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Das Wunder von Lengede – der Kampf ums Überleben (24. Oktober)

Manchmal, vor allem an Tagen wie diesen, sehe ich schemenhaft meinen Urgroßvater vor mir: ein hagerer, dunkelhaariger Mann, ehrlich, integer, immer für einen Scherz zu haben. Manchmal sehe ich ihn aber auch als einen ganz anderen Mann vor mir: eingefallen, ausgemergelt, ein Mann, der von seiner Staublunge gezeichnet ist, wie er seine Erkrankung nannte. Die hatte er sich unter Tage zugezogen. Denn mein Urgroßvater war Bergmann, mitten im Ruhrgebiet. Ein gottesfürchtiger Mann, wie man heute vielleicht sagen würde. Einer, der sich bewusst war, dass er mit jeder Einfahrt in den Pütt, mit jedem beginnenden Arbeitstag sein Leben riskierte. Wie ich ihn so vor mir sehe, ist er schreckensbleich.

Keine eigene Erinnerung

Natürlich habe ich diesen Moment nicht selbst erlebt – ich kenne ihn nur aus verschiedenen Erzählungen in meiner Familie. „Weißt du noch, als Opa damals unbeweglich am Fenster saß und nach draußen starrte“, hieß es oft. Opa – gemeint war mein Uropa. Und gemeint war der 24. Oktober 1963.

Als Urgroßvater da stockstarr über Stunden am Fenster saß, ganz still, ganz ruhig, da trug er seine Bitten und Sorgen vor Gott. Betete für Menschen, die er nie gekannt hat. Aber die Kollegen waren. Bergmänner wie mein Urgroßvater auch.

Das Unglück von Lengende

Bis ins Mark getroffen war er, als er von dem Unglück in Lengede hörte. Heute vor 58 Jahren bricht über der Eisenerzgrube in Lengede ein Klärteich. Eine halbe Million Kubikmeter Wasser und Schlamm laufen flutartig in den Bergwerksschacht. 129 Männer sind da unten, 79 können sich innerhalb der ersten Stunden retten, sieben weitere später. Der Rest steckt irgendwo da unten fest. Abgeschnitten von der Außenwelt, ohne eine Chance, aus eigener Kraft wieder zurück ans Tageslicht zu kommen. Allerdings kann sich dieser Rest sicher sein, dass fieberhaft nach ihm gesucht wird. Dass man alles daransetzt, um sie, die verschütteten Kumpel zu bergen.
Zuerst bohren damals die Rettungsteams ein tiefes Loch in den Boden. Eine Art Horchposten, der auf Klopfzeichen wartet. Nichts. Also ein neues Loch an anderer Stelle. Wieder nichts. Fünf lange Suchbohrungen und immer wieder: nichts. Je mehr Zeit vergeht, desto geringer werden die Überlebenschancen der Verschütteten. Wasser, Grubengas, Durst – das sind die Hauptgefahren. Und die eigene Angst. Die kann Menschen dazu bringen durchzudrehen.

Klopfzeichen und Totenlisten

Dann, drei Tage nach dem Unglück, plötzlich Klopfzeichen. Da lebt noch jemand! Tief unter der Erde. Irgendwo. Eingeschlossen. Ohne Essen – das ist schlimm. Ohne Licht – das ist beängstigend. Aber niemand weiß, wie lange der Sauerstoff noch reicht. Das ist lebensbedrohlich. Eine erneute Bohrung, ein Rettungsschacht. Und dann die große Freude. Aber gleichzeitig die große Ernüchterung: In einem kleinen Hohlraum haben gerade einmal drei Bergleute überlebt. Und der Rest? Langsam wird das, was die Angehörigen schon längst befürchten, zur tödlichen Gewissheit: Diejenigen, die bisher nicht zu den Geretteten gehören, wird man nicht mehr lebend ans Tageslicht zurückholen können. Die Namen dieser Vermissten werden auf Totenlisten gesetzt. Man erklärt die Rettungsarbeiten offiziell für beendet.

Aufgeben ist keine Option

Doch einige Bergleute geben nicht auf, drängen und drängen und drängen. Für sie ist aufgeben keine Option. Ein Satz, der viel später in ganz anderem Zusammenhang in die Geschichte eingehen wird. Schließlich, und sei es nur, um die Quälgeister zu beruhigen, setzt die Bergwerksleitung eine weitere

Bohrung an. Und bekommt am zehnten Tag nach dem Unglück Kontakt zu weiteren Bergleuten. Weitere vier Tage später werden zehn von ihnen tot geborgen, erschlagen vom herabfallenden Gestein. Aber elf Eingeschlossene können lebend geborgen werden. Erschöpft, apathisch, gezeichnet von zwei Wochen im Dunkel, ohne Essen, eingepfercht auf ein paar Quadratmetern, den sicheren Tod vor Augen.
Der Film

40 Jahre nach dem Unglück, 2003, entsteht ein Spielfilm über „Das Wunder von Lengede“. Unglaublich, welche großartigen Schauspieler daran beteiligt sind: Klaus J. Behrendt, Martin Brambach, Heino Ferch, Günter Maria Halmer, Thomas Heinze, Jan Josef Liefers, Heike Makatsch, Axel Prahl, Armin Rohde, Benjamin Sadler, Jürgen Schornagel, Nadja Uhl, Katharina Wackernagel, Gustav Peter Wöhler und viele andere spielen brillant, geben der Ansammlung von menschlichen Extremgefühlen je auf ihre eigene Weise ein Gesicht. „Liebe, Hoffen und Bangen, Tod wie Verzweiflung“ würden „auf höchstem Niveau mit anhaltender Spannung“ dargestellt, so lobt später das Lexikon des Internationalen Films.

Hoffnung und Optimismus

Eine Gefühlswelt, die auch mein Urgroßvater durchlebte. Die sein schwarzes Haar in nur wenigen Tagen in einen schlohweißen Schopf verwandelte. Gebetet hat er. Tagelang. Für seine eingeschlossenen Kollegen, die er überhaupt nicht kannte. Aber deren Leid, Ängste und Hoffnungen er teilte. Und dann hat er gedankt. Nicht laut, ohne Freudenschreie. Aber aus tiefstem Herzen dafür, dass am Ende die meisten Bergleute dieser Hölle entkommen konnten.

Manchmal, vor allem an Tagen wie diesen, sehe ich meinen Urgroßvater vor mir. Bleich, schlohweiß, ausgemergelt, aber voller Hoffnung, voller Optimismus. Voller Energie, trotz seiner Krankheit, trotz aller Widrigkeiten immer wieder dabei, seinem Leben eine Wendung zum Positiven zu geben. Ein bewundernswerter Mann. „Das Wunder von Lengede“ – aus seiner Sicht war dies sicher der beste Titel, dem man diesem schrecklichen Unglück geben konnte.

Momentaufnahmen, kurze Episoden in den Medien, flüchtige Eindrücke – und alles rauscht einfach vorbei? „Auch das noch“ zeigt die Skripte (leicht überarbeiteter) Rundfunkbeiträge aus dem öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk. Manche wurden sogar speziell für Heaven On Air geschrieben. Frei nach dem Motto: einfach mal einen Moment innehalten.

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