichere Zuflucht

Ob sich die Mönche an die Polizei gewandt hatten? Kaum hatte ich die Frage gestellt, bereute ich sie auch schon. Im Kloster hatte Gerhard eine Heimat, eine Zuflucht gefunden. Es gab einfach keine Veranlassung, irgendetwas zu tun, was diesem armen Menschen die Zuflucht hätte gefährden können. Als er starb, beerdigten ihn die Mönche auf dem Klosterfriedhof. „Gerhard“ steht auf dem kleinen Holzkreuz. Dazu das Sterbedatum. So wird er nicht vergessen. Zumindest nicht von den Bewohnern des Klosters. Die übrigens auch jetzt nicht die Behörden informierten. Wenn nicht bei einem Lebenden, warum dann bei einem Toten?

Zukunft planen aus der Erinnerung

Sein Gedächtnis zu verlieren, keinen Anhaltspunkt mehr zu haben, wer man ist, wo man hingehört – das stelle ich mir schrecklich vor. Es fällt mir schwer, mir überhaupt irgendwie vorzustellen, was das bedeutet: Weiß man, was man gerne getan hat, welchen Menschen man gemocht hat, welchen nicht? Vermisst man jetzt irgendetwas? Ich zum Beispiel freue mich über Musik, die ich gehört habe, denke gern Gespräche zurück, die ich mit anderen Menschen geführt habe, erinnere mich an Konzerte, die ich besucht, Filme, die ich gesehen habe. Aus all diesen Erinnerungen, so denke ich manchmal, entsteht erst die Sehnsucht, etwas Neues zu machen. Ein wunderschöner Abend mit Freunden in der vergangenen Woche – lasst uns das doch in der nächsten Woche wiederholen! Ein entspannender Urlaub, in

dem ich endlich wieder einmal zur Ruhe gekommen bin – so etwas muss ich noch einmal machen. Rechtzeitig, um nicht völlig aus der Spur zu kommen. Wie aber ist das, wenn man sich an gar nichts erinnert? Plant man dann auch nichts?
Ich bin

Ich bin Ana-Maria, Tochter von A und B, in C geboren, habe die Schulen D und E besucht, in F studiert, bei G, H und I gearbeitet, dann und dann J kennengelernt und… Hat man noch ein Gespür dafür, was einen ganz persönlich ausmacht? Ja, wer man ist? Und was man ist? Gibt es noch etwas, woran man sich festhalten kann? Oder ist es so, als würde einem der Boden, auf dem man gerade steht, immer wieder aufs Neue unter den Füßen weggezogen? So total, dass es einem im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verschlägt. Wenn das Gedächtnis fehlt – worüber sollte man auch reden?

Tatsächlich nur Einzelfälle?

Fragen, auf die ich keine Antwort fand, bis heute keine Antworten finde. Was mich als Mensch, der immer nach Antworten sucht und unzufrieden ist, wenn er keine findet, ziemlich erschreckt. „Gut, dass es dir nicht so geht, gut, dass die Erfahrungen von Gerhard und Tommy Albert nicht die Regel, sondern die Ausnahme sind.“ Und gleich hatte ich schon die nächste Frage im Kopf: Sind sie wirklich Ausnahmen? Vielleicht in ihrer Intensität. Aber plötzlich hatte ich die „ganz normalen Menschen“ vor Augen, Zeitgenossen wie Sie und mich: Viele von ihnen laufen gehetzt, sozusagen mit hängender Zunge, voller Unzufriedenheit durch den Alltag. Und das menschliche Miteinander weicht immer mehr einer hilflosen Sprachlosigkeit.

Sich im Anderen begegnen

Verlieren wir Menschen in der sogenannten Post-Moderne auch gerade etwas? Nicht direkt unser Gedächtnis, aber doch die Erinnerung daran, was uns als Menschen guttut, was wir brauchen, was uns ausmacht? Sind wir in unserer Gesellschaft zunehmend dabei, uns selbst zu verlieren? Vielleicht sogar deshalb, weil wir die Beziehungen zu anderen Menschen immer weniger intensiv gestalten? Und viel zu wenig um andere, dafür umso mehr um uns selbst kümmern?
Ich denke, es ist höchste Zeit, sich Zeit zu nehmen, zu verweilen, innezuhalten und Menschen ganz bewusst zu begegnen. Ich bin überzeugt davon: Letztlich begegnet man in den anderen sogar sich selbst.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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